Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1874)
- Date
- 1874-06-02
- Page
- Seite 380 (sequence 2)
- Language
- German
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380 'tt f fr: t~;r •" die Römer in die Länder strömten, die unter der Herrschaft derselben standen, zumeist also nach Europa. - Ebenso lag es in den Verhältnissen, daß sie 'den Wegen der römischen Legionen nachfolgten-und sich überall in den römischen Cölonien ansiedelten. Auch-in Gallien und dem Theile Germaniens, der unter römischer- Botmäßigkeit stand, waren sie bald in ziemlicher Anzahl heimisch. Wurde doch von einigen Gemeinden am rechten Ufer des Rheins die Kunde bewahrt, daß sie bereits längere Zeit vor dem Ur-' sprunge des Christenthums bestanden hätten, woran gar nicht zu zweifeln ist, wenn auch die Nachrichten darüber historisch nicht verificirt sind. Wird doch dasselbe sogar von Gemeinden unter den Markomanen d. i. in Böhmen behauptet. Wie dem aber auch im Einzelnen sei, die wachsende Anwesenheit der Inden 'in allen süd-europäischen Ländern, in Gallien und bis in Germanien hinein vor dem Beginne der Völkerwanderung kann in keiner Weise bezweifelt werden. Daß die örtlichen Verhältnisse der Juden mit den Zügen der neuauftretenden Völkerschaften vielfache Veränderung erlitten, läßt sich voraussetzen. Aber überall, wo die heranziehenden Barbaren civilisirte oder der römischen Civilisation näher gebrachte Völkerschaften vorfanden und nicht zur Ausrottung brachten, da verblieben auch die Juden, und da sich in den erstern sehr bald civilifatorische Bedürfnisse einstellten, so drangen die Juden auch bald in den von jenen besetzten Landschaften vor und machten sich daselbst, sobald die Verhältnisse einige Sicherheit erlangt hatten, ansässig. Der Beweis hierfür liegt darin, daß wir sie, sobald diese neuen Staaten als solche in die Geschichte eintraten, in denselben finden. Das westgothische Reich, wie das merovin gische, geben Zeugniß dafür, und mit und nach Karl dem Großen treffen wir die Juden in allen Theilen Deutschlands. Von hier aus ergossen sie sich in starken Zuflüssen in die slavischen Länder, wie dadurch erwiesen ist, daß hier noch bis auf den-heutigen Tag. die deutsche Sprache die Grundlage ihres Jargons ausmacht. Wir sehen also, daß die Wanderung der Juden vor und mit der Völkerwanderung geschah, und daß sie also ein ganz gleiches Anrecht aus die europäische Heimath haben, wie die Nationen, welche-in der Völkerwanderung Europa überschwemmten und bevölkerten. Wir erkennen, daß die Wanderung der Juden ebenso von Osten nach Westen ging, wie bei jenen Nationen, nur daß sie hernach von Süden nach dem Norden und Osten Europa's bogen, während die Völkerwanderung von Norden nach dem Süden Europa's bog. Es fand seitens der Juden, ebenso wie bei jenen Nationen, keine Rückkehr nach dem Oriente statt, mit der einzigen erzwungenen Ausnahme, daß ein Thell der aus Spanien vertriebenen (14 y2) nach der damals toleranteren Türkei sich flüchtete, während die nach Nordafrika sich rettenden fast Alle umkamen. Aber aus dieser Schilderung geht wieder ein Gegensatz hervor: Die Juden drangen aus - den civilisirten Ländern in die von den Völkerwanderern besetzten Lander vor und brachten so ein civilisatorisches Element'dahinwährend derZug der Völkerwanderung über uncultivirte Länder in die Bezirke der damaligen Civilisation ging. Wir behaupten daher nicht zu viel, wenn wir sagen, daß die Juden die Mitcivilisatoren in den ersten Zeiten nach der Völkerwanderung waren.; Geschah dies zumeist durch den Handel, auf den damals die Juden schon angewiesen und beschränkt waren — während sie bei den Arabern Mitarbeiter der Wissenschaft und der ganzen Geistescultur waren — so ist es doch jetzt wohl allgemein anerkannt, daß die Cultur vielmehr in ihren Anfängen auf dem materiellen als auf dem geistigen Boden erwächst und gefördert wird. Die Vermehrung und Veredelung der Bedürfnisse, das Kennenlernen der Producte der Cultur zieht die Barbaren für diese an und bringt so in reichbegabten Naturen eine rasche Umwandlung hervor. Man sieht hieraus, wo die eigentliche Bedeutung solcher geschichtlichen Untersuchungen liegt. Wie man übrigens bei solcher geschichtlichen Wahrheit die Juden als Fremdlinge auf dem europäischen Boden bezeichnen kann, vermag nur der Fanatismus der Ausschließlichkeit zu begreifen. Sie haben ein volles Heimathsrecht durch zweitausendjährige Anstrengungen und Leiden erworben. Der vieltausendjiihrige Kampf um den Monotheismus. (Einzigkeit und Einheit Gottes.) „Für die Sittengeschichte des menschlichen Geschlechts ist nichts bedeutungsvoller als die Entwickelung des Gottgedankens in monotheistischer Richtung." So beginnt Oskar Peschel in der soeben erschienenen „Völkerkunde" (Leipzig, Duncker und Humblot, 1874) sein Capitel über „den israelitischen Monotheismus." Seit Humboldt ein Bild der gesammten Weltkunde auf dem Standpunkte .der Naturwissenschaften seiner Zeit im „Kosmos" zum ersten Male zu entwerfen unternommen hat, ist es ein besonderes Streben auf allen wiffenfchaftlichen Gebieten geworden, innerhalb jeder wissenschaftlichen Disciplin solche Gesammtbilder darzustellen. Es hat dies außer dem großen Nutzen, die Resultate so vieler Forschungen, kritischer Untersuchungen und Experimente zum Bewußtsein zu bringen und klar zu stellen, auch die Folge, die Mängel und Lücken, die in-einer Wissenschaft noch vorhanden sind, ersichtlich zu machen. Freilich kann es da auch nicht ausbleiben, daß die Dinge nach den Anschauungen, die zur Zeit vorherrschen, beurtheilt, Ansichten, deren Begründung noch nicht seftsteht, hineingezogen und im Einzelnen Jrrthümer begangen werden. Ein solches Gemälde der Völkerkunde in ihren allgemeinen Umrissen zu zeichnen, hatte sich Peschel zur Aufgabe gestellt, und seine Arbeit strebt überallnach einer möglichst objectiven Auffassung. Es war selbstverständlich, >däß er die religiösen Erscheinungen - in den Völkern und in der Entwickelung des ganzen Menschengeschlechtes zucharakterisiren versuchen: mußte, und zu diesem Capitel - wollen wir hier einige