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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-05-19 · Heft 21 (19.5.1874) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 21 (19.5.1874)
Date
1874-05-19
Page
Seite 356 (sequence 10)
Language
German
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356 Existenzen gerettet, wie viel Glück für-die Gegenwart und die Zukunft geschaffen'. So trat auch in Baltimore im Frühjahr 1872 ein Verein zur Gründung eines jüdischen Waisenhauses zusammen, der bald, mit einem Fonds von 18,000 Dollars und ^einem geschenkten Grundstück, an den Bau des Hauses gehen konnte. Schon am 18. Mai 1873 konnte die Einweihung des neuen Gebäudes stattfinden. Am 1. Januar 1874 hatte die Anstalt bereits ein Vermögen von 21,964 Dollars '65 Cents, von welchem mehr als die Hälfte in zinstragenden Papieren angelegt war. 245 Mitglieder haben sich zu jährlichen Beiträgen von fünf bis. zu fünfzig Dollars verpflichtet. Gegenwärtig befinden sich neun Knaben und sechs Mädchen in der Pflege und Erziehung der Anstalt. Ieuil Der nevenideckte Wunderrabbi. Eine Reiseskizze von B. C. (Fortsetzung.) Ein Elternpaar aus Polen hatte ein krankes Kind, dessen Leibchen hochaufgeschwollen war. Aerztliche Hülfe war und blieb stets erfolglos. Da kamen sie mit dem kranken Kinde vor den Rabbi. Dieser begann nun seinen „Ziruf Schemoth", und während er noch murmelte, vernahm man plötzlich eine aus dem Leibe des Kindes herausschallende (Bauchredner-?) Stimme, welche ängstlich rief: Macht das Fenster auf! Macht das Fenster auf! Es geschah, und deutlich sah man drei „Machschefot", Hexengeister aus dem Leibe des Kindes zum Fenster hinaus entfliehen. Augenblicks fiel die Geschwulst ab, das Kind ward gesund, aß und trank, war fröhlich und wohlgemuth, wie noch nie! — Die beglückten Eltern reisten frohlockend mit ihrem genesenen Kinde der Heimath zu. Doch, o Unglück! kaum waren sie bis an die heimathliche Schwelle wieder angelangt, als sie von Neuem einen der ausgetriebenen Dämonen an das Kind sich herandrängen und mit den tückischen Worten: „Warte nur, dort bei dem Zaddik habe ich wohl Furcht gehabt, hier aber fürchte ich . mich nicht vor Dir!" in das Kind wieder hineinfahren sahen. Indessen konnte die „Machschefa" jetzt in dem vom Rabbi „gesegneten Leibchen" des Kindes ihr Unwesen nicht mehr treiben, und sie fuhr tiefer hinunter, bis sie sich in einem Beinchen desselben eine neue Stätte bereiten konnte, welches jetzt wieder ungeheuer anschwoll. Was konnten nun die armen Eltern thun? Sie kehrten stehenden Fußes wieder um, den heiligen Rabbi nochmals aufzusuchen. Dort angelangt, vernahm dieser nicht sogleich von der hartnäckigen Tücke des von ihm beschworenen Dämons, als er zornglühend in das Kind hineinrief: „Du teuflische Machschefa! Ich bin dich noch ein Mal maschbie, daß du sofort dieses arme Kind verlassen sollst und es soll dir nie und nimmer mehr einfallen, es mit deiner Besessenheit wieder heimzusuchen!"— Der böse Dämon gehorchte. Mit schmerzlichem Gekrächze sah man ihn wieder aus dem Kinde hinausfahren und dasselbe war und blieb fortan geheilt. —Und diese Geschichte, so versicherte der Erzähler treuherzig, sie ist wirklich wahr und glaubwürdig , denn sie ist sogar in dem Buche dieses großen Rabbi — von welchem wir weiter unten reden werden — zum ewigen Gedächtniß niedergeschrieben. - t e t o n. Ein anderes Wunder unseres Rabbi ist an einem „armen Schlucker" vollführt worden. Ein schlichter, frommer Handelsmann aus Polen ward Iahre lang von einem heftigen Schlucken geplagt. Kein Arzt wüßte ihm Rath. Der Schlucken störte ihn unausgesetzt bei allen seinen Handtirungen und es kam soweit, daß er nicht drei Wörter zusammenhängend sprechen konnte, ohne dazwischen „schlucken" zu müssen. Endlich kam ihm die Kunde von unserem wunderthätigen Rabbi zu Ohren. Sogleich machte er sich auf und reiste zum Rabbi. Er trat bei diesem ein, suchte gewaltsam sein Leiden zu unterdrücken, um dem Rabbi davon nur eine verständliche Mittheilung machen zu können. Aber vergebens. Er vermochte kaum ein paar abgerissene Worte hervorzubringen; das Schlucken kam, und jedes Wort blieb ihm im Halse stecken. War's vor Ungeduld über diese unverständliche Willensäußerung, war's, daß der Rabbi schon merkte, wo ihn der Schuh drückt, derselbe donnerte ihn energisch an : „Was schluckst Du! Hör' auf zu schlucken! Du hast schon genug geschluckt!" — Unferm armen Schlucker war im Moment geholfen. Ein drittes Wunder ist sogar per Telegraph ausgerichtet worden. Ein in Rußland wohnender frommer und gelehrter Rabbi ward alt, krank und schwach und vom nahen Tode bedroht. In seiner Todesangst nahm er zu seinem großen Collegen in Grätz eine letzte Zuflucht. Aber bettlägerig krank, wie er war, wie konnte er zu ihm gelangen? Doch man wußte bald Rath. Der geflügelte Blitz , der länderverbindende Telegraph, steht ja jeder eilenden Botschaft zu Gebote; warum sollte er einem frommen Rabbiner nicht auch seine flinken Dienste leisten können? Ein Telegramm des leidenden Rabbi flog schnell zu unserm Wundcrrabbi, ihm Kunde von der großen Gefahr und Noth des würdigen russischen Collegen bringend. Der Wunderrabbi beeilte sich in frommer Liebe seinen „Ziruf Schemoth" in Thätigkeit zu setzen. Und mit welcher Leichtigkeit er dieses vollbringen konnte! „Lieber Gott!" also lauteten, nach der Betheuerung meines Gewährsmannes! „keha lischna" — die wenigen, einfach deutsch in den geöffneten Psalter hineingebeteten Worte des Rabbi: — „Lieber Gott! Laß doch diesem frommen Rabbi noch auf ein paar Jahre das Leben, es ist ein koscherer Iüd!" — Und augenblicklich ward, die „bezahlte Rückantwort^, nach der im geistigen Rapport ihm zu Theil gewordenen höheren

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