Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-05-26 · Heft 22 (26.5.1874) · p. Seite 368

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 22 (26.5.1874)
Date
1874-05-26
Page
Seite 368 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226960-3226983--32625-3255601
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

f . . in vielen Beziehungen von mancherlei Eigenthümlichkeiten absehen müssen, die theils aus ihrer Eigenart, theils aus ihrer Zeit und deren Färbung flossen. Wir müssen uns in die letztere versetzen und Vieles in den Kauf nehmen, was uns nicht zusagt. Es ist dies selbst auf dem ästhetischen Gebiete der Fall, wo es eigentlich am wenigsten von uns verlangt werden könnte, und aus Zeiten, die uns viel näher liegen. Wir brauchen nicht auf die indischen und persischen Dichter, auf die Nibelungen zu verweisen, erinnern wir uns nur an Dante und Shakespeare. Wo ein großartiger Kern und Gedankeninhalt, sowie Gewandtheit und Kraft des Ausdrucks vorhanden sind, ist es unser eigener Vortheil, über die Mängel und Schwächen hinwegzusehen. Es ist 'gut, diese uns klar zu machen, aber sie . nicht so zu betonen,, daß uns dadurch der bedeutende Charakter und die veredelnde Wirkung verloren gehen. Haben wir dies: doch auch an den großen Persönlichkeiten zu üben, denen zu begegnen wir das Glück haben. Erkennen Sie doch selbst den Scharfsinn, die edele und erhabene Gesinnung, die reine Sittlichkeit und die tiefe Begeisterung Philo's an — sind dies so häufige, so gewöhnliche Eigenschaften, daß sie uns nicht zum Studium seiner Schriften anregen sollten? ich. gestehe offen, daß ich gerade für unsere Jugend die Werke? Philo's für sehr nützlich erachte. Sie, unsere Jugend, welche, für die Leistungen der Griechen mit Recht eine so hohe Achtung besitzt, hat ein Vorbild nöthig, wie wir uns deren Erzeugnisse aneignen können, ohne das aufzugeben, worin wir die Griechen überragten, und. so Schüler und Lehrer zugleich zu sein. Sie, welche mit vollem Rechte sich der allgemeinen Cultur so ganz ergiebt, muß ein Muster haben, wie man sich auch innerhalb derselben die Selbstständigkeit der Gesinnung und des Urtheils, die Unabhängigkeit des Charakters bewahrt, um so mehr da wir hierdurch allein im Stande sind, der Cultur unseren Dank zu hechätigen, und, auf sie durch das zu wirken, was wir besitzen. Die Festigkeit mit welcher Philo auf dem eigentlichen Lehrinhalt des Judenthums beharrt, die Treue, die er, von der griechischen Philosophie durchdrungen, für die Grundanschauungen unserer Religion bewahrt, und mit der er an unseren heiligen Urkunden hängt, die Frische des Geistes, mit der er sie in eigenthümlicher Weise erfaßt, vermögen unsere Bewunderung zu erwecken. Die innere Verwandtschaft seiner Methode, und Auslegungsweise mit dem Midrasch ist nicht zu verkennen; aber seine Richtung ist eine vielfach verschiedene, geht unmittelbarer auf die höchste sittliche Anschauung,' auf die erhabendste ethische Gesinnung hin, und bewegt sich in einer Sphäre der Intelligenz und Abstraction, welche bei jüdischen Schriftstellern selten ist. Dadurch erlangen wir neben dem Talmud und Midrasch für die jüdische Gesammtliteratur einen Reichthum, eine größere Mannichfaltigkeit, die uns sehr willkommen sein muß. Gerade durch diese Richtung der Philonischen Schriften wird aber auch der materiellen Neigung unserer Zeit ein Gegengewicht bereitet. Es kann Niemand in den Werken Philo's lesen, ohne sich von . dem Hauche der reinen Sittlichkeit angeweht, von der Erhebung über die maßlose Würdigung des Sinnlichen und Weltlichen ergriffen zu fühlen, und welchen Werth dies für unsere Zeit hat, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Hiermit will ich schließen. Ich fühle, daß ich, obschon meine Antwort nicht kurz ausgefallen, doch Vieles nur lückenhaft ausgeführt habe, und noch Manches zu sagen hätte. Aber ich weiß auch, daß die Aengstlichkeit, Alles zu sagen, eher die Empfindung der Schwäche verräth, als die Festigkeit der Ueberzeugung. Sie werden sicherlich die angeregten Gedankenreihen verfolgen, und dann bin ich gewiß, daß ich meinen Zweck erreicht habe. - Deutschland. Leipzig, 14. Mai. (Privatmitth.s Die hier erscheinende „Gartenlaube" enthält vom Prof. Reclam, dem bekannten Vorkämpfer für das Verbrennen der Leichen, einen ausführlichen Artikel. Dagegen läßt sich nichts sagen; jeder vertheidigt seine Ansicht.. Das Schlimme ist nur, daß derartige Propagandisten Behauptungen in leichtfertiger Weise aufstellen, deren Unrichtigkeit auch ihre übrigen Argumente als zweifelhaft erscheinen läßt. Er sagt unter Anderm, daß das Verbrennen der Leichen bei den Juden, in so hohen Ehren gestanden, daß sie auf diese Weise ihre Könige bestattet hätten. Jeder Kenner der Bibel weiß, daß das Gegentheil stattfand. Die Grabmäler, welche die Könige sich errichteten, mit ihren Nischen und vollständigen Sarkophagen, lassen die Annahme vom Verbrennen ihrer Leichen nicht zu, auch wenn so viele Stellen der Bibel nicht das Gegentheil von der Behauptung des Herrn Reclam bewiesen. Sie haben daher mit Recht die drei Stellen, auf welche sich die Gegner berufen, weil sie in der That das Gegentheil beweisen und der fragliche Ausdruck .von den Exegeten längst richtig gedeutet worden, in Ihrem bekannten Aufsatz^ Nr. 14 Seite 226 in der 3. Anmerkung nur kurz erwähnt. Für solche jedoch, welche der Sache nicht ganz kundig sind, ist wohl eine nähere Erwähnung nicht ohne Nutzen. Es war nämlich Sitte, bei dem Begräbniß vornehmer, besonders fürstlicher Personen, eine Menge Specercien, wozu auch oft Kostbarkeiten und reiche .Gewänder hinzngefügt wurden, zu verbrennen, nachdem die Leiche, die> wenn sie nicht mumificirt worden, mit conservirenden Specereien umgeben, auf der Bahre zum Grabe getragen wurde, im steinernen Sarkophage innerhalb des, oft von dem Verstorbenen selbst längst)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.