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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-06-02 · Heft 23 (2.6.1874) · p. Seite 391

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 23 (2.6.1874)
Date
1874-06-02
Page
Seite 391 (sequence 13)
Language
German
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391 scheinungen in ihrer Mitte entgegensetzten. Wir werden niemals irgend eine thatsächliche Verfolgung, irgend eine faktische Ausschreitung gegen irgend welche Glaubensmeinung billigen. Aber man kann uns nicht zür „Achtung" auftufcn, wo wir einen gefährlichen Jrrthum, eine Verletzung unserer Religion, eine Verführung des Volkes erblicken. — Fürth, im Mai. (Privatmitth.) Am 10. Mai tagten hier im Locale des Bienenkorbes Delegirte der Vereine für Unterstützung an arme durchreisende Israeliten aus mehreren Orten Bayerns, um über die Mittel zu berathen, die zur Beseitigung resp. Verminderung der Wanderbeltelei geeignet erscheinen. Grund genug fanden dieselben in den enormen Summen, die jährlich durch diesen Krebsschaden absorbirt werden — hier allein wurden im Jahre 1873 vom Unterst, f. a. d. Jsr. bei einer Mitgliederzahl von 429 Personen an 1208 Männer, 147 Frauen und 182 Kinder, zusammen 1537 Personen, in 1237 Billetten, bei einer Einnahme von 5781 fl. 6 kr., der Betrag von 4696 fl. 6 kr. verausgabt — sowie in der Förderung des Müßiggangs und des demoralisirenden Gewohnheitsbettels, der sich von Geschlecht zu Geschlecht in denselben Familien nicht nur forterbt, sondern auch stets neue an sich zieht. Die Anwesenden adoptirten in dieser, von vr. Ortenau präsidirten Versammlung, die auch von dem verdienstvollen Gemeindelage gewählte These der Centralisirung des jüd. Armenwesens, hier zunächst für Bayern, die gewiß ebenso weitgreifendste wie schwierigste Maßregel. Es sollen für Bayern circa 12 Centralstellen creirt werden. die die Verabreichung von Unterstützungen ausfolgen lasten, jeder Gemeinde soll es freistehen, an welche von diesen Centralstellen sie ihre Beiträge contribuiren will, dagegen soll Jedermann irgend welche Privatgabe versagen. Durch diese gleiche Einrichtung in allen Gemeinden Bayerns glaubt man, wenn auch gerade keinen Cordon gegen die Bettlerschwarme ziehen zu können, da, je praktischer die Einrichtung, desto größer die Frequenz ist, so doch den Passanten den Besuch jeden Ortes ersparen, die Ueberlast kleiner Gemeinden abwenden und namentlich dem Chillul Haschem steuern zu wollen/ Mit Abfastung der bezüglichen Statuten wurden die Delegirten von hier (vr. Ortenau) Nürnberg, (Dr. Josephthal) und Bamberg, (Müller), welch' letzteres die Initiative zur Besprechung obiger Sache ergriffen, von den Anwesenden betraut, und werden diese Herren nach Fertigstellung der Ersteren solche allen jüd. Gemeinden in Bayern zusenden und Einladung zum Anschlüsse ergehen lassen. Den nichtbeitretenden würden die Vortheile der Organisation auch nicht zu statten kommen, und es wäre im Interesse baldiger Erreichung dieses großen Zieles zu wünschen, daß die angeregte Idee, an deren Realisirung die kleineren Gemeinden ja das. höchste Jntereffe haben müßten, auf fruchtbaren Boden fallen, daß selbe, fern von aller Eifersucht, . thalkräftig die Hand bieten und eingedenk sein mögen des Wortes des Dichters, das da heißt: „Immer strebe zum Ganzen, und kannst Du selber kein Ganzes werden, Als bindendes Glied schließ' an ein Ganzes Dich an." Ieuil Jüdische Jtole»*). Sie sprechen sonst im Städtlein wenig über Politik. Wie sollten sie auch? Das armselige düstere Nest liegt abseits der Schienenwege, abseits der Heerstraße, nahe der Grenze der beiden Kaiserreiche. Mitten in die große Ebene des Ostens ist es hingestreut, ringsumher ergießt sich die unendliche Haide, und darüber wölbt sich die ungeheure Glocke des Himmels. Und mitten darin leben und weben die Leute von Barnow in dem kleinen, armseligen Städtlein ihr kleines, armseliges Leben. Der große Strom, der Bildung und Gesittung, der stolz und herrlich alle Lande durchfluthet, hat hierher kaum versprengte Tropfen geworfen. Hier ist noch Alles, wie es vor Jahrzehnten war. Diese Menschen werden im Düster geboren und leben und sterben im Düster, aber sie merken es nicht, denn ihr Blick haftet am Allernächsten. Und Wien und der Reichsrath liegen sehr weit; darum auch die Politik und das Bewußtsein, Staatsbürger zu sein, und noch dazu Bürger eines constitutionellen Staates! ... *) Aus der „N. ft. Pr/' f e t o n. Manchmal freilich kommen auch diese beiden Dinge, die Politik und das Bewußtsein, in die Leute vdn Barnow gefahren, nur geschieht dies in etwas eigenthümlicher Art. Vor Jahren geschah es nur von amtswegen und aus Gehorsam gegen die Obrigkeit. Da kam nämlich an den hochedelgebornen Herrn Wladislaus v. Witocki, welcher Bezirkshauptmann zu Barnow war und ist, eines schönen Tages ein Schreiben mit dem großen Amtssiegel der Lemberger Statthalterei, welches festsetzte, daß an dem und dem Tage die Landtagswahl im Städtchen stattfinde. Und dicht hinter diesem Schreiben her kam zu Herrn Wladislaus in höchsteigener Person der noch weit höher und edler geborne Herr Graf Alexander Rodzicki gefahren, der bisherige Abgeordnete dieses Bezirkes, und die beiden Herren hatten eine Conferenz. Am Schluffe dieser Conferenz drückten sich beide gerührt die Hände, und der Beamte sagte: „Ich gratulire im Voraus; denn das halbe Dutzend Ruthenen schadet uns nicht, und was die Juden anbelangt — dafür lassen Sie nur unseren Jan ko sorgen." Unser Janko aber stand inzwischen unten am Wagenschlage des Herrn Grafen und strich sich stolz, wie immer, den Schnurrbart. Denn Janko ist immer stolz und hat auch allen Grund dazu. In seiner Jugend ist er ein ruhmvoller Krieger

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