Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1874)
- Date
- 1874-05-26
- Page
- Seite 373 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226983--32630-3255606- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
373 er. eiligst sein Bündel auf und holte mir mit frommer ^Pietät das wie ein Heiligthum sorgfältig aufbewahrte Buch heraus. Voll gespannter Neugierde griff ich nach dem heiligen Buche. Au's Licht der düstern Wagenlampe näher herantretend, mit dem Rücken -bequem an die hölzerne Wand gelehnt, betrachtete ich jetzt sinnenden Geistes dieses höchst vortreffliche Buch. Es ist ein mäßig starker Band in Groß-Octav-Format, zu Stollin in einem unbekannten Winkel Ungarns von einem sehr frommen Verleger herausgegeben, viertheilig unv mit vier verschiedenen Titeln versehen. Und fürwahr! Es ist ein höchst interessantes Buch. Schon der bloße Titel des ersten Theils hat etwas ungeheuer Interessantes und Anziehendes an sich, wobei sich viel denken läßt. Nach all den hergebrachten, bombastischen Lobpreisungen, die man an Titulaturen von dergleichen rabbanistisch kabbalistischen Schriftwerken schon gewohnt ist, als z. B. „von dem großen, dem: erhabenen, erleuchteten, scharfsinnigen, grundgelehrten Rabbi, dem Sinai, dem Bergeaüsreißer, dem großen Lichte Israels, idem Chassidäer und Pharisäer" rc. rc. läßt sich der: hocherhabene Verfasser von seinem frommen Verleger mit noch überschwänglicherer Verhimmelung tituliren: „ „Dem „Seba Kaddischa", dem heiligen Alten , dem „Mekkubbal Elohai", dem göttlichen Kabbalisten, dem „Rabbi Elijahu Guttmacher zu Grediz!"" ■— Welch ein Hochmuth 1- Welche Arroganz! Welche Selbstberäucherung! —- Ein Manu, ein noch jetzt lebender Rabbi, dessen literarischer Ruhm kurz zuvor noch kaum über die Bannmeile, der heimathlichen Mittelgemeinde hinausgedrungen war, läßt sich hier einen „Seba Kaddischa", „den heiligen Alten" tituliren! 7— .Erinnert das nicht lebhaft an den Jnfallibeln in Rom?.„Mekubbal Elohai" — „Geheimer Cabinettsrath Gottes" 7— wie ich es am liebsten übersetzen möchte — der „göttliche Kabbalist!" Da hat mau's ja, da fteht's ja schwarz auf weiß, da wird's ja ganz offenkundig in . die sündige Welt hinausgeschrieen, daß unser Rabbi ein großer Geheimkünstler, ein Wunderthäter ist, und also auch sein muß. Welche Weisheit wird erst der Inhalt dieses Buches zu Tage fördern? — Schlagen wir also das große Titelblatt um! — l. Theih: „Nachlas Zewi" — ein frommer Nachlaß des großen Sohnes dieses großen Meisters, weiland Rabbiners zu Rogasen, zu dessen ewigem Gedächtniß gestiftet. Schade nur, daß der große Wunderrabbi, der doch so viele Kranke heilen und Sterbende vom Tode befreien kann, es nicht vermocht hat, seinen eigenen gelehrtesten Sohn vor dem frühen Hinscheiden zu bewahren. Dieses „Nachlath Zebi" enthält sehr tiefsinnige Illustrationen zu den Theorien im Talmud Iebamoth über erlaubte und unerlaubte und Levirats-Ehen, durch welche, mit Hülfe von allerlei aus.Quadraten und Verbindungsstrichen bestehenden, mathematischen .Figuren: „Zijjurim" genannt, eine detaillirte Veranschaulichung l dieser. Theorien geleistet wird. Ich . willmich jedes eingehenden Urtheils über diese gelehrten Illuslrationerl enthalten: Aber es ist doch höchst komisch für den, einfachen- Laien, wenn man darin liest : „Jedes Quadrat stellt einen -Menschen vor. Jeder Verbindungsstrich eine menschliche Verbindung. Isaak und Jakob gehen aus eiuem Stammquadrat hervor, also sind diese — Brüder. Dinah ist Jakobs Töchter, aber deren Mutter ganz unbekannt. Rahel soll Jakobs Tochter und Isaaks Frau gewesen fein. Jakob habe Dinah — seine eigene Tochter- — zur Frau genommen. Derselbe habe auch mit Rahel in „wilder Ehe" gelebt und mit dieser den Rüben gezeugt. Dann soll Rüben wieder Dinah's Sohn, jedoch von einem fremden, unbekannten Manne (Schechem?) gewesen sein, den sie gebar, ehe-sie Jakob geheirathet habe. Rahel, nicht Jakobs, sondern Isaaks Frau, habe von Letzterem den Simon geboren. Rüben zeugte Thamar: Dan habe mit Hannah im-unehelichen Verhältniß den Gad gezeugt. Jakob habe aber mit Leah —■ der Kindergesegneten — gar kein Kind gezeugt. Isaak habe zwei Frauen gehabt, Rahel und Dinah. Sara wäre auch Isaaks Frau : gewesen, darnach wieder Jakobs Frau geworden, und hätte dem Letzteren, zur Unzeit, den Rüben geboren, so daß man nicht wissen könne, ob Rüben von Isaak, dem ersten Manne, oder von Jakob, dem zweiten, herstamme. Rüben und Simon haben Rahel und Leah zu Frauen genommen!! — Und in dieser schwindeligen Weise geht es immer weiter fort. Natürlich soll alles Dieses nur figürlich sein. Aber man denke sich nur derartige Cheverbindungen! Und es muß doch eine ganz herrliche religiöse Erbauung und Belehrung sein, sich in die Lectüre solcher unästhetischer Familien-Klatsch-Geschichten zu vertiefen! —;; . Gehen wir nun zum H: Theile über. Natürlich kann ich nur einzelne, hervorspringende Weisheiten - daraus hervorheben und dem geschätzten Leser mittheilen. In diesem Theile folgt eine sehr gelehrte Abhandlung über die Opfer-Modalitäten und da werden gründliche Untersuchungen angestellt über hochwichtige Fragen, wie folgende: „Welche und wie viele Opfer an Taubew, Turtel oder jungen Tauben eine wiedergenesene Wöchnerin oder ein geheilter Aussätziger darzubringen Habe? — Ob ein.e Frau, die zur Unzeit einen unerkennbaren Phötus zur Welt gebracht und man zweifeln müsse, ob die. Mißgeburt eine menschliche- oder ein Fisch, oder eine Heuschrecke sei, ein Opfer , und was für eines, darzubringen schuldig sei?" —-- Im Ul. Theile wird dann, nach der Agada des Rabbi Josua im Talmud, die ergötzliche Beweisführung vorgebracht, daß ein Schaf, welches im Leben doch nur mir einer Stimme friedlich blökt, nach dem Tode in sieben Tonarten Gottes Lob und Preis verkündet. Denn aus seinen zween Hörnern werden zwei Schofars — Posaunen, — aus den Beinen zwei Schallmeien, Flöten, aus der Haut eine Pauke, aus den Därmen Violinsaiten und aus dem Eingeweide — Dudelsäcke gemacht." - Endlich der IV. Theili Und der kündigt sich schon durch seine Ueberschrift .als die tiefste'Fundgrube der "allerhöchsten Weisheit an. Sie .lautet: -Zaphnat Paneach" -— .--Enthüllungen verborgener Dinge". Assp: auch unsergroße Wunderrabbi hat 22*