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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-05-26 · Heft 22 (26.5.1874) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 22 (26.5.1874)
Date
1874-05-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ein llnparteiisches Organ für alles jüdische Jutereffe. Herausgegeben.von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgärtller's Buchhandlung in Leipzig. Diese Zeitung erscheint wöchentlich 'einmal in 2 bis 2 '/* Bogen. Preis Vierteljährig 1 Thlr. Inserate werden mit 2 Ngr. mr die Pctitzeilc oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, -Postämter und ZeituugS-Expeditionen nehmen Bestellungen an. 2n redactionellen Angelegenheiten wende man sich an J)r. £'. Jfljilippfon in Bonn» hinsichtlich deS Bezugs und der Inserate an Laumgärtner's Snchhvndlang inLeipzig. Insrrätr, welche bis vonner«- tag eingeben. finden in der c arauffolgenden Nummer Berücksichtigung. 38. Jahrgang. Leipzig, den 26. Mai 1874. JW 22. Inhalt. Leitende Artikel: Die Hungersuoth in Jerusalem. — Was bedeutet uns der Philosoph Philo? UI. —Zeitungsnachrichten: Deutschland: Leipzig, Berlin» Aus Wiirtemberg, Mannheim, Bromberg- — Oesterreichisch-ungarische Monarchie: Stamslau lGalizien), Brody. — Frankreich: Paris. — Italien: Padua. — Griechenlaud: Korfu. — Amerika: New-Fork, Barranquilla, Buenos-Ayres. — Feuilleton: Der neuentdeckte - Wunderrabbi. (Eine Reiseskizze von B. C.) (Schluß). •jCei/foi/idc' Äxtillef. Bonn, den 20. Mai. Sie HungerMoch in Jerusalem. Wie wir bereits berichtet haben, ist in Syrien und besonders in Palästina eine ungewöhnliche Theurung der Lebensmittel eingetreten, und es langen deshalb von dort laute Nothrufe um schleunige Sendung von Unterstützung an. Auch sind bereits circa 20,000 Thaler von London und Amsterdam dahin geschickt worden. Daß diese nicht ausreichen, um die Noch zu stillen, ist einsichtlich. Denn die bei solchen Gelegenheiten stattfindenden Uebertreibungen abgerechnet —. da doch nicht alle jüdischen Bewohner Jerusalems ganz ohne jegliche Mittel sein werden — bleibt Mangel und HülfsLedürftigkeit genug übrig, um die Wohlchätigkeit der europäischen Glaubensgenossen aufzurufen. Wir empfinden dieses tiefe Elend mit. Aber wir müssen uns doch auch nach den Ursachen und nach der Lage der Dinge etwas umsehen. ' . Wir können es uns nicht verhehlen, daß diese sich jetzt fast jedes Jahr wiederholenden Hülfsrufe von Juden, bald aus Rußland, bald aus Persien, bald aus Palästina nachgerade nicht ohne nachtheiliges Urtheil für unsere Glaubensgenofienschaft bleiben können. Warum rufen nur die Juden um Hülfe? Warum nicht die christliche und die muhammedanische Bevölkerung? Die Calamität ist doch eine allgemeine, und trifft die gesammte Bevölkerung. Es kann doch nicht behauptet werden, daß die Juden allein Mitgefühl für ihre leidenden Brüder haben. Bei der großen Noch in den westrussischen Provinzen konnte man mit Recht sagen, daß in denselben eine ungeheure Masse von Juden in den Städten zusammengehäuft sei und durch das Staatsgesetz daselbst festgehalten und selbst in ihren Erwerbsmitteln vielfach beschränkt werde. In Persien legt eine unsinnige despotische Regierung den Juden die schrecklichste Bedrückung auf und raubt ihnen alle Mittel und Fähigkeit, sich selbst zu helfen. Aber in Palästina ist die jüdische Bevölkerung nur schwach, und unter dem milden und duldsamen Szepter der jetzigen türkischen Regierung ist den dortigen Juden alle bürgerliche Freiheit gewährt, und sie haben weder über eine Beschränkung zu klagen, die sie hinderte, zu kommen oder zu gehen, noch sich ihr Brod in irgend einer ehrlichen und thätigen Weise zu erwerben. Warum ist also die Noch bei ihnen so groß? Warum müssen sie Jahraus, Jahrein nach Almosen schreien? Warum, wenn irgend eine Dürre oder Epidemie eintritt, ist das Elend unaussprechlich groß? Die Antwort ist nicht , schwer zu geben. Weil die Mehrzahl — wir sagen durchaus nicht alle — weil die Mehrzahl nicht arbeiten will, sondern sich auf die aus anderen Ländern kommenden Almosen verläßt; weil sie fanatisch jede Volksbildung zurückweist, jeden Versuch, ihnen einen industriellen Zweig zu eröffnen, mit Bannflüchen beantwortet; weil sie nicht einmal eine Organisation des Almosenwesens zuläßt. Eine Bevölkerung, die arbeitet und erwirbt, erspart immer einige Mittel, welche in Zeiten besonderer Roth ausreichen, bis das Mißgeschick vorüber ist. Aber eine Bevölkerung, die nur von Almosen leben will, also immer in Armuth schmachten wird, muß es sich gefallen

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