Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1874)
- Date
- 1874-06-09
- Page
- Seite 409 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Decrete alle algerischen Verhältnisse umgestaltet hat. Herr CrSmieux: Meine Herren! Ich dachte nicht, daß ich heute diese Tribüne besteigen würde. (Lauter!) Ich danke Ihnen für diesen Ruf: er beweist mir, daß Sie mich anhören wollen. Ich bin bereit, über alle Decrete, die ich erlassen habe, der Nationalversammlung Rechenschaft abzulegen. Heute will ich nur einen einzigen Punkt berühren, der von dem Berichterstatter ausdrücklich erwähnt worden ist : die Ertheilung des französischen Bürgerrechts an die algerischen Juden. Das diesbezügliche Decret ist nicht mein, sondern Napoleon UI. Werk; im Sommer 1870 interpellirte ich im gesetzgebenden Körper Herrn Emile Ollivier darüber, er erwiderte, die Regierung sei unschlüssig, ob sie die beabsichtigte Naturalisirung nicht lieber mittelst eines Gesetzes bewerkstelligen sollte; wenn ich aber, fügte er* in schmeichelhaften Ausdrücken hinzu, ein Decret für zweckmäßiger halte , so werde meine Ansicht Berücksichtigung finden. Die kaiserliche Regierung fiel, ich fand das Decret unter den Papieren des Justizministeriums vor, und als ich, wie man hier sagt, zum „Gesetzgeber" avancirte, hatte ich nur die Mühe, es zu veröffentlichen und ausführen zu taffen. An Artikel 3 nahm ich eine Aenderung vor, weil mir das von einer Eigenthümlichkeit der jüdischen Religion geboten schien, Er enthielt ursprünglich die Bestimmung, daß wahrend eines Jahres jeher Jude das Recht haben würde, das ihm abgetragene Bürgerrecht.abzulehnen..' Die jüdische Religion ist nur Wenigen bekannt, und wird oft ganz falsch beurtheilt; sie befiehlt die strenge Beobachtnng gewisser Vorschriften, mit denen jeder gute, jeder wahre Jude (Heiterkeit) vertraut ist. Die von ihrer Religion durchdrungenen Juden sind fest überzeugt, daß Alles, was sie betrifft, unmittelbar von Gott kommt, daß Gott es gewollt und angeordnet hat. Gott, der Alles vorhergesehen, hat den Juden, die fünfzehn Jahrhunderte lang auf dem Erdboden herumirren und verfolgt werden sollten, folgende Verhaltungsmaßregel gegeben: „Allenthalben, wo ihr euch niederlaßt, sollt ihr redlich dem Gesetz des fremden Landes folgen, wenn man es euch auferlegt." „Wenn man es euch auferlegt" — merken Sie sich diese Worte! Sie besagen, daß ein gläubiger Jude nicht freiwillig einer anderen Nation, die mit dem Volke Abrahams nichts gemein hat, beitreten darf, daß es folglich nicht von ihm abhängt, französischer Bürger zu werden oder nicht. Ich wußte das, und deshalb habe ich den algerischen Juden das französische Bürgerrecht, nicht angeboten, sondern auferlegt. (Allgemeine Heiterkeit. — Beifall.) Graf de Bastard: Sie haben die Rolle des himmlischen Vaters übernommen! Herr Crömieux: Und glauben Sie ja nicht, daß mir wegen dieses Zwanges ein einziger Vorwurf gemacht worden wäre! Meine Glaubensgenossen sind mir im Gegentheil dankbar, sie haben das. Decret als eine Wohlthat empfunden, und wie sollte dem ayders sein! Ich selbst kenne diese Dankbarkeit und dieses Gefühl aus der Erlösung der Knechtschaft, ich, der Sohn derer, die durch Ferdinand und Jsabella aus Spanien vertrieben und vor 1791 auch in Frankreich wie der Auswurf der Menschheit, ein verfluchter und geächteter Stamm, behandelt worden sind! Was wir sind, verdanken wir Frankreich, und Frankreich hat in den Juden seine anhänglichsten Bürger. Was die algerischen Israeliten insbesondere anbetrifft, so habe ich sie Ihnen, 35,000 an der Zahl, in einem Augenblicke als Mitbürger zugeführt, als Frankreich sich einen Theil seiner Landeskinder — aber nicht auf immer (Beifall) — entreißen lassen mußte. In diesen drei Jahren hat keiner dieser 35,000 neuer Mitbürger unter einer schimpflichen Anklage vor Gericht gestanden, und als davon die Rede war, sie der Militärpflicht zu entheben, telegraphirten mir die Consistorien: Wir sind Franzosen; wir wollen als Franzosen leben und sterben. Wir sind auf den ersten Ruf bereit! (Sehr gut!) Redner führt ferner aus, wie es kam, daß der General Chanzy, weil die algerischen Abgeordneten volles Vertrauen in ihn setzten, an die Spitze der Militär- und Civilverwaltung zugleich gestellt und im Zusammenhang mit dieser Neuerung der von Herrn Lambert erwähnte Antrag eingereicht wurde. Er fordert die Versammlung auf, beide Anträge zugleich in Betracht zu ziehen, und sein Vorschlag wird angenommen. (Man darf die Worte des ehrenwerthen Herrn Crumieux, was die religiösen Lehren des Judenthums betrifft, nicht ängstlich genau nehmen. Man könnte sonst aus seinen Moxi.en die Prädestination und den Fatalismus herauslesen, während in per Thora keine Lehre stärker betont wird, als daß der Mensch sich durch die eigene „Wahl Segen oder Fluch", Glück oder Mißgeschick bereitet, und die Folgen seiner guten und bösen Handlungen ihn treffen. Aehnlich verhält es sich mit dem folgenden Thefle seiner Rede. Redact.) Türkei. Konstantinopel, 23. Mai. Nach einem Telegramme hat in dem jüdischen Quartier in Galata eine große Feuersbrunst stallgefunden, durch welche mehrere Hundert Familien obdachlos geworden. Serbien. Belgrad, im Mai. Ueber die statistischen Verhältnisse d.er hiesigen Israeliten enthält das Mai-Bulletin der Alliance is.r. Univ., daß die gesammte Bevölkerung der serbischen Hauptstadt aus 25,000 Seelen besteht, von denen ungefähr 1000 Israeliten sind. Von 200 jüdischen Familien sind 160 arm und auf die Unterstützung der Gemeinde angewiesen; unter diesen 65 Wittwen mit Kindern. Die Zahl der schulfähigen Knaben ist 200, von denen dreiviertel das Schulgeld nicht bezahlen können. Die Israeliten Belgrads haben gegenwärtig eine Knaben- und eine Mädchenschule; die erftexe wird v.on 160 , die andere nur von 60 Zöglingen besucht, obgleich 220 junge Mädchen sie be- 24*