Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1874)
- Date
- 1874-05-05
- Page
- Seite 321 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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ich mir's nicht versagen, noch einer befondern, höchst interessanten- und merkwürdigen Scene Erwähnungzu thun^- welche -sich bis jetzt in unserer „geschlossenen Gesellschaft" abspielte. Ich er-: wähnte schon vorhin , daß es bereits, dunkelte, als ich in den neuen Zug und Gesellschaftskreis eintrat, und während der erstere sich in Bewegung setzte, ward es hohe, ja höchste Zeit, das Mincha-Gebet zu verrichten. Bis dahin saß ich noch immer schmollend-schweigsam in meiner Ecke, . ohne mit meinen interessanten Reisegefährten auch nur ein Wörtchen, gewechselt zu haben. Da mit einem Male erhob sich einer der frommen Gefährten mit dem Rufe: Laßt uns Minjan machen! Lauten, willigen Nachhall fand dieser Ruf sogleich in den Herzen und Kehlen der ganzen frommen Schaar, von welcher; einige sich bereits leisemurmelnd angeschickt hatten dieser religiösen Pflicht im Stillen nachzukommen. Dieselben hielten inne, und da sich auch gleich ein obligater „Owel" eifrig zum Kaddisch-Vortrage meldete, so vereinigte man sich bald zu einer mehr als vollzähligen andächtigen Betergemeinde. Wegen eines sangeskundigen Vorbeiers war man keinen Augenblick in Verlegenheit, denn an . solchen fehlt es bei diesen Leuten niemals. Die Anwesenheit einer großen Zahl nichtjüdischer Mitreisenden genirte die frommen Leute nicht im Mindesten, denn der ceremonientreue polnische Jude läßt sich durch Nichts in seiner Religionsübung stören, und er trägt niemals ein Bedenken, ob er etwa durch die sonderbare Art und Weise, wie er solche übt, irgend wo einen Anstoß erregt. Für. ihn ist die öffentliche Meinung, die er vielleicht zu scheuen hätte, nicht vorhanden, wenn er seine heiligen Gebräuche auszuüben gedenkt, wo und wie er es für „gut und fromm" findet. Ein Minjan im Eisenbahncoupä! Das mag wohl noch nicht zwei Mal dagewesen sein, seitdem man aus Eisenbahnen fährt. Diese Idee, ich muß es nur gestehen, übte auch auf mich nicht allein einen eigenen Reiz der Neuheit, sondern auch eine mächtige Anziehung aus. Auch ich erhob mich unweigerlich diesem frommen Ruf und Beispiele zu folgen und war schon ganz andächtig gestimmt, als es einem dieser andachtgerüsteten Schaar einfiel über mich die spöttische Bemerkung hinzuwerfen: ob man wohl auch einen „Preiß" zum Minjan miztaref sein könne. Doch brach ich kurz, da sich allsogleich über diese gelehrte Frage eine eifrige Discussivn andachtstörend zu entwickeln drohete, dieser spöttischen Bemerkung die Spitze ab, den rabbinischen Ausspruch citirend: VN Und das Gebet konnte nun beginnen. Jetzt erhob der sich selbst und widerspruchslos zum Borbeter designirende, an einem etwas exponirten Punkte unseres improvisirten „Betsaales" postirte Greis seine vor frommer Rührung und Altersschwäche stark vibrirende, über das Geräusch des sausenden Zuges und der noch nicht ganz unterdrückten Discussivn nur mühsam vernehmliche Stimme, um mit dem Rufe : „Aschre" rc. — „Heil Denen, die in Deinem Häufe weilen, immerdar Dich preisen — Sela!" die Andacht zu beginnen.. Da trat schon wieder eine störende Unterbrechung ein. Man hatte vergessen .sich Mer die Misrach-Seite zu einigen! Wieder schwieg der§V.or-- beter, wieder begann eine regellose, im schönsten polnisch-jüdische^ Jargon geführte Disputation, , bis man schließlich so verständigwurde, zw der Einsicht zu gelangen, daß die streitige^)ftselte, zu der man sich Angesichts beim Gebete wenden müsse, gerade derjenigen unseres fahrenden Tempels . entspricht, welche der eben noch durch, das eine Wagenfenster einen sehr bedenklich-schelmischem Strahl Hereinsendenden, untergehenden Sonne abgewendet war. Und man kehrte sich jetzt der dunklern Abendseite , zu in der be-- ruhigenden Gewißheit,, daß man so die rechte Misrach-Seite ge-- fänden'habe. Nun auch das letzte, und leiseste Bedenken: gegen die unanfechtbare Förmlichkeit gehoben war, konnte. sich.,endlich dieganze fromme Schaar der unverhaltendsten, - verzücktesten . Andacht .hingeben. Ein Getöse erhob sich, nun,-: wie das der heiligen -Engelchöre im Propheten Jecheskiel. Laut schreiend, singend,: brummend, gleichsam „mit Herzen, Mund und Händen", -, sich schaukelnd und wiegend, wie vom gewaltigen Geisteswehen he-, wegt, wogte die betende Gemeinde hin und her im engen Wagenraume, eine lebendige Illustration zu dem einen der zehn Wunder des „Beth-hammikvasch", wo, wie es in Pirka. Aboth -V, 8 geschrieben steht, die frommen Vorfahren dieser.heiligen Beterschaar: „wohl enge standen, aber weit sich bückten." j So beteten sie in frommer Hast und heiligem Eifer wirr durcheinander Laute ausstoßend, die Jedem, der mit dem. Inhaltedieser bei uns täglich wiederkehrenden Gebetstücke,.weniger .:ver-, traut wäre, in diesem Augenblicke ein untrügliches Bild von her. einstigen babylonischen Sprachverwirrung , vor die Seele, -geführt hätten. Mich indessen störte dieses Alles nur wenig. Nicht achtend des heiligen Lärms, der schrillernden, schnörkelnden Töne des „Vorsängers" betete ich still und inbrünstig mit, denn innerlich fühlte ich mich über alle diese wirren und sinnverwirrenden Aeußerlichkeiten weit hinweggesetzt, und weit entfernt hierüber, wie es vielleicht manch anderer deutscher Glaubensgenosse an meiner Stelle nicht Unterlasten hätte, zu spotten oder gar mit. Verachtung mich von dieser Scene abzuwenden, . erblickte ich in allem dem doch nichts anderes, als den innersten lebendigsten. Drang-der nach Erlösung aus allen Zweifeln^ und. Nöthen .dieses Erdendaseins ringenden Menschenseele, .der hier im-ungehemmten Strome^ aus der tiefbewegten Menschenbrust hervorbrach und Gefühle zu Tage förderte-der heiligsten und edelsten Art, Gefühle wahrer, ungeschminkter, aufrichtiger Frömmigkeit, Gefühle tief-' empfundener, lebendiger, heiliger Begeisterung, Gefühle, in denen, und ob sie auch in noch so sonderbarer Gestalt erscheinen. mochten, doch immerhin eine riefgewurzelte, unverlöschliche Liebe zu Gott und der heiligen Religion sich kundgiebt. Was wollen diese — dachte ich mir — mit diesem seltsamen Getöse? Doch nichts anderes, als den Tribut ihrer heiligsten Pflicht und Empfindung zu-Gott emporsenden, und das ist . die Hauptsache, eine: in jeder Art nur verehrungswürdige Handlung, über das Sekt-' same dcibei, es ist doch Iichts, als/die bloße leere Form. 'Mn-