Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1874)
- Date
- 1874-05-26
- Page
- Seite 372 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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V;; ' I e u i l ' Der «euevtdeckte M«-errabbi. . Eine Reiseskizze von B. C. (Schluß). - Unsere wallfahrende Gesellschaft hatte sich wieder in ihrer vorherigen Stellung, oder richtiger, Lagerung zusammengefunden. Die düstere Wagenlampe verbreitete einen schwachen, magischen Lichtschein über dieselbe, und man mußte, wollte man hier einen Gegenstand etwas ■ genauer in's Auge fassen, sich erst lange an dieses Halbdunkel gewöhnt haben. .Um nun auch diesen letzten Punkt von meinen wohlunterrichteten Reisegefährten herauszubekommen, mußte ich die in's Stocken gerathcne Unterhaltung wieder in Fluß zu bringen suchen. Ein kleines Liqueurfläfchchen, das ich in meiner Reisetasche aufbewahrt hatte, ließ ich jetzt, wie unabsichtlich , blicken und that einen kräftigen Zug daraus , um mich für den folgenden Disput ein wenig zu erfrischend Meine Absicht habe ich nur zu gut erreicht. Ein schläfrig-müder Alter, der stch's, mir gegenüber, möglichst bequem gemacht hatte, um zu schlummern, schielte mit halbgeöffneten Augen verlangend nach meinem blinkenden Fläschchen herüber, und mit witzigem Tone rief er mir zu: „Was kostet wohl ein Mund voll von Ihrem Liqueur?" „Mein Liqueur," antwortete ich, „das ist ein sehr theurer, ein herrlicher Trank, und wo er nicht zu haben ist, da ist er am theuersten. Doch Ihr sollt sehen, ich werde ihn bald zum, allerhöchsten Preise verkaufen. Und mit diesen Worten reichte ich ihm das reizende Fläschchen dar. Gerührt setzte der witzige Alte, sich vielleicht im frommen Abendgebete „Krias- Schema-Leinen" unterbrechend, das Fläschchen an die Lippen, sägte fromm feine „Brocho" darüber und trank —einen langen erweckenden Zug daraus. Ich hieß es ihn weiter reichen, und von Mund zu Munde wanderte mein Fläschchen mit dem geisterweckenden Labetrunke, einem Jeden den frommen Dank- und Segensspruch entlockend, bis es wieder, leer bis zur Nagelprobe, an mich gelangte: „Seht Ihr," rief ich jetzt dem Alten zu, „seht Ihr, habe ich nicht meinen Liqueur theuer verkauft? Haben nichts die heiligen Chachamim mefaresch gewesen (in der Auslegung der Bibelstelle 4 Mos. 7, 14: „Kaf achas assoro sohaw") erklärt: „Wenn Jemand einem Andern von den hundert Segenssprüchen, die man täglich zu verrichten habe, einen abnimmt, daß er ihm dafür zehn Gulden schuldig sei? Ein jeder hat nun über meinen Liqueur eine „Brocho" gemacht, also wie viel habe ich jetzt dafür zu fordern?" Lachend pflichteten die frommen Reisegefährten meiner Ansicht bei und belobten meine geistreiche Anwendung dieses gelehrten Ausspruches.-Die Heiterkeit war nun; wiedergekehrt und die Unterhaltung in Fluß gekommen. „Reden wir wieder von unserem Rebben!" hob ich an. „Sagt mir mal, wie nimmt der Rebbe seine. Wallfahrer aufwas thut er, was sagt er ihnen, wie geht er mit den Leuten um?" „Der Rabbi," antwortete man mir, „er soll leben, er redet l e t o n. mit jedem Menschen sehr leutselig, giebt jedem Eintretenden die Hand und „Scholem alechum" zum. Gruße, heißt Jeden sich setzen, „schmutzt" mit Jedem ein Stückel Thora, erkundigt sich sehr theilnehmend nach den Umständen jedes Einzelnen, hilft und rathet Jedem, wie am besten, und entläßt Niemand, ohne ihn „gebenscht", ihm feinen Segen ertheilt zu haben." — „Und thut der Rabbi dieses Alles ganz umsonst, verlangt er nichts dafür, nichts für seine Mühe, für seinen Zeitverlust?" Denn bekanntlich darf ein frommer Mann für jede fromme Dienstleistung, nach der rabbanistischen Lehre, keinen Lohn beanspruchen, als nur höchstens für den dabei-gehabten Zeitverlust. „Nein, der Rabbi nimmt nichts an, er thut Alles unentgeltlich; ja der heilige Rabbi, der das Geld nicht einmal ansieht, wie sollte der auch Geld beanspruchen?" „Nun, nun, ich glaub' schon," sagte ich beruhigend, „der Rabbi wird gewiß nichts annehmen, aber vielleicht seine Hausgenossen, seine Bediensteten, feine Gabaim?" — (So werden nämlich bei den Zaddikim auch ihre Gehülfen und Bediensteten genannt.) „Nein, auch 'diese nehmen nichts. Nur wer etwas spenden will, dem bleibt es unbenommen, aber es wird dort nur zu frommen Zwecken, z. B. Erez Jisroel-Geld u. s. w., gesammelt." — Nun, dachte ich mir, so ganz umsonst wird es denn doch nicht sein. Denn, wenn auch die fromme Uneigennützigkeit des heiligen Rabbi im reinsten Lichte strahlt, so liegt es doch nicht gar zu fern, zu der Annahme zu gelangen, daß aus dem reichen Zufluß fremder Wanderer, von denen jedenfalls die ganze fromme Gemeinde dieses heiligen Rabbi pryfitirt, ein gewisser, indirecter Nutzen auch für den heiligen Rabbi abfließt. Und über die eingehenden frommen Spenden wird es bei einen! so heiligen Rabbi wohl auch keiner allzustrengen Controle bedürfen. — „Weiter braucht Ihr Euch dort Nichts kosten zu lassen?" frug ich wieder. „Man braucht dort weiter gar nichts auszugeben , außer, daß man sich das Sefer und ein photographisches Bild des heiligen Rabbi kauft." Weniger interessirt für diese modernen „Heiligenbilder", als für das große Buch dieses Rabbi, frug ich weiter: „Was ist denn das für ein Sefer?" „Das Sefer," erwiederte man mir, „das ist ein großes, ein heiliges Sefer, voll der höchsten-Weisheit und der tiefsten Gelehrsamkeit, ein unerschöpflicher Quell des Trostes, der Erbauung und Belehrung, ja ein ganz „Wohles" — vortreffliches — Sefer.";,Das Sefer möchte ich gerne sehen!" rief ich aus. ,-Jch Hab' es,", sagte einer der jüngeren Mitreisenden, ,-ich bin schon einmal dagewesen und Hab' mir's da gekauft, nur einen Thaler kostet es. Ihr könnt es gleich sehen." Damit schnürte