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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-05-26 · Heft 22 (26.5.1874) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 22 (26.5.1874)
Date
1874-05-26
Page
Seite 367 (sequence 5)
Language
German
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367 sich faktisch darin, daß ' die besonderste Geistesarbeit in unseren Kreisen 'auf die Geschichte des Judentums gerichtet ist, sogar, wie ich nicht anstehe zu erklären, in übermäßiger Weise, so daß die doctrinelle Bearbeitung hierdurch , weil gedrängt, geschädigt wird. Wir knüpfen eben auch hierin viel mehr an den Geist und die Form der heiligen Schrift selbst an. Und nun lassen Sie mich — Sie werden sagen, endlich — züni Philo kommen. Zu den interessantesten Partien, in der Geschichte des Judenthums gehören die verschiedenen Zeiten', in welchen durch politische Ereignisse die Juden aus ihrer Abgeschlossenheit heraustraten und mit anderen weltgeschichtlichen Nationen und deren Cultur in unmittelbare Berührung und in gegenseitigen Austausch traten. Es ist da von hoher Bedeutung zu beobachten, welchen Einfluß das Judenthum auf sich einwirken ließ, und wie es sich unter diesem Einfluffe gestaltete. Das erste Beispiel dieser Art haben wir in der chaldäischbabylonischen Periode. Denn ich wieverhole es hier, der von manchen Forschern vorausgesetzte Einfluß Aegyptens auf das mosaische Zeitalter bewährt sich durchaus nicht, und wäre vielmehr in einer Opposition als in einer Annäherung zu suchen. Ueber die Einwirkung des chaldäischen Geistes aber haben wir sichtlich Spuren in Ezechiel und dem einen Theile des Secharja und ein volles Document im Buche Daniel vorliegen. Der zweite nachhaltige Contact vollzog sich seit den Eroberungen des makedonischen Alexanders mit dem Hellenismus und den Römern. Die eigentliche Stätte dieser letzteren Berührung ist aber nicht in Palästina, wo die jüdische Opposition zu stark war, als vielmehr in Aegypten, besonders Alexandrien. Der vorzüglichste Träger dieser Berührung des jüdischen und griechischen Geistes, welche, wie schon oft in diesem Blatte ausgeführt worden, eine ausgedehnte literarische Production hervorbrachte, ist nicht der palästinensische Josephus, sondern der alexandrinische Philo. Ich brauche hier kaum zu erwähnen, daß das dritte Beispiel eines solchen fruchtbaren Contactes in der arabisch-spanischen Periode mit ihren Ausläufern in Frankreich, Italien und Holland gegeben worden, bis wir eine solche vierte und umfassende Evolution in der modernen Zeit vor sich gehen sahen. — Der Hellenismus ist aber bekanntlich das großartigste Element des Alterthums, und es ist daher von höchster Wichtigkeit, den Proceß der Einwirkung desselben auf das Judenthum und die Gestaltung des Letzteren unter diesem Einfluß klar zu erkennen. Dem Forscher leuchtet es alsbald ein, daß in allen diesen verschiedenen Contacten der jüdische Geist seine Selbstständigkeit nicht verlor und die Grundelemente seiner eigenen Welt nicht aufgab. Wie weit dies nun das eine oder das andere Mal geschehen sei, und welches Erzeugnis aus der Verschmelzung so streitbarer Elemente hervorgegangen sei, dies zu beobachten und zu erkennen ist vom größten Interesse. Hierfür aber ist für die jüdisch-hellenistische Periode Philo vom entschiedendsten Gewicht. Denn wenn unter den uns verbliebenen Resten der jüdisch-griechischen Literatur die Septuaginta nur die - ♦' heilige Schrift im Gewände der griechischen Sprache, unter den Apokryphen die meisten ebenfalls nur Uebersetzungen aus dem Hebräischen sind, die übrigen völlig jüdischen Inhalts, Josephus' doch nur Sprache und Form und die jüdisch-griechischen Dichter auch nicht mehr von den Hellenen entlehnt haben: so ist es mit Philo ganz anders. Bei ihm handelt es sich nur um religiöse, um metaphysische und ethische Gegenstände, um die höchsten Fragen und deren religionsphilosophische Beantwortung. Er nimmt die Ergebnisse der hellenischen Anschauung und Philosophie herüber, verpflanzt sie auf den jüdischen Geistesboden und sucht aus der Vermischung dieses beiderseitigen Samens eine eigenthümliche Pflanze zu ziehen. Es ist hier nicht der Ort, nachzuweisen, wie weit ihm dies gelungen, wie weit er das specifische Judenthum getreulich bewahrt und wie weit er dem hellenischen Geiste nachgegeben habe — meine Aufgabe besieht nur darin, die außerordentliche Wichtigkeit Philo's für die geschichtliche Erkenntniß des Judenthums ersichtlich zu machen. Mehr als alle asiatische Elemente war und ist der Hellenismus weltbeherrschend, und zu erkunden, wie sich das Judenthum mit ihm abgefunden, bleibt ein Bedürfniß und wird zum Gewinn. Wenn man davon spricht, daß Philo und die ganze jüdisch-hellenistische Richtung doch keinen entscheidenden Einfluß auf die weitere Entwickelung des specifischen Judenthums geübt habe, so will dies meinem Bedünken nach doch nicht allzuviel sagen. Unsere Zeit ist eben aus diesem engen Rahnien herausgetreten; sie hat ihrem Bedürfnisse und inneren Drange nach an die wissenschaftlichen Ergebnisse und Literatur der arabisch-spanischen Periode wieder angeknüpft undwandte sich dann der jüdisch-hellenischen Zeit zu, deren Vorhandensein in umfänglicheren Maaßen sie eigentlich erst wieder entdeckt hat. Hierbei ist nun noch zu erwägen, daß der Hellenismus noch auf unsere Zeit den größten Einfluß übt, ja, daß unter der heutigen studirten jüdischen Jugend cs viel mehr giebt, welche die jüdische Sprache und Literatur inne haben, als die hebräische. Aus diesem Gesichtspunkte ist Philo nicht zu übersehen. Endlich, daß Philo sich gerade dem hellenisch eigenthümlichsten Genius, dem Plato, angeschlossen, während die arabischspanischen Juden, wie es in ihrer Zeit lag, den Aristoteles zum Führer nahmen, diesen gewaltigen Geist, der doch mehr in die neuere Welt, als in die althellenische hineinragt. Man möchte sagen, daß auch hierin eine gewisse Continuität und ein Fortschritt zwischen den hellenistischen und arabisch-spanischen Juden, auch ohne das Bewußtsein der letzteren hierüber, bestand. Philo spiegelt uns somit den Contact der Juden und der Hellenen in feiner höchsten Gestaltung ab, wie die arabisch-spanischen Heroen den Contact der Juden mit dem griechisch-arabischen-spanischen Geiste, da bekanntlich die Araber und die mittelalterliche Scholastik, auf Aristoteles beruhen. In der Verurtheilung Philo's selbst gehen Sie, geehrter Freund, viel zu weit, und thuen ihm meiner Meinung nach Unrecht. Es giebt nicht viele Schriftsteller, bei welchen wir nicht

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