Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1874)
- Date
- 1874-06-02
- Page
- Seite 382 (sequence 4)
- Language
- German
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zum Glauben an die göttliche Einheit gelangen soll/ muß überhaupt-vorher lange Zeiträume geistiger und sittlicher Entwickelung: zurückgelegt haben." ' Indem er aber nun diesen Kampf des monotheistischen . Gottesgedankens im israelitischen Volke bis zum babylonischen Exil ganz richtig erörtert, begeht er den- Irrthum, der so häufig begangen wird, die streitenden Elemente mit dem Gegenstände selbst zu verwechseln und zu behaupten, daß der monotheistische Gedanke noch unklar vorhanden war, während er doch nur noch nicht dem gesummten Volke klar geworden, und daß er erst im Exile jene strahlende Klarheit erhallen habe, in welcher er bis in die heutige Welt hineinleuchtet. Er widerspricht sich darin selbst, indem er mehrere Male auf die vorexilischen Propheten z. B. auf Iesaias Cap. 1 sich beruft, als Beweise, wie immer deutlicher und vollständiger der Gottesbegriff ausgesprochen worden. Wer jedoch die mosaische Urkunde vorurtheilslos prüft, wird eingestehen, daß, abgesehen von poetischen und rhetorischen Stellen, gerade in der einfachen und nüchternen Sprache derselben die Grundbegriffe des Monotheismus so scharf und unbedingt .wie möglich verkündet sind. Stellen wir 2 Mos. 3 14. 20, 2. 3. 33, 18-20. 34, 6. 7. 5 Mos. 6, 4. 10, 12 und andere sprechen die objective Lehre so aus, daß sie noch heute das eigentliche. Bekenntniß des Iudenthums enthalten und den Stoff hergeben, welchen die Propheten, die h. Scribenten und die Weisen Israels in allen nachfolgenden Geschlechtern entwickelten. Peschel stützt sich bei seinen Behauptungen auf die starken - Anthropomorphismen, die in den fünf Büchern Moses, in einigen Psalmen und anderen früheren Büchern Vorkommen^ Daß (1 Mos. 46, 4) Gott mit Jacob nach Aegypten hinabzuziehen verspricht, daß von Gott gesagt wird, er bereute das Böse, daß er dem sündhaften Israel zu thun ausgesagt, der Opferrauch gereichte ihm zum lieblichen Geruch u. a. m., sind dem Verfasser, obgleich er anerkennt, daß wir noch heute der anthropomorphischen Ausdrücke, ja selbst in der Wissenschaft nicht entbehren können, Zeugnisse unklarer Vorstellungen. Allein, wenn er die sonstigen, höchst klaren und unzweideutigen Aussprüche und den monotheistischen Grundgedanken, der sich durch die ganze Thora hindurch zieht, in Erwägung gezogen hätte, mußte er vielmehr zu dem Schlüsse kommen / daß die Beschaffenheit und Bildung der Volksmasse in einer so frühen Zeit viel stärkerer Anthropomorphismen bedurfte, um ihr überhaupt -verständlich zu werden' und auf ihren Geist bleibenden Eindruck zu machen. Er könnte dies noch heute in der Verschiedenheit der Sprache bei dem echten Volksredner und dem philosophischen Lehrer beobachten. Auch der Letztere kann der bildlichen Ausdrücke und oft starker Anthropomorphismen, die durch die Gewohnheit des Gebrauchs ihre Auffälligkeit verloren haben, nicht entbehren, sie nicht umgehen, will er verständlich sein; aber in wie viel reicherm Maße wird sie der Volkslehrer anwenden, wenn er der Masse verständlich sein, sie anziehen, ergreifen, erschüttern, Hinreißen und für die Dauer belehren will! Daß also das israelitische Volk in einer tausendjährigen Entwickelung immer reifer geworden, des Verständnisses unverhüllter Lehren. immer' fähiger, der - Beseitigung falscher Vorstellungen, aus dem Geiste und den Institutionen immer zugänglicher, das ist die richtige Auffassung, und diese wird erwiesen durch den Sieg, den die Gotteslehre während des babylonischen Exils in ihm errang. Hierbei darf aber nicht vergessen werden, daß in der israelitischen Nation auch in den vorexilischen Zeilen mächtige Elemente der monotheistischen Gotteslehre, angehören mußten, weil diese sonst den Kampf gar nicht hätte führen können, sondern in diesem eintausendjährigen Zeiträume, .erlöschen mußte.. Sehr schön sagt Peschel. „darin liegt aber auch die hohe Bedeutung der Geschichte Israels, daß dieses Volk nur durch das, was es erleben und dulden sollte, zu einer immer tieferen und immer reineren Erfassung des Gottesgedankens genöthigt wurde." Allein von allen Völkern des Alterthums besitzen die Juden eine Geschichte, die in den irdischen Begebenheiten das Walten einer sittlichen Weltordnung zu erkennen sich bestrebt. Sie (die Bücher der Könige) wurde im Exil verfaßt, in der Stimmung des Elends, als es keinen Priesterstand mehr gab, so daß nicht etwa, wie man die Thatsache hat verdrehen wollen, hierarchische List im Spiele war. Die vorausgehende Königszeit hatte die. Erfahrung eingeprägt, daß die religiöse Verwilderung fast immer den weltlichen Verfall nach sich zog, aber die heilige Schrift ist auch in solchen Fällen der Wahrheit treu geblieben, wo. fromme Herrscher in's Unglück geriethen oder abtrünnigen das Glück bis zu ihrem Ende hold blieb. Aus ihren Schicksalen in der Königszeit erwarben sich die Juden ihr unerschütterliches Gottvertrauen. Mit den Assyriern, läßt die h. Schrift den frommen Hiskia ausrufen, sind nur die Sehnen des Menschenarmes, mit uns aber ist der Herr unser Gott, der für uns streitet. So mahnt auch den verzweifelnden Jjob Elischa daran, wie viele Unheilstifter und Trübsalsäer vor Gottes Hauche zu Grunde gegangen seien. Mit voller Klarheit hatten die Juden erkannt, daß die Stärke eines Volkes sich nur begründen lasse auf ein festes Vertrauen zu einer sittlichen Weltordnung. Sie hatten aus ihrer Geschichte die Lehre gezogen, daß sie stets siegreich gewesen waren so lange Sittenstrenge unter ihnen herrschte, und daß sie weggeführt wurden, als sie vom Gesetze abfielen. Welcher Trost- und welches Licht ihnen aus dieser Erkenntniß in den dunkeln Stunden des Lebens sich ergoß, erklingt in den Versen des Psalters: „Ob ich schon wandere im finstern Thal, fürchte ich doch kein Unheil, denn Du bist bei mir."^) *) Peschel stellt die Worte 2 Mos. 20, 5. „Ahndend die Schuld der Väter an Ändern, am dritten und vierten Geschlechte bei denen die mich hassen" gegenüber dem bekannten Ausspruch des Ezechiel im 18. Capitel, baß der Vater nicht die.Schuld, des Sohnes, der Sohn nicht die des Vaters zu tragen habe, gegenüber und bezeichnet die Elfteren mitsehr harten Worten. Er ist aber im Jrrthume. Zu übersehender Zusatz „bei denen die mich Haffen" gewiß nicht, da er auf die in den folgenden Geschlechtern fortgesetzte Ruchlosigkeit deutet. Aber selbst abgesehen hiervon beruht der erste Ausspruchauf