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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-05-26 · Heft 22 (26.5.1874) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 22 (26.5.1874)
Date
1874-05-26
Page
Seite 366 (sequence 4)
Language
German
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des lauteren Herzens heraus für Erkenntniß und Glauben darbietet, . gewinnt nicht allein hierdurch, sondern weil es aus einer fast 4000-jährigen Geschichte herausgewachsen ist, in all' diesen vielen Geschlechtern lebte, bestand und wirkte,, dem Individualismus und der Zeitströmung gegenüber ein außerordentliches Gewicht, eine überwindende Kraft. Eine Glaubensmeinung, die so beschaffen, sich so entwickelt und bewährt hat, ist eben das Product der Geistesarbeit aller dieser Jahrhunderte zusammengenommen. Wenn der Einzelne nicht befähigt und gemüßigt gewesen, sich selbst eine Ueberzeügung zu bilden, oder wenn er in den Wirren der Parteien in seinen Ansichten wankend geworden, einer neuen, mit Energie auftretenden Meinung gegenüber sich nicht stark genug fühlt, wenn er den zersetzenden Einflüssen des Lebens Widerstand zu leisten, nicht vermag, in allen diesen und anderen zahllosen Fällen 'bietet ihm das geschichtliche Judenthum, weil es ebenso dem gesunden Menschenverstände entspricht und der philosophischen Behandlung nicht widerstrebt, wie eine durch alle Geschlechter tradirte und gefestigte' Lehrmeinung ist, eine feste Stütze, einen sicheren Halt, eine klare Erleuchtung, vor welcher Zweifel und Unsicherheiten verschwinden. Ist dies der Fall, und ich glaube nicht, daß es Jemand aus diesen Gesichtspunkten bestreiten wird, so ist das Verständniß des geschichtlichen Judenthums von der höchsten Wichtigkeit und kann von der Erkenntniß des Judenthums selbst gar nicht getrennt werden. Es versteht sich dann aber von selbst, daß es hierbei .nicht auf die dürre Aufzählung von Thatsachen, auf eine oberflächliche Kenntniß der Ereignisse ankommt, sondern vielmehr auf das Verständniß der inneren Bewegung und Entwickelung in allen Zeiten, der Veränderungen in Wesen und Gestaltung, und wie sie vorgegangen. Allerdings wird auch die politische Geschichte des jüdischen Stammes von Wichtigkeit sein, da von ihr aus viele innere Erscheinungen erklärlich sein werden. Die Hauptsache aber bleibt, daß uns in möglichst eindringender und vollständiger Weise aufgeht, wie das Judenthum in jeder Periode verstanden, entfaltet und gestaltet worden. Da kann keine Zeit und keine. Erscheinung für gleichgültig erachtet und übergangen werden, ob sie bedeutend oder unbedeutend, klar oder dunkel, vernünftig oder absurd, fortschreitend oder zurückgehend scheine. Denn es handelt sich darum, die Continuität des Lebens und die eigenthümliche Beschaffenheit in jeder Zeitperiode nachzuweisen und ein Gesammtbild zu erlangen, in welchem kein wesentlicher Zug fehlt. Ich habe aber schon früher hervorgehoben, daß uns hierbei oft ein scheinbar Geringfügiges und Nebensächliches zur scharfen Charakteristik verhelfen könne. Von der einen Seite wäre es zu betonen, daß wir durch diese umfassende geschichtliche Erkenntniß erfahren, was im Judenthume das ewig Bleibende, das immer Gültige, und was das Wechselnde, Veränderliche, sich immer Neu- oder Umgestaltende gewesen ist; nicht weniger wichtig ist die andere Seite, daß wir zur Anschauung bringen, wie das Judenthum in jedem der aufeinanderfolgenden Zeiträume gewesen, was in ihm gelebt und wie es. sich ausgestaltet habe. Nach diesen Erörterungen werden Sie, wenn Ihnen meine Ansichten begründet erscheinen, und ich bin gewiß, daß sie von den bedeutendsten Geistern unserer Religion in der Gegenwart getheilt werden — wohl kaum noch die Wichtigkeit eines Philo und des Studiums seiner Schriften in Zweifel ziehen, von welchem Geiste diese Ihnen auch geschaffen und erfüllt erscheinen mögen. Doch erwarte ich noch einen Einwand, den ich mit einigen Worten zuvor berühren will. Sie werden gegen die Unentbehrlichkeit der Erkenntniß des geschichtlichen Judenthums einwenden: wie kommt es denn aber, daß es den verflossenen Zeiten des Judenthums an allem geschichtlichen Sinn, an aller Würdigung der Geschichte gefehlt hat, und notorisch die Geschichte des Juden thums äußerst dürftig bearbeitet worden, ja Männer wie Maimuni geschichtliche Aufzeichnungen für dummes Zeug, Moses Mendelssohn ein Geschichtswerk nur, wenn es gut geschrieben, gputiren zu können erklärten? Es ist dies wahr, aber ich habe Ihnen Folgendes zu erwiedern. Daß die Anlage des Judenthums hiermit nicht übereinstimmt, ersieht man aus der heiligen Schrift selbst, deren Bücher mit geringer Ausnahme durchaus den Charakter geschichtlicher Darstellung besitzen. Die heilige Schrift geht sogar von der Geschichte der ganzen Menschheit aus, giebt uns geschichtliche Bilder, bis zu der Zeit, wo sie endet, selbst die Offenbarung erscheint nur in ihrem geschichtlichen Verlaufe, in der Form geschichtlicher Darstellung, und die meisten Propheten schließen in ihre Reden Geschichtsscenen ein. Erst als das Doctrinäre vorherrschend wurde, wich der geschichtliche Sinn zurück. Ein Buch der Schrift, der Prediger, wurzelt sogar in der Leugnung der Geschichte, des geschichtlichen Processes und seiner Erfolge, und folgert hieraus seine bezeichnendsten Sätze. Wir können daher um so bestimmter die desfallsigen Ansichten so großer Männer und Denker, wie wir erwähnt haben, als Einseitigkeit und Beschränktheit, denen jeder Mensch unterworfen ist, erklären , und haben nicht zu vergessen, daß in den verflossenen Zeitaltern das Studium und die Erkenntniß der Geschichte darum weniger nothwendig war, weil sie selbst noch energisch im geschichtlichen Judenthum lebten und die jüdische Tradition als alleinigen Boden unter den Füßen hatten. Dies ist aber in unserer Zeit -nicht mehr der Fall, selbst bei den Neu- und Hyperorthodoxen nicht. So sehr auch diese vorgeben, das traditionelle Judenthum festzuhallen, so gelingt ihnen dies doch nur formal, und ihr eigenes Geistesleben ist von der Culturbilvung viel zu ergriffen und ausgefüllt, als daß das traditionelle Judenthum in ihnen wirklich lebendig wäre. Wer die Schriften z. B. des Herrn R. S. Hirsch liest, wird dies zugestehen müssen. Künstliche und gezwungene Hineindeutungen beweisen eben, daß das Leben im traditionellen Judenthume ihnen entschwunden ist. Wir haben es daher hiervorzugsweise mit dem Bedürfniß des gegenwärtigen und der. zukünftigen Geschlechter zu thun, und daß dies der Fall ist, zeigt

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