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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-05-26 · Heft 22 (26.5.1874) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 22 (26.5.1874)
Date
1874-05-26
Page
Seite 365 (sequence 3)
Language
German
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Psalmen das Buch des einfachen lautern Herzens sind, so werden Sie doch schon in den Propheten bei all' deren einfacher Erhabenheit aus viele Schwierigkeiten treffen, und die gewichtigen Fragen, welche das Buch Hiob und der Prediger aufwerfen, darüber kann wohl der gesunde Menschenverstand auf dem Boden der Gottesfurcht und der Gesetzesübung hinweggehen, aber sie zu lösen vermag er nicht, dazu bedarf es einer größeren Vertiefung und einer höheren Speculation. Nicht anders ergeht es der einfachen Herzensfrömmigkeit und dem Menschenverstände in den umfassenden Erzeugnissen des talmudischen Zeitalters. Aus jenen allein sind die vielfachen und verworrenen Controversen gewiß nicht entstanden, und noch weniger die lichtvolle Codification durch Alfasi, Maimuni, Karo u. a. Es gehörten ganz andere Geisteseigenschaften dazu, um in der Entwickelung des praktischen Lebens, in der Verwirrung der Verhältniffe und der Consequenz des gegebenen Stoffes die tausend kasuistischen Fragen zu beantworten und aus den verschiedensten Beantwortungen einen bestimmten und genau formulirten Brauch herauszubilden. Selbst daß sich auch eine Mystik trotz jener Grundeigenschaft unserer Religion im Iudenthume entfaltete und in gewissen Zeiträumen einen breiten Platz einnahm, lag in der Natur des Menschengeistes und seiner allfeitigen Strömungen. Sehen wir also selbst von dieser letzteren ab, obschon sie geschichtlich gar nicht zu übergehen ist, so müssen Sie doch zugestehen, daß wir das Judenthum und sein richtiges Verständniß nicht mit dem bloßen gesunden Menschenverstände und dem einfachen lauteren Herzen abgethan zu haben glauben können. Und dies ist denn auch von großem Segen. Der Schöpfer hat einmal dem Menschengeiste die Fähigkeit und den Drang mächtiger Entfaltung gegeben, und dessen Kräfte nicht, auf die Einfachheit des Verstandes und des Herzens beschränkt. In ihm waltet vor Allem auch die Phantasie, lebt der unüberwindliche Drang, den Verstand immer mehr und intensiver zu entwickeln und die Gefühle des Herzens zu vertiefen, der. mächtige Trieb, das Wesen der Dinge zu durchdringen, das übersinnliche Dasein zu fassen und zu begreifen, und aus der Consequenz dessen, was er weiß und glaubt, immer höhere Fragen zu folgern und deren Beantwortung zu versuchen. Diese großartige Geistesthätigkeit erhebt den Menschen nicht allein über sich selbst, sondern bringt jenes ganze geistige Leben hervor, das den Menschen adelt, seinem Dasein auf Erden einen höheren Werth verleiht, und dann wieder auf die Cultur des materiellen Lebens nachhaltig zurückwirkt. Mag man daher bei dem Abschluß einer Periode über die concreten Resultate der Philosophie noch so absprechend urtheilen, mögen ihre Ergebnisse noch so schwankend, ja bei der Neigung zur Skepsis selbst gefährlich sein und eine sophistische Dialektik zur Folge haben: ihr unmeßbarer Nutzen für das geistige Leben, für die Entwickelung und die Bethätigung der Geisteskräfte, für die richtige und eingehende Behandlung alles anderen Wissensstoffes ist nicht abzuleugnen, und der Trieb des Geistes zu ihr hin ist niemals zu erdrücken; ja, der Versuch schon, dies zu thun, fällt erdrückend auf die zurück, welche dieses Experiment unternehmen. Aus diesen Gründen ist es denn auch kein geringer Vorzug des Judenthums, daß es, immer auf dem Boden seiner, denr gesunden Menschenverstände und dem einfachen lautern Herzen entsprechenden Lehre, Stoff und Anhalt auch für eine höhere Geistesentwickelung gegeben und Raum gewährt zu haben, ohne darüber in Gegensatz und Verfall zu gerathen. In dem langen Wechsel der Zeiten, den es durchlebt hat, kamen daher nicht allein die Versuche, es philosophisch auszubanen, immer von Neuem zum Vorschein, sondern es entstand auch die Streitfrage, ob der Philosophie Eingang in das Judenthum zu gewähren sei? Diese Frage kam selbstverständlich immer wieder auf, wenn ein Aufschwung des Geistes eine philosophische Bearbeitung des Judenthums hervorgebracht hatte, aber bereits wieder im Niedergang begriffen war. Ich erinnere nur als Beispiel an die desfallsigen Discussionen in der spanischen Periode. Auch in dem Verfall dieser glänzenden Epoche wurde schließlich die Philosophie verketzert — aber welche Zeiten der Geistesbeschränktheit folgten darauf! Die Folgerungen hieraus für den Inhalt Ihres Schreibens kann ich Ihnen trotz meiner Freundschaft und Achtung nicht ersparen. Sie haben allerdings eine gewisse Neigung der Gegenwart gegen die abstracte Philosophie zu Ihrer Entschuldigung. Aber jene beruht doch nur in einer gewissen Unklarheit der augenblicklichen Strömung. Denn diese ist doch nur gegen die abstrusen philosophischen Schulsysteme der letzten Zeit gerichtet, während sie der philosophischen Behandlung in allen Fächern der Wissenschaft gar nicht entbehren kann, und sogar die Naturwissenschaften in den Fehler verfallen, die philosophischen, die psychologischen wie die metaphysischen Fragen von ihrem Standpunkte aus lösen zu wollen. Wie armselig, wie unbefriedigend für Viele würde das Judenthüm dastehen, wenn es für solche Geistesarbeit und Geiftescultur gar keinen Stoff und keinen Raum hätte, und ihnen alle Nahrung und Geltung versagen würde! Aber es kommt noch ein ganz anderer wesentlicher Gesichtspunkt hinzu. Das Judenthum hat seinen besonderen Werth und seine vorzügliche Bedeutung in seiner Geschichte. In einer Zeit, wo die mannigfaltigste Schwankung sich der Geister bemächtigt hat, wo die Gegensätze sich so scharf ausgebildet habenwo Kritik, Zweifel und Verneinung an der Tagesordnung sind, und wo endlich der Individualismus die unbedingte Herrschaft beansprucht und sich anmaßt: da wird der einzig feste und sichere Boden für eine Ueberzeugung durch die Geschichte geboten. .Denn mitten in dem Strudel der Meinungen, wie sie zeitlich und persönlich sich an die Oberfläche drängen und wirren Wellenschlag, hervorbringen, kann nur die innerhalb und aus der Geschichte hervorgewachsene Ueberzeugung das Rettungsboot gewähren, das! durch die wüste Brandung in den Hafen einer befriedigenden Lösung führt. Was das Judenthum aus dem gesunden Menschenverstände und aus der Uebereinstimmung mit den Gefühlen 22*

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