Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1874)
- Date
- 1874-05-19
- Page
- Seite 348 (sequence 2)
- Language
- German
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348 Wichtigkeit: Das ist erstens die unermeßliche Ehälrgkeit des Geistes, die in denselben hexvorgerufen und fortwährend genährt wird, und dann, der geistige Austausch, das Empfangen- und Geben geistigerWerthe, das durch'Jene, in Fluß gesetzt, und unterhalten wird. Was man auch von der Beschaffenheit und Bestimmung des Menschen auf Erden sage, immer bleibt die' Entwickelung des Geistes nach der intellectuellen und der moralischen Seile die Hauptsache, die Hauptaufgabe desselben. Ihre Wurzeln liegen in der NatUr des Menschen/ und der Keimtrieb giösen Pflicht machte, etwas wenigstens von dieser Gelehrsamkeit zu gewinnen, daß sie selbst dem Unwissendsten Lum Verdienste machte, dann und wann einen Vortrag anzHören, wenKerihn auch garzmchtMrstand. Was würde -ohne ^diese- Gelehrsamkeit aus der Maste der Juden'geworden sein? eine todte,^geistesbare, die schwerlich bestehen geblieben wäre, und noch weniger den Stoff hätte abgeben können^ in so überraschender Schnelligkeit aus.ihnen Culturmenschen.zu machen.,.-^. Daß hierzu in den Juden wer 'Geist -Norhändew 'geblieben,' ^aß^ sie sich so rasch den und die Sprießkraft sind in ihnen nicht zu erdrücken und nicht auszurotten. Da ist es denn auch nicht zu verkennen, daß gerade innerhalb der kleineren Kreise die hauptsächlichsten Mittel zur Weckung und Belebung der Geistesthätigkeit liegen; denn es ist erst Sache großer, fortschreitender Entwickelung, diese kleineren Kreise zu immer größeren auszudehnen und Jenein die Letzteren hineinzufügen. Die Concentrirung des Interesses innerhalb kleinerer Kreise bringt'stärkere Energie hervor, sichert bedeutendere Erfolge, und führt dann Ausdehnung des Blickes und der Ziele herbei. So wird z. B. aus dem Localintereffe Liebe zur Provinz, zum Staat, zum Vaterlande; aus der Dorfkirche erwächst die Theilnahme, die Begeisterung für die gesammte Confession; aus dem beschränkten wissenschaftlichen Gegenstände erhebt sich der Begriff einer ganzen, und schließlich der Zusammenhang aller Wissenschaften. Und nun der geistige Austausch — wie belebend wirkt er auf alle Schichten, auf alle Stufen der Bildung, der Entfaltung, des materiellen und geistigen Lebens! Was aber ausgetauscht wird, das ist stets Erzeugniß kleinerer Kreise, die da abgeben an Viele und Alle, was sie auf ihrem eigenartigen Boden mit umfassender Anstrengung hervorgebracht haben. So, geehrter Freund, verhält es sich auch mit.der Gelehrsamkeit. Was diese schafft und hervorbringt, mag Ihnen im Einzelnen zumeist ohne Interesse, ohne Wichtigkeit, gleichgültig .oder gar überflüssig erscheinen, völlig ungenießbar sein, und wenn Sie sich, ein selbstständiges und entschiedenes Urtheil zutrauen, mögen Sie darüber lächeln oder gar spotten. Sie irren gewaltig, und thun dabei großes Unrecht. Es gab und giebt Zeiten und Verhältniffe, wo die hauptsächlichste Geistesthätigkeit, die einzige und bedeutsame Bewegung des Geistes in - den Meistern und Jüngern der Gelehrsamkeit bestand, und dem Erlöschen im Volke nahe war, wenn sie nicht von den Gelehrten wie eine heilige Flamme in ihren stillen Klausen genährt worden wäre, bis sie endlich aus dieser wieder, in das Leben und das Volk drang. Nehmen Sie sich in Acht. Sie werden zugeben, daß namentlich wir Juden, die wir eine .solche Zeit der Abschließung und Jsolirung so viele Jahrhunderte durchzumachen hatten , wo fast das ganze Leben an den Thopen der Ghetti stille stand, allein unserer eigenthümlichen Gelehrsamkeit die Erhaltung des geistigen Lebens zu verdanken haben, und zwar dadurch, daß sie immerfort aus dem eigentlichen Kreise unserer Gelehrten in das Vylk. einzudringeu bemüht war, daß sie jedem Juden zur reli- Verhältnissen des allgemeinen Lebens anzuschließen und in ihm während eines kurzen Zeitraumes verhältnißmäßig so' große Erfolge zu erlangen vermochten, schulden sie allein den oben bezeichneten Umständen. Aber auch in der Gegenwart. Das Schwinden der jüdischen Gelehrsamkeit aus der jüdischen Masse war und ist mit der Gefahr verbunden, daß diese die eigenthümliche Regsamkeit und Schärfe des Geistes verlieren. - Man braucht nur gegenwärtig einen ziemlichen Theil der jüdischen/Masse und zwar in den verschiedenen Classen derselben, den unteren und oberen, zu beobachten, um diese Gefahr bereits eingetreten zu sehen. Einen Ersatz vermögen wir nur darin zu erblicken — wir sprechen hier nur vom pädagogischen, nicht vom religiösen Standpunkte — daß in der jüdischen Masse der Drang vorwiegt, ihre Kinder den höheren Lehranstalten zuzuführen, wie dies statistisch aus den meisten Ländern erwiesen ist. Und nun — um was drehte sich diese altjüoische Gelehrsamkeit? Zu einem großen Theile um, wie Sie sagen, nebelhafte Gedanken oder Sandalen und.Schuhriemen, um Rechtsfragen, deren Gegenstände gar nicht mehr existirten, um Satzungen, die gar nicht mehr, angewendet werden konnten, um Einrichtungen und Meinungen der Vergangenheit, die längst verschwunden waren, um Auslegungen der Schrift, die auf eingebildeten Voraussetzungen beruhten, um Ausgleichung von Widersprüchen, die man aufsuchte, wo sie gar nicht vorhanden, um kleinliche Dinge,! die nur aus einer unbeschränkten Pietät und Consequenzmacherei ihre Bedeutung zogen, und um die man sich eiferte und erhitzte, als ob das Heil der Welt von ihnen abhinge, und schließlich standen im Hintergründe die nebelhaften Schöpfungen einer krausen und absurden Mystik, einer wirren Geheimlehre, die den Verstand umwölkte, aber den Scharfsinn wetzte. Sie sehen, wie doch von dieser Massenhaftigkeit kleinlicher Gelehrsamkeit ein so großartigeS Lebensresultat ausging und erzielt ward! Auf diesem Standpunkt angelangt, macht es sich uns chald - einsichtlich, daß jede Wiffenschaft, welchen Gegenstand sie auch betreffe, ein Ganzes ist, das füglich keines seiner Theile, keiner seiner Einzelheiten zu entbehren vermag.- Schon von innen heraus drängt das wissenschaftliche Bewußtsein, jede Lücke auszufüllen, und keine Forschung für abgeschlossen-zu halten, so lange nicht auch die äußersten Ausläufe klar gelegt worden. Andererseits ist in der Wiffenschaft darum, nichts als gleichgültig , mnd unbedeutend zu halten, weilnicht vorausgesehen werden kann,