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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-05-26 · Heft 22 (26.5.1874) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 22 (26.5.1874)
Date
1874-05-26
Page
Seite 374 (sequence 12)
Language
German
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seine -,Enthüllungen" geschrieben. Gewiß ein würdiges Seitenstück zu den Grammont'schen und den Lamarmora'schen. Was wird man da nicht alles für Enthüllungen erwarten können! Da wird die ganze kabbalistische Geheimkünstlerei docirt werden. Wie schön, wenn ich einen tiefen Blick in diese Geheimkunstlehre hinein thun und. dem großen Wunderrabbi einige von seinen Wunderkuren und geheimen Künsten ablernen, ihm dann Concurrenz bieten und einen Theil seiner Lorbeeren rauben könnte! Ei, ivie würde der heilige Mann sich ärgern! — Sehen wir uns also die gelehrte Einleitung zu diesen „Enthüllungen" an! Da verwahrt sich unser wunderthätiger Rabbi allen Ernstes gegen den .Vorwurf, als ob er ein kabbalistischer Schwarzkünstler sei, hinweisend auf den schönen Grundsatz Raschi's: „En mikra, joze midde peschita", d. h. man dürfe das reine, lautere Bibelwort durchaus nicht verdrehen und keine Deutung darin suchen, die nicht dem einfachen Wortsinne der Schrift entspräche. Und dieser schöne Grundsatz fährt der heilige Rabbi fort — der schon bei Auslegung des bloßen Bibelwortes beobachtet werden müsse, um wie viel mehr muß er, der kabbalistischen Geheimlehre gegenüber, zur vollen Geltung gelangen! Aber gleich darauf geräth der heilige Rabbi mit diesem schönen Grundsätze in Hellen Widerspruch, indem er mit raffinirter Geistreichhaltigkeit dennoch zu dem vorgefaßten Schluffe gelangt, daß es doch besser fromme, seine-erhabenen Lehren in einen nebelhaften, verborgenen Sinn einzukleiden. Und zur bessern Erhärtung dieser jesuitischen Doctrin wird eine Stelle aus dem Talmud Berachöt (lN. a.) angezogen, woselbst es also heißt.- „Warum ist das Kaddisch-Gebet in aramäischer Spräche abgefaßt? — Weil dasselbe ein sehrschönes Gebet und großer Lobgesang ist. Und wenn dieses Gebet in der reinen hebräischen Sprache verfaßt wäre, so wurden es die Engel verstehen und uns darum beneiden, und dann hätten wir zu befürchten, daß sie bei Gott gegen uns intriguiren würden, damit unser Gebet nicht erhört werde." —- Ich blätterte weiter, und mit kühnem Muthe wähnte ich schon in den eigentlichen geheimen. Inhalt dieser kabbalischen „Enchüllungen" tiefer ein- , und vielleicht gar bis zu jener in der Reihe obiger Wundergeschichten zuerst erzählten großartigen Hexenaustreibung Vordringen zu können, da — da ging's weiter. Mein gefälliger Bocher und Buchbesitzer, der mir diesen kostbaren Weisheitsschatz bis dahin geduldig überlassen hatte, raubte mir in diesem Augenblicke denselben. Ein finsterer Verdacht muß wohl in seiner stillbeobachtenden Seele aufgestiegen sein, und er forderte das.Buch mit Ungestüm zurück. „Nicht für alles Geld in der Welt!" wollte er sich mehr bewegen lassen, auch nur auf einige Augenblicke noch mir dieses Heiligthum anzuvertrauen, aus dem ich mit ketzerisch-kritischem Bleistift diese flüchtigen Notizen schöpfte. -7- — Doch ich hatte der hohen Weisheitsprobcn genug — und der liebe Leser wohl auch, — um zu erfahren, welch ein Geist in diesem heiligen Buche wehet. Solches Zeug wird also der .dummgläubigen Masse unserer polnischen GlauLensbrüder als religiöse Erbauung und Belehrung, als Quell des Heils und des Trostes dargeboten! Dafür fetzt man solche heilige Wallfahrten in Scene! Dafür reißt, man weit und breit die armen, dummen Frömmlinge aus ihren gewohnten Beschäftigungen, aus ihrem Erwerbe, aus ihren armen Familien, aus ihren alltäglichen heiligsten Pflichten Tage und Wochen lang heraus, um ihnen den sauer ersparten Thaler für solche religiöse Afterwersheit zu entlocken!!- * Wahrlich in Paris und London ist man schon erfinderisch genug im Reclämemachen, aber eine solche Reclame, wie sie der Grätzer Wunderrabbi zu Wege bringen kann, ist doch noch nie dagewesen und wird wohl auch nie erreicht werden, so hoch hat sich doch noch kein industrieller Schwindel versteigen können. — Zum Ueberfluß ließ ich mir noch von meiner Reisegesellschaft einige der feilgebotenen Photographien des Rabbi Guttmacher zeigen und betrachtete sinnend dieses moderne Heiligenbild. — Pelzverbrämt und bartumfloffen, die dicke Pelzmütze, tief auf die Stirne gedrückt, erblicken wir da das versteckte, fast verschwindende Heiligengesicht, in dessen Zügen ein verschlossener, finsterer Obskurantismus ruht, und bei. dessen Anblick — weit entfernt (wie es der Correspondent aus dem Posenschen in Nr. 11 dieses geschätzten Blattes darstellte), irgend etwas Jmponirendes, irgend einen.höheren heiligen Nimbus zu verspüren,-—erkannte ich vielmehr in dem kleinen, matten, von tief herabhängenden Wimpern und zusammengezogenen Brauen fast ganz verdecktem Auge — einen eigenthümlichen, geistesumdüsterten Schleier, der mich unheimlich anfröstelte . . . . . . . . . . . . „Al tistach peh lesaian!" — sagen die Alten, und ich will gewiß nicht die schwere Sünde auf mich laden, aus diesem Bilde eines ergrauten frommen Rabbiners auf dessen Person irgend eine weitere Schlußfolgerung zu ziehen. Ich stelle nur meine individuellen Empfindungen dar, mit welchen es mich erfüllte. Doch, gerade hierin scheint mir — wer. weiß! wer weiß! — der eigentliche Schlüssel dieses ganzen Räthsels verborgen zu , Ich war am Ziele. Doch die fromme Wallfahrt mußte noch weiter. Schnell raffte ich mich auf und mit dem frommen Scheidegruße: „lechajim ul'schalom!" verließ ich den Wagen. Aber diese - fromme Wallfahrt ging mir noch lange im Kopfe herum . . . .... ,■ . . . .; . . . Wahrlich, es wehet jetzt ein Zug durch die Geister, ein kalter, nebelgrauer, düsterer Zug, und er hat seine eigenen Zonen. Man hat es in der jüdischen, in. der besseren jüdischen Presse schon-seit längerer Zeit angedeutct, daß sich im Osten unseres deutschen Vaterlandes, in den Districten der Weichsel und der Warthe km

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