Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1874)
- Date
- 1874-05-26
- Page
- Seite 364 (sequence 2)
- Language
- German
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lassen, wenn Noth eintritt, darin unterzugehen. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß die talmudischen Vorschriften dem mit Energie entgegentreten, jeden Vater verurtheilen, der seinen Sohn nicht ein Handwerk, ein ehrliches und thätiges Gewerbe erlernen läßt/ dem Volke zur Pflicht machennur - in äußerster Noch Almosen anzünehmen, und es für eine Sünde erklären, Almosen zu beanspruchen, so lange man die Kraft hat, sich selbst zu ernähren, weil man es dadurch den Wittwen und Waisen, den Kranken und Alterschwachen entzieht. Wollten sie doch, daß selbst der Talmudgelehrte ein Gewerbe treibe, um nicht schließlich die Thora zum Spaten machen zu müssen. Selbst die fromme Faullenzerei hat also keine religiöse Rechlfertigung. Wir brauchen es unseren Lesern nicht erst zu sagen, daß auch wir mit den wärmsten Gefühlen an jenen geheiligten Stätten hängen, wo einst der damals einzige Tempel stand, in welchem der einzige Gott angebetet ward, wo die Propheten und Weisen die gottbegeisterten Worte der Gotteserkenntniß, der Liebe und des Rechts sprachen, niederschrieben und bethätigten, wo unser Volk fünfzehn Jahrhunderte seine Heimath hatte und oft mit Heldenmuth vertheidigte. Die Gedanken und Gefühle aller wahrhaften Glaubensgenossen weilen auf diesen Stätten mit tiefer Empfindung, und wenden ihnen ein erhebendes Angedenken zu. Wenn aber etwas dieses Bild der Erinnerungen zu trüben und zu entstellen vermag, so ist es der Zustand der jetzigen Bevölkerung in Jerusalem.. Er gereicht uns zur Schmach, und bringt dem nichtjüdischen Beobachter eine Vorstellung von der gegenwärtigen Beschaffenheit des jüdischen Stammes bei, die sich erst verändern kann, wenn er wieder im Herzen von Europa weilt. Aber diese jüdische Bevölkerung der heiligen Stätten weist jede Verbesserung dieses Zustandes hartnäckig zurück, und die Mehrzahl derer, welche nach' Jerusalem auswandern, verstärkt nur diesen Widerstand. Mag daher dem augenblicklichen Nothstande, soweit es möglich ist, eine Hülfe zukommen: er wird, vorübergehen und nach'kurzer Zeit wiederkehren, und in der Zwischenzeit das Elend nicht aufhören und der Ruf nach Almosen nicht verstummen. Die traurigen Folgen werden nicht verschwinden, so lange nicht die dortige Bevölkerung selbst Hand an die Verbesserung ihrer Zustände legt. Was bedeutet «ns der Philosoph philo? III. Sie sagen: „Das Judenthum ist die Religion des gesunden Menschenverstandes und des lautern Herzens in seinen Prinzipien, Lehren und Vorschriften." Es ist dies vorsichtig und etwas zweideutig gesagt. Denn man kann einen solchen Allgemeinsatz nur mit Vorbehalt zugeben. Es ist wahr, jene großen Lehrsätze vom einzigen, unkörperlichen, vollkommenen Gotte, dem Schöpfer der Welt, von der göttlichen Vorsehung und Vergeltung, von der Barmherzigkeit und Allgüte Gottes, von der Gottebenbildlichkeit ves Menschen und der Versöhnung seiner Schuldhaftigkeit, von der Menschenliebe und der Gerechtigkeit, von der persönlichen Freiheit und der Gleichheit der Menschen vor Gott Mü'd > im Rechte, - einfache Vorschriften wie die zehn Gebote' und.andere einzelne Gesetze entsprechen gänzlich dem gesundes Menschenverstände'und dem lauteren'Herzen. Dieses Bewußtsein spricht sich bereits in der Thora selbst aus (5 Mos. 30, 12. 14), wo es schließlich heißt: „Nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und deinem Herzen, um es zu thun", und (29, 28) „Das Verborgene ist des Ewigen, unseres Gottes, aber das offenbare unser und unsrer.Kinder auf ewig, um zu thun alle Worte dieser Lehre." Und diese Eigenschaft der fundamentalen Lehren und Vorschriften unserer Religion hat nach dreien Seilen hin eine große Wirksamkeit geübt. Zunächst vermochte sie die Bekenner dieser Religion in allen Zeiten und auf allen Bildungsstufen mit ihr in Uebereinstimmung zu erhalten, so lange sie nicht geradezu dem Unglauben anheimsielen. Alsdann hat sie auf die Geistesrichtung der ganzen Masse, nach der Seite des Verstandes, wie des Herzens entschieden gewirkt, da diese eben nicht mit Geheimnissen und dem diesen entsprechenden blinden Glauben sich abzusinden hatte. Endlich w.ar dadurch nur geringe Veranlassung zu dogmatischen Streitigkeiten und desfallsigen Spaltungen und Sectirereien gegeben, die dann auch nur zu gewissen Zeiten entstanden und sich immer bald wieder verloren. Allein sobald Sie von diesem elementaremLehrinhalt abgehen, so findet es sich doch anders. Lesen Sie die ersten Seiten der Thora, die Schöpfungsgeschichte, und es werden Ihnen, über den einfachen Menschenverstand hinaus, viele Fragen sich aufdrängen; lesen Sie die Geschichte des Paradieses und so viele Andere, und Sie werden nur auf dem Wege einer tieferen Geistesoperation ein Verständniß gewinnen und den principiellen Inhalt aus der Hütte lösen können. So auch im Gesetze selbst. . Jemehr es sich specialisirt, desto mehr Scharfsinn, Umsicht, Kenntniß der Zeit und Oertlichkeit bedarf es, um eine klare und befriedigende Einsicht zu erlangen und selbst die aufstoßenden Widersprüche sich zurechtzulegen. Sie wissen, daß deshalb die sg. msa' (Gründe und Zwecke der Gesetze) von nicht wenigen unserer Lehrer perhorrescirt wurden, weil sie leicht in der Uebung des Gesetzes wankend machen können. Auch ist in der That der Jrrthum auf diesem Gebiete sehr leicht, da die Auffassung gar bald eine einseitige wird. Dies hat selbst der große Maimuni erfahren (im dritten Theile feines unsterblichen More Nebuchim), wie wir vor einigen Jahren in einer Reihe von Artikeln nachgewiesen zu haben glauben.*) Je weiter Sie in der h. Schrift fortschreiten, also in der ältesten Fortentwickelung des Judenthums, desto öfter werden Sie mit dem einfachen Menschenverstände nicht auskommen. Wenn die Sprüche Salomonis das Buch des gesundeil Menschenverstandes und die Mehrzahl der *) Jahrgang 1864 Nr. 1 Seite 2 bis 335.