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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-05-05 · Heft 19 (5.5.1874) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 19 (5.5.1874)
Date
1874-05-05
Page
Seite 320 (sequence 10)
Language
German
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Wechselnden und trotz der winterlichen- Erstarrung oft nicht ganz reizlose'n-Näturscenen -oder die -neuen, ebenso schön, als -praktisch ausgeführten -und-'leingerichteten Bahnhöfe dieser Tour-gehörig in , Augenschein zu nehmen, als. ich mich schon auf jener, am malerischen Weichselufer gelegenen Hauptstation ...... befand, wo ich umzusteigen und eine andere Richtung einzuschlagen hatte. 'Schon-dunkelte es, als das Dampfroß, wie -ich', nach kurzem; Aufenthalte, wieder bereitstand, weiter meinem noch fernen Ziele zuzueilen. Wer diese Gegenden längst der Ostgrenze unseres Landes bereist hat, dem dürfte es wohl bekannt sein, daß man gerade hier am häufigsten mit reisenden Glaubensgenossen und besonders mitsolchen aus Uns unserm polnischrussischen Nachbarstacite züsammentrifft. ' Auch ich traf hier , in's Coup^e eingestiegen, eine zahlreiche Gesellschaft dieser langgelockten, bärtigen mnd bekaftanten Brüder, und mit laut spottendem Jubel ward ich sogleich von ihnen als „Preiß" und „Chadesch", d. h. Deutscher, vulgo Neuer, resp. Neuerer (und soll dies dem von ihnen wit diesen Epitheta verbundenen Sinne nach, einen etymologischen Zusammenhang haben mit: Narr—) begrüßt, anstatt des unter' ihnen häufigem und frömmern Brudergrußes: „Schalom alechem" gewürdigt zu werden. Wenn wir, an schlichte, deutsche Lebens¬ und Denkungsart gewöhnten Israeliten, Einzelnen dieser in Wort und Mienen Nach Tracht und Manieren von uns so verschiedenen und uns so fremdartig-fanatisch erscheinenden Individuen begegnen, so können wir uns oft eines gewissen, negativen — um nicht zu sagen, abstoßenden — Gefühls gegen sie nicht erwehren^ dennoch aber werden wir nicht anstehen, sie als unsere gleichberechtigte Brüder zu betrachten mnd ihnen, wo es dessen bedarf, und besonders auf der Reise, wo doch so häufig die fremdartigsten und ihrem Charakter nach verschiedensten Personen sich einander nähern und in engere Beziehung treten, unfern Beistand, Rath und Hülfe willig zu leihen; ja, manche fromme, deutsche Gemüther werden sich vielleicht vorzugsweise, ihnen zu dienen, bereit finden lassen, da der heilige Nimbus ihres langen Kaftans, ihrer gekräuselten Stirnlocken und des neben diesen, stets thronenden liefen und frommen Ernstes seinen Einfluß noch nicht überall, noch nicht ganz eingebüßt hat. Anders aber ergeht es mns, wenn ein Einzelner unserer deutschen Glaubensgenossen in ihre Mitte geräth. Da im engen, abgeschlossenen Cirkel ihrer Gesellschaft, wo sich ihre ganze Eigenart ungeschmälert in vollen Zügen offenbaren kann, da bist Du, deutscher Glaubensbruder, wie ein verlorenes Schaf unter einer Herde von Wölfen. In ihrem heiligem Eifer, in ihrer Alles verachtenden, alleinseligmachenden frommen Denkungsart schütten sie unbarmherzig all ihren Hohn-und Spott über Dich und über Alles aus, was deutsch ist, denkt, glaubt und fühlt. Auch hier in meiner vorbezeichneten neuen Reisegesellschaft erging es mir nicht anders. Ich aber, an das Gebühren solcher 'Leute nicht ganz ungewohnt, ich setzte mich nach dem mir zu Theil gewordenen spöttischen Empfang, zwar nicht beleidigt, aber doch schmollend und mit dem Vorsätze in einen stillen Winkel des Coupöes nieder, mich von ihnen möglichst zu isoliren und still beobachtend ihrem Wesen und Treiben zuzuschäuen. Es befänden sich zwar auch noch andere, nicht jüdische Mitreisende in unserm Waggon, aber eigenthümlicher Wdise hatte sich die Gesellschaft in die verschiedenen Wagenabtheilüngen nach den Confesstonen abgetheilt und stellte so hierseits das „Lager Israels", jenseits das „Lager Edoms" dar. In verschiedenen Gruppen um mich herum standen, lagensaßen die frommen Glaubensbrüder, unter denen sich meistens gut gekleidete, dem Anscheine nach wohlsituirte und einige, sogar — ich' möchte fast sagen — intelligent und geistreich aussehende Physiognomien befanden. Es waren Greise Und Männer verschiedenster Allerstufen darunter bis zu dem jugendlich-schwärmerischen Bocherdessen erst aufkeimender Bartwuchs im unverletztesten Naturzustände Kinn und Wangen nur leicht beschattete und seinem Angesichte nicht nur jenen leicht erkennbaren Anflug von schüchterner Bescheidenheit verlieh, mit welcher er als „Mann" sich unter vollbärtige und gewichtige Männer zu mischen wagt, sondern ihm auch in den Augen des Beschauers das unwiderleglichste Zeugniß ausstellte, daß dieser junge Sproß von einem Stamme herkommt, der noch so wenig von der heutigen Cultur „beleckt" ist. Doch fand ich unter ihnen keinen von jener Sorte verwahrloster, meist absichtlich zerlumpter Personen, die man auf den ersten Anblick als „Schnorrer" erkennt, welche unser Vaterland, jetzt, wie es scheint, weniger zahlreich , als früher, überschwemmen und sich rühmen von demselben ganze Provinzen (die sie bettelnd durchziehen) als ihr erbliches Eigenthum zu besitzen. Ich stellte mir daher meine Reisegesellschafter als fahrende und nicht minder ehrsame Kauf- und Handelsleute vor und war auch keineswegs verwundert, hier, so hart an unserm diesseitigen Grenzrayon, außer der Meßzeit eine größere Anzahl dieser Handelsbeflissenen beisammen zu finden, da die meisten der jenseitigen Geschäftsleute nur kleine, unbedeutende Geschäfte machen, wenig vermögend sind und ihre geringfügigen Einkäufe in den der Landesgrenze mehr oder weniger naheliegenden preußischen Grenzstädten zu allen Jahreszeiten zu machen pflegen. Vielleicht sind diese Handelsleute auch schon, der Bequemlichkeit wegen auf kleinere und darum häufiger zu wiederholende Einkäufe angewiesen, indem die Hinüberschaffung der Maaren über die Grenze, zufolge der russischerseits stets beobachteten hermetischen Abgeschlossenheit derselben für den freien Handelsverkehr oder der unerhörten Erschwernisse und hohen Zölle, nur im Wege des Schmuggels geschehen kann. - Meine Vorstellung, die ich mir sonach von meinen neuen Reisegefährten gebildet hatte, täuschte mich zwar in allen Punkten nicht, in der Hauptsache aber gar sehr. Ihren Stand und Charakter hatte ich richtig errathen, aber was ihren Reisezweck betraf, da sollte: ich bald und zwar zu meinem größten Erstaunen eines Bessern belehrt werden. Doch ehe ich zu diesem, dem eigentlichen Haupt- und Brennpunkte meiner Erzählung übergehe, kann

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