Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1874)
- Date
- 1874-06-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Jntereffe. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Banmgartner's Buchhandlung in Leipzig. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 biS 2'/^ Bogen. Preis Vierteljährig t Thlr. Inserate werden mit 2 Ngr. mr die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und ZeitungS - Expeditionen nehmen Bestellungen an. Sn redactionellm Anaeleaenheiten wende man sich an vr. k. Pyilippson in Bonn; hinsichtlich des Bezugs ünd der Inserate an LaumgSrtnrr's Snchlrandlung inLeipzig. Inserate, welche bis vonner«- tag cingehe», finden ülderdarauffolgendm Nummer Berücksichtigung« 38. Jahrgang. Leipzig, den 2. Juni 1874. - 23. Inhalt. Leitende Artikel: Die Wanderungen des jüdischen Stammes. — Der vieltausendjährige Kampf um den Monotheismus. (Einzigkeit und Einheit Gottes.) — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin (Stenographischer Bericht), Königsberg, Fürth. — Feuilleton: Jüdische Polen. £edeude> ßLxhSkel* Bonn, den 27. Mai. Die Wanderungen des Mischen Stammes. Nach -und nach verhallen selbst aus den literarischen Aeußerungen unserer hartnäckigsten Gegner jene Gründe, welche sie daraus zogen, daß sie die Juden als „Fremdlinge" in den Ländern unserer Wohnstätten bezeichneten. Wir haben diesen Einwand gegen unsere bürgerliche Rechtsgleichheit tatsächlich durch unsere Handlungsweise überwunden, durch die gleichartige Theilnahme an Allem, was im Großen und Kleinen das öffentliche Wohl betrifft, durch unsere gleichartigen Bestrebungen im allgemeinen, nationalen und politischen Leben, in Wissenschaft, Kunst und Industrie. Aber auch vom geschichtlichen Standpunkt war dieser Einwand ein völlig ungerechtfertigter. Wer die jetzige Vertheilung der jüdischen Bevölkerung auf der Erdoberfläche betrachtet, ersieht bald, daß nur noch ein sehr geringer Theil derselben in den einstigen Landstrichen ihrer Seßhaftigkeit wohnt, daß mit einem Worte nur noch ein geringer Bruchtheil Asien und Afrika angehört, die überwiegende Mehrheit in Europa wohnt. In der asiatischen Türkei, Palästina einbegriffen, in Persien, Kurdistan, Arabien, dem russischen Asien und Ostindien wohnt kaum eine viertel Million Juden; in Marokko, Algerien, Kabylien, Tunis, Aegypten und den anderen Ländern Afrikas erreicht ihre Zahl ebenfalls kaum eine viertel Million. In' Europa dagegen leben über fünf Millionen Juden. Wann sind diese nach Europa gezogen und zu welcher Zeit in die einzelnen europäischen Länder? Diese Frage im -Detail zu beantworten, wäre von großem geschichtlichem Interesse; aber es giebt nur wenige historisch gültige Notizen - hierüber; -und diese .sind noch lange .nicht genug, ausgesucht^ zufammengestellt und combinirt. . Es ist bekannt, daß, abgesehen von der beträchtlichen Menge, welche aus den babylonischen, assyrischen und medischen Landschaften nicht wieder nach Palästina zurückkehrte, die Auswanderung aus Palästina bereits-Jahrhunderte vor der Zerstörung Jerusalems begonnen hatte, die dann durch Austreibung und Verbannung in der römischen Zeit vollendet ward. Diese Auswanderung wandte sich aber frühzeitig auch den europäischen Ländern zu, und die Insel des Archipels, Griechenland, Italien und Spanien herbergten schon lange vor dem Anfang des Chriftenthums zahlreiche jüdische Colonien. Unter Augustus überstieg die jüdische Gemeinde in Rom bereits die Zahl von 10,000 Seelen. In Spanien verschwinden die ersten Ansiedelungen von Juden selbst in den Nebel der Vorzeit, und einige spanische Geschichtsschreiber führen den Ursprung und die Benennung einiger alten spanischen Städte bis auf Salomon zurück, was immerhin. beweist, wie alt man die Anwesenheit der Juden in der iberischen Halbinsel schätzte. Die Apostel fanden, wie die Apostelgeschichte erzählt, an allen bedeutenden europäischen Orten organisirte jüd. Gemeinden, in denen sie predigend auftraten. Es war natürlich, daß, wie die überwundenen Juden den macedonischen, ägyptischen und syrischen Herrschern früher nach den von diesen gegründeten Städten folgten, sie nach dem Verluste ihres Vaterlandes ditrch