Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1874)
- Date
- 1874-05-12
- Page
- Seite 340 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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erklärt — „nun, zum Rebben!" Und nun erhielt ich erst den nähern Aufschluß über den neuen mystischen Schwindel, der dort betrieben wird, und so wurde mir jetzt erst klar, daß ich mich in einer frommen Wallfahrt befand. In Grätz ist ein neuer W und e r r a bbi e n t deck t. Schon seit einem halben Jahre eilen täglich' und mit jedem Zuge ganze Schwärme der frommgläubigen polnischen Juden und Jüdinnen nach Grätz. Für alle Wunden giebt's dort Balsam. Jede kranke Seele, , jedes wunde Herz, jeder sieche Leib findet dort Trost und Heilung bei dem heiligen, wnnderthLtigen Rabbi. Niemand kehrt unverrichteter Sache zurück. —- Das Alles war mir neu, wunderbar neu, so neu, daß ich daran zu zweifeln gar nicht aufhören konnte. Sollte so etwas nur möglich sein? Bei uns in Preußen, in unserer eigenen Heimath, in unseren aufgeklärten Zeiten, in unserem vielgepriesenen Staate der Intelligenz?? Und schon ein halbes Jahr lang gehen solche tolle Geschichten in Grätz vor und die Welt hat noch gar keine Notiz davon genommen? Wacht denn das doch, sonst so hell und schnell sehende Auge unserer Presse gar nicht über Grätz? — Da kann man recht sehen: „Der Prophet gilt nichts in seinem eigenen Lande." — (Ich erinnere den freundlichen Leser daran, daß ich dieses Alles schon seit'Mitte Februar erlebte. Seitdem gebührt allerdings der „Ostdeutschen, Zeitung", und diesen geschätzten Blättern das Verdienst, die Welt auf diesen Schwindel aufmerksam gemacht zu haben.) Meine Reisebegleiter aber, sie mögen wohl die finsteren Zweifel in meiner nachdenklichen Seele entdeckt haben. Und der straffe Alte, den ich vorhin geschildert, übernahm es, mich zu bekehren und mir ungläubigem Zweifler die volle Glaubwürdigkeit solchen Wunderwirkens sä oeulos zu demonstriren. „Seht," sprach er, „warum soll so ein Zaddik, so ein frommer, heiliger uno tiefgelehrter Rabbi nicht Wunder thun können? Wenn Einer so.fromm und abgescheid't lebt, wie der Grätzer „guter Jüd", der Tag und Nachts nichts weiter thut, als Tefilla und Thora lernen, der keine Awera, auch nicht die mindeste, ower ist und sich abhüt't von jedem bösen Wort, von jeder Lösen That, — muß ein solcher Mann bei Gott — boruch hu —- nit angenehmer sein, wie wir anderen, sündigen Menschen? Und wenn er bei Gott angenehmer ist, muß da nicht auch seine Tefilla mehr Kraft haben, wie die aus -unserem sündigen Munde?" Und als ich ihm einwandte: Heißt es nicht in unserem alltäglichen Gebete: „Nah' ist Gott Allen , die ihn in Wahrhaftigkeit anrufen , er erfüllt die Wünsche Aller, die ihn fürchten, erhört, ihr Flehen und hilft ihnen?" Wozu braucht man also bei Gott einen Fürsprecher? — Da eiferte der Mann weiter: „Aber sind wir denn Alle „rouj", d. h. würdig genug zu Gott zu beten? Die „o^.tpn", die Sünder, die Lästerer bewaddai nit und die „v^w2", die Rechtschaffenen", auch nit. Denn wenn wir auch glauben für uns -fromm und gut genug zu sein, können wir das auch bei Gott — boruch hu — fein? Wir handeln, wir gehen aus unter die Menschen und mischen uns alltäglich in das gottlose Treiben der Welt, wo wir so viel „Lezonis", Lästerungen hören müssen oder doch immer gezwungen find, unseres Erwerbes, , unseres Interesses wegen , uns von der heiligen Thora mewattel zu sein, unsere Gedanken mit unheiligen Dingen zu vermischen und uns metamme zu sein mit vielen Aweroth;— können wir da hoffen , daß unsere Tefilla wird miskabel sein und erhört werden? — „Wenn dem so ist," wendete ich wieder ein, „dann brauchten wir gar nicht zu beten, und wozu habt Ihr hier eben das fromme Minjan gemacht und mit so großer Erna wejirah gebetet? Wäre es da nicht besser, wir beteten gar nicht, sondern gingen hin zum Rebben und ließen den für uns Alle beten?" „Nein!" sagte -der Alte hierauf. „Wir müssen doch Tefilla thun. Wir find doch mezuwa darauf von die heilige Ansche kenesses hagdola. Wir dürfen uns doch nit abzezzen, d. h. abwenden von Gott-s Gebot. Für solche Refchaim, was nit d'awnen und alle Sünd thun bifressjeh, kann auch der Rebbe nit Tefilla thun.^ Nur wer es ist für sich „gut und fromm" und ist mispaM erew wowoker mit Ernst und mit „Kawono" und ist ein sohur bemizwoth, soweit es in seinen Kräften steht, nur für einen Solchen kann der Zaddik mispallel sein, daß ihm wird geholfen." „Gut," sagte ich, „wer selbst fromm ist und ernst und andächtig beten kann, den wird doch Gott erhören. Und für den Schlechten hilft doch der Zaddik nicht. Wozu braucht man dann zum „guten Jüd" zu gehen?" — „Mein lieber Freund ," replicirte warm der Alte, „Ihr werdet doch wissen: In allen Sachen giebt es Maaloth und Mavregoth — verschiedene Stufen und Grade.— Wer es hat Glück und ist gesund von Gott — boruch hu, — der bedarf von dem „Obersten" — Allerhöchsten — nichts weiter zu erbitten,; als seine Tefilla kewna, sein bestimmtes, vorgefchriebenes, begrenztes Gebet, und der hat. genug, wenn er für sich allein betet, der bedarf keines höheren Fürsprechers. Aber wer da hat ein besonderes Gebet, eine große Bakkuscho zu Haschem jisborach, sei es wegen Parnasso, wegen Kinder, wegen einer schweren Krankheit VS oder einer anderen großen Strafe , die wir uns durch unsere Sünden zugezogen haben, da reicht seine eigene Kraft nicht aus zu Gott zu beten. Denn warum.schickt Gott den Menschen allerhand Strafenzu? Doch nur wegen seiner Sünden."— „Aber ," fiel ich ihm hier wieder m's Wort, „sehen wir denn nicht täglich vor uns, daß es oft auch den frommen und' guten Menschen schlecht geht , wie es ja in der heiligen Thora schon gesagt ist: „Zaddik w'ra lo, roscho w'tow fo?" — , „Ja," entgegnen er, „wenn es dem Frommen schlecht geht, kann man da wissen, ob er nicht eine geheime Sünde gethan hat, was er selbst, nicht merkte, oder tomer, es ist vorgefallen ein „Chet in der Mischpoche", was hat Gorem gewesen die