Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1874)
- Date
- 1874-06-02
- Page
- Seite 392 (sequence 14)
- Language
- German
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.383 gewesen, und in der Lombardei -hat er einmal als Feldwebel, auf ausdrücklichen Befehl des Marschalls. Radetzky, die ganze Armee zu einem herrlichen Siege geführt. Da war -nämlich einmal „da unten in Italien" ein so heißer Tag, „daß man Eier nur -wenige Sekunden lang in die Sonne zu legen brauchte, um sie gesotten zurückzuziehen",, und die ganze Armee lag .in ihren Zelten; da -kamen just „diese verdammten Piemontesey" angerückt. Der greise Marschall berief schnell alle seine Generale und sagte zu ihnen: „Ich alter Mann kann Euch nicht selbst ayführen, denn ich würde in dieser Hitze binnen einer Minute .ohnmächtig vom Pferde fallen. Aber ruft mir den. Ianko Ezupka, den Feldwebel von „Nassau" -— das ist nach mir der tüchtigste Soldat des Kaisers, und wenn er sich zusammennimmt, so trifft er.es vielleicht noch besser als ich . . ." Und Ianko hat sich zusammengenommen und hat es richtig „mindestens eben so gut" getroffen, und die Piemontesen sind gelaufen „wie die Schafe, sag' ich Euch", und — was die Wahrheit dieser Geschichte anbelangt, so wäre es Niemandem in Barnow und Umgebung zu rächen, daran zu zweifeln. Denn Herr Ezupka nimmt jetzt auch im Civilstande eine achtunggebietende Stellung ein: er ist Amtsdiener im Städtchen, der einzige Mann dieses Standes, der dem Bezirksgerichte, dem Steueramte und der Bezirkshauptmannschaft zugleich feinen starken Arm leiht und seine würdige Repräsentation dazu. Wenn er „wir" sagt — und er sagt immer „wir" — so ist darunter die Macht und Wucht der drei vereinigten Obrigkeiten zu verstehen, und wenn er in der Schänke sitzt — und er sitzt sehr oft in der Schänke — so rückt Alles ehrfurchtsvoll beiseite und lauscht aus respektvoller Entfernung seinen Erzählungen. Und ein solcher Mensch sollte nicht stolz sein?'. . . Unser stolzer Ianko steht also unten am Wagenschlage und reißt ihn demüthig <auf, wenn der Herr Graf von der Conferenz herunterkommt. Dieser über bleibt leutselig stehen und sagt: „Ianko, Du bist ein verläßlicher Mensch, und ich verlasse mich auch ganz auf Dich." — „Zu Befehl, Herr Graf," erwidert Ianko stramm militärisch, und der Edelmann drückt darauf dem Amtsdiener sogar einen Augenblick lang die Hand und fährt davon. Ianko aber lächelt selig und hält die Rechte gehallt, wahrscheinlich um die Wärme des gräflichen Händedruckes, länger nachzufühlen, und geballt versenkt er sie in die Tasche , und wie er sie ausgebreitet wieder hervorzieht, lächelt er noch seliger. ... Unter diesen freundlichen Auspicien beginnt die Wahlbewegung in Barnow und nimmt einen überaus einfachen Verlauf. An mehreren Straßenecken prangen polnische Plakate, welche von amtswegen.ankündigen, daß am zweitnächsten Montag im großen Gasthaussaale des Aaron Rosenstock die Landtagswahl stattfinde. Aber diese Plakate liest im Grunde nur Einer: . der mthenische Pfarrer, Herr Wladimir B»orod.ay.kiewicz, und der ärgert sich, darüber und beschließt, nicht hinzugchen. Die. Juden aber lefezt es nicht,, denn es gieht vielleicht picht Wi unter ihnen, welche, toje „christliche Schrift" lesen können, yyd vielleicht nicht Einen , .der Mit dieser christlichen Wissenschaft Auch' zugleich die.Kenrl.tM-.des Polnischen vereinigt.; Mer dieser Hauptmasse hex Wähler vermittelt Ianko mündlich dey . Inhalt des Plgkatß, Dr .trägt Pie Wahl-Legitimationen aus, Md das Erscheinen W .gefürchteten Repräsentanten der drei Obrigkeiten .wird Mt sehr gemischten Gefühlen begrüßt. Aber Ianko .lächelt -freundlich. „Pummer Mofchko," klärt er den ängstlichen^ StaatsMrgex.übtzr-Heine con- Mutio.nellen Rechte auf, „warum erschrickst Du? Ich.komme heute weder vom Bezirksgericht, noch vo.m Steueramt, sondern wir haben festgesetzt, daß am nächsten Montag der gnädigste Herr Graf Alexander Rodzicki nach Lemberg gewählt werden soll, damit die Steuern.Wner werden, Du wirst also Montag nnt .diesem Papier , zum Aaron -in. den Saal kommen, und wenn Pu voy der hohen Commission vorgerufen wirst, so wirst Du den Kamen des Herrn Grafen sagen, Md .dann kannst Du wieder laufen." Nach dieser einfachen Anordnung vollzieht sich deyn auch her Wahlact. Nur daß vorher noch zwei kurze Reden gehalten werden. Zuerst versichert der Candidat, daß ex ein guter Patriot sei und darum für immer an der Resolution festhalte. Die Juden schweigen, -deynsie wissen nicht genau, was das Ding bedeute; aber Ianko schreit „Bravo!", und zwar theils aus innerster Ueberzeugung, theils in Folge eines Älißperständnissts. Er verwechselt nämlich „Resolution" mit „Propination", und Paß an der nicht gerüttelt werden darf — das versteht sich, deyn wie M sonst der Mensch seiney Purst löschen? . . . AM Schlüsse aber sagt der Herr Gras: „Md was unsere jüdischen Mitbürger anbelangt, so kennen sie mich ja auch nach langjährigem Verkehre." Das ist auch die Wahrheit, der Herr Graf ist nicht stolz, und vielen Juden hat er sogar Stammbuchblätter geschrieben in Form von schön lithographirten länglichen Papierstreifen und versehen mit seiner eigenhändigen Unterschrift. Die zweite, noch-kürzere Rede, hält der Herr Bezirkshauptmann. Er verliest die einschlägigen Gesetzesbestimmungen und betont bespnders den Paragraph, welcher den Regiernngsyrganen jede W.ahlbeeinfluffung verbietet, in nachdrücklichster Weise. Dann schließt er mit dem erhebenden Zuruf : „Und nun, Ihr Juden, wollen wir den Herrn Grafen wählen!" Und die Juden thun es, und am nächsten Tage liest man in den Lemberger Blättern: „Im -Städtewahlbezirke Barnow-Wczkowa-Sylince wurd.e einer der entschiedensten Vertreter der Resolution, Graf Alexander Rodzichi, einstimmig zum Landtags-Abgeordneten gewählt. Dieses Ergebniß war bei der bewährten nationalen Gesinnung und politischen Reife der dortigen Wählerschaft leicht vorauszusehen. Möge diese Tatsache dazu beitragen, den Herren in Wien über die wahre Gesinnung unserer Bevölkerung die Augen zu öffnen." . .... Aber, wie bereits oben erwähnt, diese Schilderung gilt von Tagen, die Hergängen sind, für immer vergangen.! Ein Mes „Bewußtsein" und eine neue „Politik" sind in BarnM.eingezogen. Im vorigen Jahre war's, bei Gelegenheit der directcn Reichsrathswahlen. Da war Alles anderst, und zMp zunächst