Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1874)
- Date
- 1874-05-12
- Page
- Seite 330 (sequence 2)
- Language
- German
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UM sie sich mir auf, als ich die von Ihnen angeführten Stellen aus den Schriften des jüdischen Philosophen Philo las. Sie haben damit die Hypothesen Bauers schlagend widerlegt. Aber sind die Meinungen-'dieses Philo an sich nicht alle abstrus, verschwommen und sonderbar,! nebelhaft und den klaren Verstand verwirrend? Doch war dies nur eine Wiederholung des Eindrucks, den ich früher empfangen. Ich hatte schon so oft dieses Alexandriners, und zwar mit großer Emphase erwähnen gesehen, und da ich griechisch nicht verstehe, die Uebersetzung seiner Schriften, welche das Institut zur Förderung der israelitischen Literatur liefert, mit Eifer in die Hand genommen. Aber wie sehr fand ich mich getäuscht. Es fiel mir der große Scharfsinn auf, den dieser Mann besaß und auf die Auslegung der Schrift anwendete. Aber war es nicht abermals reine Sylbenstecherei, die den Buchstaben des Textes, die Wahl des geringfügigsten Nebenwortes hin und her dreht, um irgend einen Sinn darin zu finden,'der dem Texte völlig fremdartig ist, gerade wie es bisweilen, in der Halacha geschieht, um eine Vorschrift daraus herzuleiten oder einen Remes darin zu finden? erkannte ich auch die edle und erhabene Gesinnung, die reine Sittlichkeit und die tiefe Begeisterung, welche Philo beseelten, so empfand ich doch großes Mißbehagen an all' der Nebelhaftigkeit, der er sich ergiebt, an der Verdrehung des Sinnes, der er eifrig obliegt, an dem Dunst und Schwulst, den er um sich breitet, an dem Gesuchten und Gespreizten, das er liebt. Die einfachen Lehren und Sittengesetze des Iudenthums werden auf eine Höhe geschroben, auf welcher sie sich-in verschwimmende Wölkchen auflösen, oder steigen wie Raketen in. die Luft, wo sie mit Gefunkel und Geprassel zerplatzen^ statt daß sie droben. wie leuchtende. Sterne ihren Platz am Nachthimmel des Menschen behaupten sollen, diesen auf feinen Pfaden zum rechten Ziele zu leiten. . . Doch ich sehe mit Schrecken, daß ich selbst in Bilder und Allegorien verfalle — so leicht stecht das Beispiel an und die Luft, die man einathmet. Das Iudenthum ist doch in seinen Principien, Lehren und Vorschriften vorzugsweise eine Religion des gesunden Menschenverstandes und des lauteren Herzens, und auf diesem Boden soll sie ihre Bekenner, auf welcher Stufe der Geistesbildung sie auch stehen, Geschlecht auf Geschlecht an sich fesseln, ihnen Verstand und Herz erfüllen, sie zu einem gottgefälligen Lebenswandel anleiten, ihnen Kraft und Tröstung spenden und zu einem befriedigenden Äasein verhelfen. Die Spekulation der Philosophie, der feine Äether transcendentaler Spitzfindigkeiten tragen hierzu wenig bei, wenn sie nicht vielmehr das schwankend machen oder gar zersetzen, was in Verstand und Herz sicher geborgen und fest begründet war. WozuctXfb beit ^»ilofo^en $1^0 äu« feinem Grabe erwecken, seinen bteichön Schallen in die Gesellschaft der Lebenden einführen, wo er höMehs mit Neugierde betrachtet wird.? wozu das Wissen des jetzigen Geschlechtes mit feinen Sonderbarkeiten belasten? soweit'.Hin Lekännl .ist,.'.. .hat' er auf .die ihm nachfolgenden Generationen keinen besonderen Einfluß geübt, namentlich im Iudenthume selbst ist sein Licht schnell erloschen, und nun soll es jetzt wieder entzündet werden, ohne daß ,es erhellende und erwärmende Strahlen auszugießen vermag. Denn, nachdem ihm die Aufmerksamkeit wieder zugeweüdet worden, wird es nicht an befähigten Männern fehlen, die sich auf das Studium seiner Schriften werfen, über diese, ihre Echtheit und ihren Inhalt die schärfste Kritik üben, die mannichfaltigsten Darstellungen bringen, sich darüber in die Haare gerathen und so den vergessenen Denker, der noch öfter philosophischer Dichter ist, zu einem unentbehrlichen „Culturmomente" stempeln. Haben wir nicht Wichtigeres zu thun? liegen uns nicht bedeutendere Gegenstände vor? werden wir nicht dadurch abermals zerstreut und abgezogen? ... Mögen Sie es mir verzeihen, aber ich muß es sagen. Die Herren Gelehrten hegen zumeist eine große Mißachtung gegen die, welche weniger wissensreich sind; sie legen ihren oft ganz entlegenen und kaum erfolgreichen Arbeiten einen so übertriebenen Werth bei, daß sie auf jede andere Tätigkeit mit spöttischem Lächeln herabsehen. Sie müssen sich daher auch einmal eine entgegengesetzte Aeußerung gefallen lassen. Ich meine nämlich, daß es vielen Gelehrten an aller schöpferischen Kraft des Geistes fehlt, und daß sie sich deshalb auf jeden, noch so unwichtigen Gegenstand der Vergangenheit werfen, um einen Stoff für ihre gelehrte Behandlung zu haben. Dann bemühen sie sich, den alten bemoosten Stein auf eine Höhe zu wälzen, damit die Menge von unten aus ihn anstaune — ohne freilich verhindern zu können, daß er von dem nächsten Gelehrten hinuntergestoßen werde, um einem anderen Steine Platz zu machen, oder auch daß er von selbst wieder hinunterfalle und vergessen werde. Trifft es sich nun, daß die Zeit eine bewegte ist, daß die mannichfaltigsten Stürme durch das Leben der Menschen gehen und alle Anstrengungen der vorhandenen Kräfte .beanspruchen, um ihnen zu widerstehen und sich vor ihnen aufrecht zu erhalten: so wundern jene emsigen Bienen sich, daß ihr Gesumme überhört wird und ihr Honig keine Zelle zur Niederlage findet. Das Judenthum steht durch die Übergangsperiode, in die es nothwendig gerathen ist, durch die zersetzenden Elemente des Lebens, durch die zerstreuenden Einflüffe der Politik und Gesellschaft, durch die Nöthen der Zeit und die Schwankungen der wissenschaftlichen Erkenntniß in mannigfacher Gefahr, und ist eine unermüdliche Arbeit und ein ' vereinigtes Streben vielseitiger Kräfte erforderlich, um es für Gegenwart und Zukunft wieder zu sich selbst zu bringen, zu fester Gestaltung und sicherem Beharren zu führen. Dazu werden die Träumereien Philo's kaum etwas beitragen" . . . Soweit unser Briefsteller. Wir blieben ihm die Antwort nicht schuldig, die wir in der nächsten Nummer unseren Lesern zur Beurtheilung vorlegen wollen.