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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-05-12 · Heft 20 (12.5.1874) · p. Seite 334

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 20 (12.5.1874)
Date
1874-05-12
Page
Seite 334 (sequence 6)
Language
German
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weitig' genießen.^) Dagegen sind wir der entschiedenen Meinung, daß der Staat (selbst bei durchgeführter Trennung von der Kirche) nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht habe, darüber zu wachen, daß jeglicher Bürger seine Kinder in den Lehren der Religion, der sie angehören, auch unterweisen lasse. Wir wiffen so gut wie Andere, daß Religion Sache des Herzens und der Ueberzeugung ist, die unter dem Drucke irgend eines Zwanges nicht zu gedeihen vermag, wir glauben auch hinreichendes Berständniß für die Forderung eines freiheitlichen Staatslebens zu besitzen, aber gerade, weil wir für volle Freiheit auf dem Gebiete der Religionsübung eintreten, fordern wir, daß jeder Vater sein Kind in den Stand setze, sich später in voller Freiheit auf diesem Gebiete zu bewegen, was es ohne Religionsunterricht und ReligionSkenntniß nicht vermag — statt ihm durch Fernhaltung desselben von jeder religiösen Belehrung seinen persönlichen Standpunkt, für den wir ihm diese volle Freiheit gönnen — als den unfehlbaren zu octroyiren. Mit demselben Rechte könnte der Arbeiter z. B. fordern, daß es ihm überlassen bleibe, ob er sein Kind überhaupt in die Schule schickt und in den Elementarkenntniffen unterrichten läßt, wenn er einen solchen Unterricht zufällig für überflüssig halten sollte. Hier hört die Freiheit auf und fängt die Willkür an. Auch der einseitigste und confessionell beschränkteste Religionsunterricht ist noch reich an Bildungs- und sittlichkeitsfördernden Momenten, die wir vergeblich anderweitig suchen, und die ob der Saat des Guten, die sie in das junge Herz streuen, zum mindesten dasselbe Recht auf Schutz und Pflege verdienen, das der Staat und die Gesellschaft den Grundlagen elementaren Wiffens überall zu sichern wiffen." Literarischer Wochenbericht. . Vom Rheine, 26 April. Das Studium und die Würdigung des Spinoza haben gegenwärtig eine Ausdehnung erlangt, wie nie in früheren Zeiten. Nicht allein das gelehrte, sondern auch das gebildete Publikum interessirt sich in weitetem Umfange für den jüdischen Philosophen. So kann es uns nicht Wunder *) Wie dies gegenwärtig dem katholischen Religionsunterricht gegenüber bereits der Fall ist. nehmen, daß die Uebersetzung, welche Prof. C. Schaarschmid t in Bonn von Spinozas neuentdecktem Tractate „Von Gott, dem Menschen und deffen Glück" veranstaltet hat,*) binnen Kurzem trotz einer ersten Auflage von 2500 Exemplaren in zweiter Ausgabe erschienen ist. Es'ist diese Thatsache, anderweitigen Uebertragungen gegenüber, gewiß ein Beweis für die Trefflichkeit der Schaarschmidt'schen Uebersetzung. Die Schwierigkeiten, die sich Prof. Schaarschmidt darboten, waren nicht geringe. Von dem erwähnten Tractate ist nicht der lateinische Grundtext, sondern nur eine holländische Version vorhanden, die noch dazu ohne rechtes Berständniß für die Anschauungsweise und die Ausdrücke des Philosophen gefertigt ist. Es galt also, sich aus dem Holländischen den lateinischen Urtext gewiffermaßen zu reconstruiren, ein Verfahren, das nur durch die genaue Vertrautheit mit den übrigen Schriften Spinoza's, wie Prof. Schaarschmidt sie besitzt, ermöglicht wurde; und danach die Uebertragung zu machen. Es konnte kaum ausbleiben, daß trotz aller aufgewandten Mühe die erste Auflage noch an mancherlei Mißverständnissen und Unebenheiten litt; mit rühmenswerthem Fleiße hat sich der Uebersetzer bestrebt, in dieser zweiten Auflage sie zu beseitigen, und ist ihm dies auch, soweit wir es beurtheilen können, meist völlig gelungen, so daß die Uebertragung als eine dem Geiste und der Sprechweise des Philosophen vortrefflich angepaßte bezeichnet werden muß. Dieser Tractat ist als der erste Entwurf der später in fünf Büchern geschriebenen berühmten Ethik des Spinoza anzusehen, gearbeitet in den Jahren 1656 bis 1660 oder 1661, um dem Kreise seiner nächsten Freunde und Anhänger zur Anleitung in der Philosophie im Stillen mitgetheilt zu werden. Wir gewinnen, also durch ihn einen deutlichern Einblick in die Entwickelungsgeschichte Spinoza's, in die Richtung seiner Jugendstudien und den Uebergang von diesen zu feinen spätern abschließenden Schriften. Für jeden also, der sich für das Leben und die Anschauungen des großen Philosophen interessirt, 'ist die Kenntniß dieser Abhandlung unentbehrlich, die nun in der Schaarschmidt'schen Uebertragung ihrem Berständniß nahe gebracht ist. —- M. P. *) B. de Spinoza's kurzgefaßte Abhandlung von Gott, dem Menschen und dessen Glück. Aus dem Holländischen in's Deutsche übersetzt und mit einem Vorwort begleitet von C. Schaarschmidt, Prof, in Bonn. Zweite verbesserte Auflage. (XVIII. Band von I. H. v. Kirchmann's Philosophischer Bibliothek.) Berlin, E. Koschny, 1874. 3!beituU/Cj6U/ occ&üc&fceu/. Deutschland. Berlin, 1. Mai. (Privatmitth.) Die europäische Preffe zeigt sich diesmal bei dem Gewaltacte der Rumänen, der freilich auf legislativem, Wege vollzogen wird, ziemlich lau,, was allerdings seine Erklärung in der Fruchtlosigkeit findet, welche betreffs dieses Gegenständes alle Bemühungen der Preffe bis jetzt betroffen hat. Sie konnten weder die Rumänen weniger barbarisch machen, noch die Vertragsmächte zu bestimmterem Einschreiten bewegen, als einige Bogen Papier mit nutzlosen Noten zu bedecken. Hiermit ist durchaus nicht gesagt, daß die Mächte eine ähnliche Zurückhaltung für alle Zeit beobachten werden. Noch sieht der rumänische

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