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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-06-02 · Heft 23 (2.6.1874) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 23 (2.6.1874)
Date
1874-06-02
Page
Seite 394 (sequence 16)
Language
German
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v; . — ^Wähler,- die. orthodoxen Juden, gehörte keiner Partei an. Was wußten sie von der Verfassung, was konnten sie davon wissen? Man sieht, dem Eifer und dem Geschick der vier Agitatoren war hier ein weiter und günstiger Spielraum geboten. Und sie nützten ihn auch — jeder nach Geschick und Eigenart. Der langhaarige Basil ging unermüdlich von einem Juden zum andern und schüttelte ihnen die Hand und versicherte sie, Ruthenen und Juden seien jetzt Brüder. Zur Bekräftigung erzählte er ihnen lange, wirre Geschichten von den Großthaten der Kosaken, wobei seine Augen unheimlich aufglühten, und brach plötzlich ab mit den Worten: „Also — Dr. Rosenblatt!" Aber die Juden sahen ihm verwundert nach und schüttelten den Kopf. . . . Und dann schlich der ehrenwerthe Kratzer , von Haus zu Haus und ließ sein Locklied ertönen. Aber er war just kein allzu geachteter Mann in seiner Gemeinde, und man ging ihm am liebsten ganz aus dem Wege. Fand er aber auch hier und da gleichgestimmte Seelen, so half das doch nicht viel, denn er konnte ihnen ja die fünf Gulden nur — versprechen. . . . Da hätte unser Janko durch seine kräftigen Reden schier noch mehr ausgerichtet. Denn diese bestanden aus lauter wirkungsvollen Antithesen und lauteten — muiatis mutandis.-— beiläufig also: „Dummer Moschko, wen willst Du wählen? Natürlich unseren gnädigsten Herrn Grafen und nicht diesen Federfuchser , diesen Schwindler, diesen -— Juden! Wählst Du den Grafen, so werden die. Steuern kleiner, wählst Du den Rosenblatt, so verfchwindelt er mit den anderen Juden dem Kaiser das Geld an der Börse, und da der Kaiser doch leben muß, so mußt Du dann nochmals Steuern zahlen. Wählst Du den Grafen, so werden „wir" machen, daß Du Deinen Proceß mit dem Boczkowski gewinnst; wählst Du den Rosenblatt, so verlierst Du den'Proceß und zahlst obendrein so viel Kosten, daß Du schwarz wirst. Wählst Du den Grafen, so bekommst Du Schnaps; wählst Du den Rosenblatt, so bekommst Du von den gräflichen Knechten Prügel, und dann schau auch zu, ob Dein Haus versichert ist. Und darum —. sei gescheit, Moschko — hoch die „Propination!" . . . Aber am unermüdlichsten ging Schlome Barrasch von Haus zu Haus und sprach zu den Leuten. Er sprach sehr seltsam: „Sieh' den Polen an," sprach er zu diesen armen Menschen, die so tief, so unsäglich tief begraben waren in Schmach und Dunkel, daß" sie sich schon daran gewöhnt, „sieh' den Polen an und dann sieh' Dich an. Seid Ihr nicht Beide Menschen, hast Du nicht Fleisch und Blut so wie er? - Warum darf er Dich höhnen, wie ihm beliebt, und Dir m's Antlitz speien, wenn's ihm gefällt, und seinen Witz an Dir prüfen und seine Peitsche? Und wenn er Dich drückt und Du gehst zum Gericht und klagst ihn, warum findest Du so spärlich Dein Recht? Ist denn das Recht nicht wie das Licht und die Luft und für Alle gemeinsam? Warum ist Dir Dein Glaube zum Fluch? Denke nach,JSD» armer, beladener Mensch, ob das Gott wollen .kann, ob das der, Kaiser wollen kann, ob das das Gesetz wollen kann?. Nein! — nur der Pole will's! Und nun denke daran, wie es vor vierzehn Jahren war — da hatten wir deutsche Beamte, die unsere Sprache verstanden und uns schützten, wenn uns der Pole trat! Es'war deshalb doch keine gute, Zeit, und jetzt ist eine lichtere, bessere Zeit für alle Völker und für alle Länder, nur nicht für Galizien,, denn hier herrscht nur der Pole. — Willst Du seine Herrschaft , noch ferner, willst Du seine Macht noch mehren — dann bist Dm für die Resolution und wählst den Grafen! Willst Du dasselbe Recht, wie die anderen Menschen in Oesterreich — dann bist Du für die Verfassung und wählst den Doctor! Und nun gehe hin und thue nach Deinem Willen!" . . . Diese Worte wirkten. Vergeblich ließ Janko die gräflichen Knechte und den rochen Hahn in seinen Reden in immer einladenderem Lichte erscheinen; vergeblich wurde die k. k. Behörde plötzlich so vergeßlich, daß ein Drittheil der Wahlberechtigten nicht zu seiner Legitimation kam. Der Wahltag kam und entschied für den Advocaten. Was nützte es, daß die Knechte des Grafen den Eingang besetzt hielten und die hohe Commission drinnen tobte, schimpfte und schrie? Freilich wurden die Juden geprügelt vor der Wahl, während der Wahl, nach der Wahl? aber deshalb war der Graf doch durchgefallen und der Advocat gewählt. . Seitdem sind lange Monde vergangen, und die Schlacht ist Halb und halb vergessen. Sie leben wieder im kleinen, armseligen Städtchen ihr kleines, armseliges Leben. Nur neulich wieder ist ein bischen „Politik" nach Barnöw gekommen und ein bischen „Bewußtsein". Das war, als die Abgeordneten aus Galizien im Reichsrathe sprachen. Besonders das geflügelte Wort, das Herr Mendelsburg gesprochen, das Wort von den „jüdischen Polen"*) — das hallte auch im Städtlein nach. Alle Politiker von Barnow gaben ihr Urtheil darüber ab. Und wie es lautete, das soll hier auch nicht verschwiegen sein! Da war also zuerst der Graf Alexander Rodzicki, der jetzt in unwillkommener Muße auf seinem Schlosse sitzt. Der las seiner Gemalin zuerst jene Rede vor und dann die Notiz von dem Bankette der polnischen Abgeordneten, bei dem Herr Mendelsburg als „erster Pole jüdischer Confession" so, begeistert gefeiert wurde. Dann ließ er das Zeitungsblatt sinken und sagte: „Das begreife ich nicht! — „Was? daß der Jude eine solche Rede gehalten hat?" — „Nein! das ist seine Sache." — „Oder daß unsere Herren ihm Beifall klatschten?" — „Auch das nicht! er hat ja in ihrem Sinne gesprochen, sondern—" — „Nun?" — Daß sie sich mit dem Juden an einen Tisch gesetzt haben! . . £ Hingegen meinte der Herr Bezirkshauptmann beim Gabelfrühstück in Rosenstock's Weinstube! „Diese Krakauer Erfindung *) Vgl. diese Zeitung Nr. 17. Corresp. aus Krakau. Redakt.

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