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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-05-19 · Heft 21 (19.5.1874) · p. Seite 349

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 21 (19.5.1874)
Date
1874-05-19
Page
Seite 349 (sequence 3)
Language
German
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was : der rechte Genius selbst aus den-geringfügigsten Theilen für die Grkenntniß des Ganzen, für den Fortschritt der Wissenschaft'zu folgern vermöchte.- Das Wesen jedes Objectes prägt sich in allen Theilen und allem Formen aus, und alle Glieder eines Organismus sind für dessen Charakter und Bestand erforderlich. Selbst die Sandalen und Schuhriemen sind für ein historisches Bild unentbehrliche und wenn Sie sich den Apollo Belvedere nicht in Reiterstiefeln, den mittelalterlichen Ritter oder den Connetable Ludwig des XIV. nicht mit Sandalen denken können, so sehen Sie selbst ein, wie nothwendig die Kenntniß der Fußbekleidung zu einem vollständigen Bilde ist, das ohne sie eines: Charakteristikums verloren ginge. Dies Alles bezieht sich aber in der Wissenschaft nicht blos auf die Summe dessen/ was augenblicklich die Kenntnisse und Erkenntnisse in derselben ansmacht, sondern auch auf ihr ganzes Werden, ihre Geschichte vom Beginne der ersten Sammlung ihres Stoffes und ihres ersten wissenschaftlichen Bewußtseins. Dies versteht sich nicht blos von den historischen Wissenschaften von selbst, sondern auch von den exacten. Nicht die Mathematik, nicht die Naturwissenschaften können ihrer Geschichte und deren Details entbehren. Selbst der tüchtigste Forscher bleibt ohne die letztere nur ein Empiriker. Die Kenntnißl' der Geschichte seiner Wiffenschaft«erst macht das Urtheil über den Werth einer, neuen Entdeckung, eines neuen Ergebnisses, einer neuen Ansicht oder Hypothese frei, setzt die selbstständige Kritik in Bewegung, warnt vor Jrrthum und Leichtgläubigkeit, und giebt sogleich einen großen Vorrath von Mitteln an die Hand, die Richtigkeit einer Beobachtung zu erkunden. . Dies - Alles sind Wahrheiten, geehrter Freund, die unbestreitbar sind, und die Ihnen wohl selbst vollständig einleuchten. Da-kann es denn nicht darauf ankommen, ob:, eine Forschung und deren Resultate für den allgemeinen Kreis, für die sg. gebildete Welt von mehr oder weniger Bedeutung erscheint, ob diese darin etwas- Wistenswerthes oder Ueberflüssiges erblickt. Steht es-doch Jedem frei,'sich davon soviel anzueignen, wie es ihm beliebt. - Dem Manne der Wissenschaft wird eine andere Forderung gestellt. Er wird das Gebiet der letzteren, so weit es irgend möglich/ zu durchwandern und/ kennen zu lernen haben. Was ihr etwa Ueberflüssiges aufgebürdet wird, das wird doch bald von ihr ausgeschieden. Aber sie allein hat das Urtheil darüber: Selbst Auswüchse sind - nur ein Zeugniß für die innen wirkende Lebenskraft. .. So viel im Allgemeinen auf Ihre interessante Zuschrift. Jetzt lasten Sie mich noch vom Iudenthume und von Philo im Besonderem sprechen. (Schluß folgt.) Das erste israelitische Mm-rninstitut;n Wien. Bor uns 'liegt ein stattliches: Heft, mit Grundriß und Ansicht versehen/ ' welches die Geschichte, die Ginweihung und die Einrichtungen dieser.neubegründeten Anstalt darstellt. Wir hgben in diesem Blatte den Anfang und , die Ausführung dieses..hoch-! herzigen Unternehmens,- das in verhältnißmäßig überaus kurzer Zeit sich, trefflich verwirklichte, verfolgt, und ist es der besondere Zweck dieser Zeilen nur, die Existenz dieser Anstalt den Lesern zum vollen Bewußtsein zu bringen.. . Die Wahrnehmung,. daß unter der jüdischen Bevölkerung des österreichischen -Kaiserstaates die Blindheit, und zwar die angeborene, ein verhältnißmäßig großes Contingent betrifft, und diese unglücklichen Kinder ihrem Geschicke überlassen werden, bewog den Dr. L ud wigAu g u st F r a n k l, ein besonderes israelitisches Blindeninstitut in Wien zu gründen. Der verehrte! Dichter, der bereits um humane Zwecke sich so viele Verdienste erworben hat und der mit eindringlicher Beredtsamkeit ein Vertrauen einflößendes praktisches Geschick verbindet, hatte bald das Glück in den Freiherren von Königswarter und von; Schey! die hochherzigsten Wohlthäter für seinen Plan zu finden, die durch. Stiftung eines Hauses -und beträchtliche Capitalien den Grund legten. Bald vermehrten sich die letzteren, sowie die jährlichen Beiträge, und es konnte Hand an die. Ausführung gelegt werden. Frankl machte -selbst eine Reise durch Deutschland und die Schweiz,, um die bekanntesten Blindenanstalten kennen zu lernen. Das. Gebäude wurde vollendet und am 1. December 1.8-71 feierlich der Schlußstein gelegt, sowie den.15. December die.ersten elf .Zöglinge ausgenommen. Neben der vortrefflichen baulichen Einrichtung der Anstalt ist hervorzuheben,' daß die besten Lehrkräfte gewonnen und die Zöglinge unter den Schutz vorzüglicher Augenärzte gestellt wurden. So steht dieses Blindeninstitut als ein rasch emporgeblühtes Werk warmer Menschenfreundlichkeit da, ein bleibendes Zeugniß für den Gründer wie für die Wohlthäter, welche ihn so thalkräftig unterstützten. .. Hierbei trat nun eine Erfahrung hervor, die bereits wiederholt gemacht worden. Die Anstalt war durchaus nicht berechnet, 'auf den österreichischen Kaiserstaat begrenzt zu sein;, vielmehr sollte Deutschland, sollten alle Länder daran theilnehmen, und israelitische Blinde jeglichen Erdstriches ausgenommen werden. Das Cymits richtete deshalb seine Aufforderung nicht allein an die österreichischen, sondern auch an die deutschen Gemeinden — aber von 1000 deutschen Gemeinden antwortete nur eine einzige, die zu Düsteldorf, und sandte einen Beitrag ein. Ebensöivenig gelangte ein Antrag auf die Aufnahme eines Zöglings aus Deutschland an. Von den bisher aufgenommenen 11 Zöglingen sind 4 aus Wien, 5 aus Mähren, 1 aus Galizien, 1 aus Petersburg. Die Anstalt nach ihren jetzigen Mitteln vermag 15 Zöglinge zu erhalten. .. . . Nach zweien Seiten also.. hat. das herrliche Institut zu wachsenj*. Durch Vergrößerung seiner Mittel - und durch Vermehrung seiner Zöglinge.; Der besondere Zweck dieser Zeilen ist daher,, unsere deutschen Glaubensgenosten auf-dasselbe nach-

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