Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1874)
- Date
- 1874-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Iudenthums Ein unparteiisches Organ für alles Wische Jvtereffe. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgartner's Buchhandlung in Leipzig. Diese Aeitmia erscheint wöchentlich einmal ür 2 viS 2>/.< Bogen. Preis Bierteltähria'l Thlr. Inserate werden mit 2 Ngr. kur die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, . Postämter und Zeitungs ->Expeditionen nehmen Bestem ngen au. - In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. C. philippson in Bmm; hinsichtlich des Bezugs und der Inserate an Saumyiirtnrr's Suchliandlung in Leipzig. Inserate, welche biS Vonuer»- tag eingehen. finden inder carauffolgenden Nummer Berücksichtigung. 38. Jahrgang. Leipzig, den 19. Mai 1874. * 21. Inhalts Leitende Artikel: Was bedeutet uns der Philosoph Philo? II. Antwort. — Das erste israelitische Blindeninstitut zu Wien. — Literarisch er Wochenbericht: Bonn, Krotoschin. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Königsberg, Aus der Provinz Posen, fosen, Heilbronn am Neckar, Thoren. — Oesterreichisch-ungarische Monarchie: Pest, Lemberg. — Amerika: Baltimore. — eüilleton: Der neuentdeckte Wunderrabbi. (Eine Reiseskizze von B. C.) (Fortsetzung.) — Vermischtes. - £edeud& ßixl&el. Bonn, den 6. Mai. Was bedeutet uns der Wlofoph Philo? II. Antwort. ,. Ihr Schreiben erinnerte mich an ein ähnliches, das ich bereits in den . ersten Monaten nach dem Erscheinen dieser Zeitung empfing, das „Schreiben eines jüdischen Familienvaters an die Herren Reformatoren", abtzedruckt in Nr. 75 des Jahrganges ^1.837. Auch jene Zuschrift traf manchem Nagel auf den Kopf, ohne jedoch den Gang-der Entwickelung verändern zu können, dem es allein Vorbehalten ist, die allgemeinen Aufgaben zu stellen und zu lösen. Ich verkenne nicht, daß Sie manches Wahre aussprechen, das jedoch durch das Uebermaaß, zu welchem Sie es führen, aufhört richtig und zutreffend zu sein. Sie berühren indeß so viele interessante Punkte, daß meine Antwort nicht ohne die Gefahr bleiben wird, etwas ausgedehnt zu werden. Gestatten Sie mir, zuerst mehr in der Weise zu antworten, welche Ihrer Anschauung nahe zu stehen scheint. r.- . Es wäre nicht wahr, wenn man behauptete, der Schöpfer habeunsere Erde nur kärglich bedacht, seinen Geschöpfen darauf, infonders den Menschen Nahrung und Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu gewähren, und der Mensch müsse daher alle Zeit seines Daseins darauf verwenden, sich diesen Bedarf herauszuarbeiten. Nicht minder irrte die Ansicht, daß der Geist des Menschen so spärlich bedacht sei, daß er genug zu schaffen habe, um sich jenen Bedarf zu bereiten. ' Vielmehr hat der Mensch sich von Anfang an gedrungen gefühlt, sich aus und neben seiner nothwendigen Arbeit' große und kleine Welten zu schaffen, in die er sich hineinspinnt, in denen er mit aller Kraft seines Geistes, mit allem Interesse seines Herzens , mit Eifer, Hingebung, ja Aufopferung lebt und webt. Er hat sich dadurch das Leben auf Erden mannigfaltig gemacht, buntfarbig und vielgestaltig, voll Wechsels, voll Erfolge und Verluste. Solche Kreise von enger oder weiter Peripherie schuf er sich in Politik und Gesellschaft, in Religion und Industrie, in Wissenschaft und Kunst; er zertheilte überall ein großes Werk in kleine Stücke, eine große Masse in geringere, in Classen.und Stände, und wo sich nur ein halbes Dutzend Menschen zusammenfinden, bilden sie eine Welt für sich, einen Kreis mit auf- und absteigenden Interessen, denen sie die größte Wichtigkeit beilegen, außerhalb derer sie mehr- oder weniger theilnahmslos bleiben. — Wollen Sie es nun den Gelehrten verdenken, daß auch sie sich große und kleine. Kreise, eine große Welt und eine Menge kleiner in dieser sich geschaffen haben, in welche sie die Aufgaben ihres Lebens verlegen, denen sie all' ihre Arbeit, all' ihre Kräfte widmen? Fürwahr, es wird auch Ihnen zur höchsten Annehmlichkeit, oft zur Nothwendigkeit werden, von den Erzeugnissen dieser gelehrten Thätigkeit zu genießen, und wenn dies nicht wäre, so können Sie sie ruhig bestehen lassenohnedavon choquirt zu werden. Aber in. dem Schaffen und Erhalten dieser Anzahl kleiner menschlicher Welten liegen doch-zwei Momente von überaus großer