Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1874)
- Date
- 1874-05-05
- Page
- Seite 315 (sequence 5)
- Language
- German
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und Anderen das israelitische Waisenhaus, welches besonders durch seine^rastlose Thättgkeit zu seiner jetzigen Höhe geführt wurde. Seit zwei Jahren lebt er wieder in unserer Stadt. Am Sonntag Bormittag sprach der Führer einer Deputation des Stettiner Waisenhauses in bewegten Worten dem Gefeierten ihren Dank für feine Thätigkeit aus. Eine zweite Deputation der hiesigen Gesellschaft der Freunde, dessen 59-jähriges, ältestes Ehrenmitglied der 90-jährige Greis ist, ließ ihm seine Theilnahme ausdrücken. — . In Bezug auf die 'auch von uns gemeldete Beanstandung der Ernennung des verdienstvollen hiesigen Docenten Herrn vr. Senator zum Professor an der Universität in Jena, werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß der Ausdruck „mittelalterliches Ueberbleibsel", mit welcher die in der erwähnten Thatsache sich kundgebende religiöse Unduldsamkeit bezeichnet war, insofern nicht gerechtfertigt erscheine, als im Mittelalter Juden sich an Hochschulen in Stellungen befanden, welche den jetzigen ordentlichen Reformen vollkommen an die Seite zu setzen sind. Böller Eintracht mit geistlichen Lehrern wirkten sie damals öfter, besonders in Spanien und Italien; ihre Fernhallurig von akademischen Ehrenstellen ist erst ein Erzeugniß der neueren Lehre vom christl. Staate. Uebrigens heißt es, daß sich der Ernennung des Herrn vr. Senator confesstonelle Bedenken deshalb entgegenstellen, weil derselbe zugleich Hofarzt werden müßte und ein Jude diese Stellung nicht bekleiden dürfe. Derartige Anschauungen dürften aber an dem Hofe, welcher die größten Denker, und geistigen Freiheitskämpfer Deutschlands als seine liebsten Gäste betrachtete, kaum zu erwarten fein. Ueberdies wäre auch hierin ein Rückschritt im Vergleiche zum Mittelalter zu erkennen, da damals Juden vielfach als fürstliche Leibärzte fungirten. Hoffen wir also im Interesse der Sache, daß in Anbetracht der vielen Vorzüge des betreffenden Candidaten über jene „Gebrechen" hinweggesehen werde. Steele (Rheinprovinz), 20. April. (Privatmitth.) Dem Lehrer der hiesigen öffentlichen israel. Schule, Herrn Goldberg, ist auf den Antrag des Kreisschulinspectors im Jahre 1872 eine Gratificatiop von 12 Thlrn. und vom Jahre 1873 bis 1878 eine jährliche Alterszulage von 20 Thlrn. mit der Aussicht von der Königl. Regierung zu Düsseldorf bewilligt worden, daß nach Ablauf dieser Zeit jene Zulage wahrscheinlich verdoppelt werden würde. ' Posen, 22. April. (Privatmitth.) Vielleicht wäre es besser, die Grätzer Skandalgeschichte nicht ferner zu besprechen, wenn sie nicht ungestört fortbetrieben würde und Freunde des Grätzer Rabbi in der Oeffentlichkeit sie immer noch zu vertuschen suchten. Im Jnseratentheile der „Posener Zeitung" wimmelt es von Entgegnungen wider den vr. W., dessen öffentlicher Anfragen sie bereits Erwähnung gethan. Aber diese Entgegnungen sind sehr schwächlicher Natur und wahrhafte Zeugnisse für den Thatbestand. Auf Grund der Erklärung des Rabbiners Gutmann im „Maggid", daß er kein Wunderthäter fei, will man diesen rechtfertigen, und führt einen Schmähartikel des Mainzer Lehmann an, der jubelnd ausruft, ob man nun noch dem Rabbi in Grätz etwas vorwerfen könne? vr. W.. bleibt selbstverständlich diesen. Herren nichts schuldig. Er weist dem Rabbi Gutmann den Widerspruch mit sich selbst nach, und seine. Erklärung ist deshalb wohl werth, hier wiedergegeben zu werden. Sie ist enthalten in der „Pos. Ztg." vom 15. April und an einen seiner Gegner gerichtet. Ihre Bemerkung „Sie haben den Mann geachtet, obgleich er der alten Richtung angehörte" rc., veranlaßt mich zu der Erklärung, daß ich es weder mit Orthodoxen, noch Liberalen, sondern mit der Sache zu thun habe, die Sie mit einem Heiligenschein umgeben, die aber profaner Natur ist. Ueber Ähren Vergleich des Gr. Rabbi mit Moses und über den Zusammenhang des Vergleichs gehe ich hinweg. Ein handwerksmäßig betriebenes Beten würdigt dasselbe zum'Zerrbilde herab. Nicht vereinzelte von Aerzten aufgegebene Kranke, wie Sie vermeinen, sondern Tausende meist gesunder Menschen pilgern nach Grätz. Gott hilft jedoch so vielen Nahrungs- und Kinderlosen und Kranken, die nicht bei dem Grätzer Rabbi waren , warum soll er nicht auch Einigen von den Vielen helfen, die bei ihm waren? Es wäre ja dies gewissermaßen in umgekehrter Weise ein Wunder! Jedes derartige günstige Resultat wird indessen feiner Wunderkraft zugeschrieben. Die Dinge liegen, nicht so harmlos, wie Sie sie darstellen, da die Leute sich, um einen Tropfen „von seinem Kidusch- und Habdalah-Becher" zu erhaschen, förmlich balgen und die Gräten, die er von den „zur Vesperzeit des Sabbaths genossenen Fischen" weglegt, nochmals benagen und alles dieses nur, weil sie das von ihm Berührte als heilig und als Wunderschutzmittel halten. 'Die Geister, die er nach Ihrer Angabe jetzt bannen möchte, rief er selbst und ruft er noch. Zeuge hierfür fei der Herr Rabbi selbst. In dem Werkchen seines Sohnes „Nachlat Zewi" erzählt uns der Rabbi in einem von ihm verfaßten Anhänge „Chapnat Paneach" auf Seite 27 b und Seite 28a zwei seiner Wunderkuren, mit dem Hinzufügen, daß er über solche ein Buch schreiben könnte. Die erste Kur betrifft einen elfjährigen Knaben , der weder gehen noch sprechen konnte, der wie ein Hund bellte und wie ein Kalb brüllte. - Vergeblich waren Psalmengebete und Beschwörungen mehrere Tage hindurch, bis diese, eines Tages mit großer Inbrunst vollbracht, die Wirkung hatten, daß der Knabe eine Stimme hören ließ und nach dem Fenster zeigte. Dieses wird auf des Rabbi Geheiß geöffnet und der Knabe spricht: Eine von den vier „Machschephot" (Zauberinnen!), die er mit Namen nennt, sei entwichen. Der früher angeschwollene Bauch des Knaben wird untersucht und es ergiebt sich, daß er um l/* dünner geworden. Fortgesetzte Gebete entfernen „binnen 4 Minuten" die andern drei „Machschephot" und der von neuem untersuchte Bauch ist zusammengeschrumM Der Knabe vermochte nun sofort zu gehen und zu sprechen.