Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1874)
- Date
- 1874-06-02
- Page
- Seite 383 (sequence 5)
- Language
- German
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383 Nicht minder ist folgende Stelle hervorzuheben: „Als1 die Zeit ihrer Könige, wo sie vom Meere bis zur Wüste die Gebieter waren, mit ihrem schrecklichem Ende wie ein verwehter Traum ihnen entfloh, sahen sie sich beim Hellen Erwachen versetzt unter die asiatischen Wunder Babylons vor eine Tafel voller sinnlicher Genüsse, und wer herzhaft zugriff, konnte damals mit der genießbaren Wirklichkeit, mit dem bunten Luxus -und in der Vergnügungssucht der schwelgerischen Großstadt unter den Dattelhainen des Euphrat und in der Ueppigkeit kunstvoll bewässerter Gärten jedes Heimweh nach dem steinigen Palästina ersticken. So thaten auch die Meisten, sie nützten das Exil zum gesteigerten Lebensgewinn aus und priesen es wohl als günstige Fügung, daß sie ihrem ärmlichen Einerlei entrissen worden waren. blieben waren. Uns aber, die wir den weiteren Gang der Geschichte überschauen, gleicht das Exil nur der Krümmung einer Parabel um ihren Brennpunkt. Nicht vorbei war es mit dem Iudenthum, sondern gerade das, was ihm den höchsten Werth verliehen hatte, der Gedanke an die Gotteseinheit, sollte nur die Richtung seiner Bahn zu höherer Verklärung ändern. Das Unglück verhärtete die Juden nicht, sondern stimmte sie, die selber ihr Brod mit Thränen aßen, nur milder gegen alles Leiden was sie um sich erblickten. Jeder Einzelne unter uns, der nach Klarheit gerungen hat, gelangt zu irgend einer Welterklärung, die nicht blos die Summe dessen ist, was er durch eigene Einsicht oder durch die Erfahrungen anderer sich angeeignet hat, sondern auch alles dessen, was an ihm vorüber und über ihn hinweg- Hätten alle in ihre neue Lage so nüchtern und welterfahren sich geschickt, so wäre vom Judenthume jetzt nichts mehr übrig, als ein Völkername in den Keilschriften, den die heutige Wißbegier hebräisch oder ähnlich lautend entziffern würde. Ein Name mehr zu andern kalten Namen. Der unverdorbene Kern des jüdischen Volkes vergaß aber nicht und vererbte auf das nächste und zweite Geschlecht die Sehnsucht nach den Orten, wo er von besseren Regungen durchschauert worden war. Wenn die Verbannten ihre neuen Gebieter in der Nähe besahen, wenn das stärkere, klüger beherrschte, von der Natur begünstigte, durch Geschick und technische Fertigkeit bereicherte Volk dennoch durch die Albernheiten eines Bilderdienstes täglich sich erniedrigte, durften sie sich im Stillen gestehendaß sie noch immer das auserwählte Volk geder Wirklichkeit des Lebens, der zweite auf der Consequenz des Begriffes. Die Ausschweifungen, die Verschwendung, die Ehrlosigkeit des Vaters machen sich in ihren Folgen für die Kinder oft in härtester Weise fühlbar. Sie können sich durch eigene Kraft daraus Hervorarbeiten; gehen aber auch sie die Wege des Vaters, so versinken sie immer tiefer. Wir wollen hier nur andeuten, was wir in unserem Commentar zu der ä. St. und an anderen Orten hierüber ausgeführt haben. gegangen ist. Die historischen Schicksale eines Volkes fallen mächtig in's Gewicht, wenn es eine eigene Religion erschaffen, eine fremde annehmen, eine angenommene festhalten soll." *) *) In dem Capitel über die Sprachen (S. 131) sagt Peschel: „Viel bedeutsamer ist es aber noch, daß die arischen Sprachen allein ein Zeitwort sein besitzen, welches selbst den semitischen Sprachen fehlt, die den Gedanken der Güte Gottes nicht'durch die Worte ansdrücken können, Gott ist gütig, sondern sagen müssen, Gott der Gütige, oder Gott, er der Gütige, in welchen Sprachen daher auch glicht die Behauptung möglich war: ich denke, folglich bin ich." Alles dies ist falsch. Das Zeitwort N^n'ist mit „sein" völlig gleichbedeutend und bezeichnet nicht allein sein, werden, leben, existiren, sondern ganz gleich mit ävcu, esse verbindet es Subject mit Prädicat, gleichviel, ob das Prädicat ein Substantiv, Adjectiv, Numeral oder Participium u. s. w. ist. . Allerdings bleibt es als logische Copula häufig weg. Ebenso dient oft als Copula, ohne daß der Begriff „er" damit verbunden ist. Wir brauchen hierüber keine Nachweisung zu geben; jedes Lexikon bietet sie in Menge, z. B. Fürst 8. v. Daß der Satz „ich denke, folglich bin ich" im Hebräischen nicht ausgedrückt werden könnte, müssen wir ebenfalls als unrichtig bezeichnen. Wir erinnern an das berühmte (2,Mos. 3, 14) tvriN "iidn rpnN, an Psalm 33, 9: -"O -N28 &nn „er spricht und es ist da." Das „Sprechen" bei Gott bedeutet das Denken, wie auch bekanntlich nicht selten bei dem Menschen, abgesehen davon, daß wir für denken eine ganze Reihe von hebräischen Wörtern haben. Deutschland. Berlin, 21. Mai. Gestern, in der vorletzten Sitzung, also fast in seiner letzten Stunde, verhandelte das Abgeordnetenhaus über die jüdische Gemeindeverfassung, d. h. überden freien Austritt aus der jüd. Gemeinde, ohne aus dem Judenthume zu treten. Die Commission beantragte die Wiederholung der bekannten Lasker'schen Resolution vom vorigen Jahre, der Abg. Lasker, der einzige Jude im Haufe —denn die Wahl des Herrn Marburg in Altona ist für ungültig erklärt worden — hielt eine seiner langen Reden dafür, Abg. Miquel, den jüngst die Voce deUa Verita zum Juden machte, secundirte ihnl, Lehfeldt, der Berichterstatter, ein gelauster Jude, unterstützte ihn, der Regierungscornmissarius widersprach ihm nichts das Haus, stimmte ihm bei. Uns eine nähere Beurtheilung vorbehaltend, bemerken wir heute, indem wir den Bericht einfach folgen lassen, nur Folgendes. Hätten Lasker, Miqu6l und das Haus nur etwas dafür gesagt oder gethan, daß die Juden, die ja für die christlichen Kirchen mitsteuern, für ihren Cultus Staatsmittel erhielten, wie sie für die 17,000 Altkatholiken 16,000 Thlr. bestimmten, so wollten wir nichts sagen. Wer aber einer auf ihre eigenen Mittel angewiesene Glaubensgenoffenschaft jede feste Basis nimmt, der will ihre Auflösung oder doch die Verkümnrerung ihrer Institute. Solch' ein Verdienst erwirbt sich Herr Lasker, der mit einer grenzenlosen Anmaßung sich als der einzige competente Richter in jüdischen Fragen gerirte, mit Lob und Tadel um sich warf und mit hohlen Phrasen seine innere Leere und oberflächliche Kenntniß der Dinge zu decken suchte. Wir werden seine Manie und Manier beleuchten.