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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-06-02 · Heft 23 (2.6.1874) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 23 (2.6.1874)
Date
1874-06-02
Page
Seite 390 (sequence 12)
Language
German
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differenz den Austritt .der meisten Mitglieder zu Folge haben sollte, sich dann dahin ergiebt, daß die Majoritäten aus Gegnern des jetzigen Rechtsbestandes bestehen. Dann aber ist die Resolution ganz gewiß gerechtfertigt! Wenn die Regierungsvorlage der Resolution entsprechend vielleicht eine Skala von Jahren einführt, in welcher es nach und nach den jetzigen Gemeinden gelingt, Deckung für ihre künftigen Verpflichtungen und Sicherheit' für ihre jetzigen zu finden — ein Zeitraum, den ich als Laie auf fünf Jahre veranschlagen möchte, so wird allen Theilen Gerechtigkeit wiederfahren und ein sittliches Moment in der Gesetzgebung errungen sein. Präsident: Wir kommen zur Abstimmung. Ich bitte den Antrag der Commission zu verlesen. Schriftführer Abgeordneter llr. Lutter oth: Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen! die Petitionen II. 448, 337, 320, 618, 580, 424 der Königlichen Staatsregierung mit der Aufforderung zu überreichen, dem Landtage baldigst eine Vorlage zu machen, durch welche auch den Juden in allen Theilen der Monarchie der Austritt aus einer Religionsgemeinde aus confessionellen Bedenken ohne gleichzeitigen Austritt ,aus dem Judenthum ermöglicht wird, und die in einzelnen Landestheilen etwa entgegenstehenden gesetzlichen Bestimmungen aufgehoben werden. Präsident: Diejenigen, welche den Antrag annehmen wollen, bitte ich aufzustehen. (Geschieht.) Das ist die Majorität. Königsberg, 20 Mai. (Privatmitth.) Das hier bis jetzt in hebräischer Quadratschrift wöchentlich erscheinende Blatt „der jüdische Grenzbote", welcher sich selbst zu den „Orthodoxen" Blättern zählt, enthält in seiner Nr. 18 einen starken Ausfall gegen die Grätzer Wundergeschichten, und macht es den orthodoxen Blättern zum Vorwurf, daß sie sich nicht gegen diese Erzeugnisse finsteren Aberglaubens ausgesprochen haben, da diese doch von talmudischen, also orthodoxen Standpunkte verwerflich seien. Das Blatt verschweigt dabei, daß die orthodoxen Blätter weiter gegangen sind, daß sie das Treiben des Rabbi Gutmann zu beschönigen gesucht und Ihnen, der dasselbe angegriffen und gebrandmarkt hat, die schmählichsten Vorwürfe machten. Herr Lehmann in Mainz bediente sich dabei der ihm nun einmal zur Gewohnheit gewordenen Redeweise, die auf den blinden Haufen berechnet ist. Spricht also ein orthodoxes Blatt selbst eine Verurtheilung aus, so wird man uns eine unumwundene'Auslastung nicht mehr verargen. Sagen wir also unsere Meinung ganz. Es wird den orthodoxen Blättern für alle Zeit — so lange man nämlich ihrer noch gedenken wird — zur Schmach gereichen, bei den Vorgängen in Grätz geschwiegen und sie sogar in Schutz ' genommen zu haben. Sie machten damit so gut wie ein Zugeständmß, daß dieser finstere Wunderglaube mit seinem ganzen Apparate, daß der ganze Chaffedismus dem orthodoxen Judenthume angehiW oder doch gebilligt werde ,- in ihm wurzele' oder doch Nahrung erhalte! Jndeß hat die Sache noch eine andere, dieser neuorthodoxen' Scribenten zur Unehre gereichende Seite. Auf diese Weise nämlich hat der Chaffedismus überhaupt seine Verbreitung in den russischen und polnischen Provinzen gefunden. Wären die orthodoxen Rabbiner und Talmudjünger zur Zeit, da er im Entstehen und noch klein war, mit aller Macht gegen ihn ausgetreten, hätten ihre Gemeinden davor verwarnt, ihn eingeschloffen und wie er es verdiente, erdrückt: so würde er jetzt nicht die ungeheure Ausdehnung und Macht erlangt, den Talmud und das orthodoxe Judenthum verdrängt und unsägliches Unheil angestiftet haben. Aber diese Leute glaubten, ein bischen Wunderglaube schadet dem Volke nichts , ja er stütze die Orthodoxie, und ihn angreifen, hieße das Volk überhaupt zur Prüfung zwischen Wahrheit und Lüge, Recht und Betrug, auffordern und dies könnte gefährlich werden. Sie täuschten sich; denn dieser Wunderglaube, dieser Köhlerglaube an die Wunderkraft von Personen, deren Gebete, Segenssprüche, Arnulete, Berührungen bis auf die Asche ihrer Tabakspfeifen wuchs wie eine gewaltige Schmarotzerpflanze empor, die mit ihren schwellenden. Ranken den Talmud, das orthodoxe Judenthum erdrückte und jeden Funken wahrer Gotteserkenntniß erstickte. In gleichem Wahne sind jetzt diese hyperorthodoxen Scribenten befangen, und sie könnten dasselbe Produkt erwachsen sehen, wenn nicht in Deutschland ein ganz anderer Geist in der Mischen Masse lebte, und es nicht Männer gebe, die rechtzeiüg ihre Glaubensgenoffen warnten, und jenes Spiel der Heuchelei, der Habgier und des Betruges aufdeckten. — Lassen Sie mich noch mit einigen Worten auf den angeführten Artikel des „jüdischen Grenzboten" zurückkommen. Er sucht die Person des greisen Gutmann in Schutz zu nehmen; er meint: „wir zweifeln keinen Augenblick, daß der genannte Greis die Achtung aller wahrer Israeliten schon durch die Fülle seines talmudischen Wiffens und seiner aufrichtigen Gottesfurcht verdient." Wir gestehen offen, daß wir von dieser Achtung jetzt nichts mehr empfinden. Wenn „die Fülle talmudischen Wiffens" verwendet wird, um sich zum Wunderrabbi zu machen oder machen zu lassen, wenn ihm dieses Wissen nicht zur Pflicht macht, dem finsteren Aberglauben entgegen zu tteten, sondern ihm gestattet, sich zum Werkzeug desselben zu machen, so hat es seinen Werth verloren, es ist zum unheilvollen Mißbrauch geworden. Mit dem bloßen Worte „Gottesfurcht", ist es auch nicht gethan. Es kommt erst auf den rechten Sinn dieses Wortes an. Auch der Schawane, auch der Fischanbeter, auch der Bilderverehrer u. s. w. hat „Gottesfurcht", und wir haben keine Achtung davor. Die Gottesfurcht muß mit der Gotteserkenntniß, wie die h. Schrift sie lehrt, verbunden sein, um unsere wahrhafte Achtung zu verdienen. Wo sie in Verbindung mit der ärgsten Verirrung und Selbstvergötterung auftrirt, hört sie für „wahre Israeliten" auf und verdient unsere Mißachtung und unseren Widerspruch, wie ihn unsere Väter einst in Jerusalem den Römern und gewissen Er-

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