Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1874)
- Date
- 1874-05-05
- Page
- Seite 313 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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313 wird die Wüste vollständig und dauernd. Alles kommt daher darauf an, daß die Eltern mit wachsamen Auge und fester Hand alle diese Kämpfe und Gegensätze der Welt aus dem Schooße ihrer F.amilie für ihre Jugend fernhalten, und ihr eine bestimmte Richtung, eine feste Ueberzeugung zu schaffen suchen. Wenn sie selbst dem Extrem huldigen, dieses mit eiserner Consequenz durchzuführen sich bemühen, wenn sie selbst den ganzen Hader der Welt an ihren Heerd verpflanzen', all' die Bitterkeit, all' die unlautere Leidenschaftlichkeit Herbergen, die dessen Gefolge ist: so können sie auch nichts Anderes von ihren Kindern erwarten, die 'dann im weitern Verlauf »ihres Lebens oft von einem Extrem zum andern übergehen, und dem Aberglauben oder der Skepsis in entgegengesetzter,Art anheimfallen. Denn das ist der Unterschied : die Eltern sind meist aus einem patriarchalischen Zustande mit der Zeit zu der Schärfe und Schroffheit gelangt, und wurzeln daher fest oder kehren zurück — die Jugend, die aus dem Extrem erwächst, bleibt in diesem oder geht verloren. Jeder Erfahrene hat hundert Beispiele gesehen. Kinder der orthodoxesten Eltern, rigorös erzogen, verfallen in's Gegentheil; Kinder skeptischer Eltern gehen in die Reihen der streitenden Kirchen über. So in allen Confessionen. Eignet, Ihr Eltern, Euch daher vor Allem selbst die reine Religiosität, die echte positive Religion in der Uebereinstimmung der Ueberlieferung und Geschichte, des Verstandes und des Herzens an, entfernt von Euch Alles, was streitsüchtig, herb, hart, bitter, verleumderisch, verfolgungssüchtig auftritt, denn das Alles streitet wider wahre Religion und Sittlichkeit — und dann erziehet hierin Eure Kinder fest, würdig, in Milde und Sicherheit zugleich. Dann könnet Ihr sie mit Ruhe und Gottvertrauen in das Leben hinausziehen lasten. Nur nicht in Euren Häusern das Schwanken, den Jndifferentismus, die Indolenz selbst — was hättet Ihr dann Eurer Jugend für Wegweiser gegeben?! Die Gustav Dore'sche Prachtbibel für Lsrarlite». In Nr. 9 des vorigen Jahres .theilten wir dem Publikum mit, daß die Hallberger'sche Buchhandlung in Stuttgart die Prachtbibel mit der großen Gallerie von Bildern, die Gustav Dor6 zur heil. Schrift geliefert hat, auch für Israeliten herausgeben will, und zwar unsere Uebersetzung, die Apokryphen in der Uebersetzung von vr. David Cassel, in gr. Folio, in vollendeter typographischer Ausstattung. Wir schalteten daselbst auch das. Vorwort ein, welches wir dieser ausgezeichneten Bibelausgabe vorangestellt haben. Es mußten zu diesem Zwecke mit einigen Bildern, den Forderungen des Judenthums gemäß, einige Veränderungen vorgenommen werden. Jetzt sind die Vorbereitungen beendet, und in nächsten Wochen wird das erste Heft dieses Werkes,- von dem inan dreist behaupten kann, daß ein gleiches noch nicht vorhanden, ausgegeben-, werden. Der Prospect, der das Unternehmen einleitet, lautet wie folgt: ... ' „Die heilige Schrift, dieses Buch der Bücher, diese Quelle aller wahren Gotteserkenntniß, lautern Herzensfrömmigkeit und reinen Sittlichkeit, diese Grundlage aller, geistigen Bildung und Gesittung,- der gesellschaftlichen Ordnung in Recht und gesetzlicher Freiheit, dieser ewige Born des freigewordenen und selbstbewußten Geistes, den sie * losgerungen aus .der Furcht vor den dunkeln Naturgewalten und finstern Schicksals möchten, dieser?, immerfließende Strom der Belehrung und Befestigung in Willen und Charakter, des Trostes und der Aufrichtung in den Leiden, des Muthes und der Sicherheit in den Kämpfen und Mühen des Lebens, in jeglichem Wandel des Geschickes, diese innigste Vermittelung zwischen dem Menschen und Gott, zwischen der irdischen üüd überirdischen Welt, dieses ununterbrochene Band zwischen Wiege und Grab — diese heilige Schrift war und ist zunächst an das Volk Israel gerichtet, in feiner Sprache abgefaßt, für sein religiöses und nationales Leben Element und Kraft, ihm zum ewigen Erbtheil und zum kostbarsten Besitzthum. Dann aber war sie bestimmt, zum Buche der Bücher für die gesammte Menschheit zu werden, die Grundlage aller positiven Religion, auf der alle religiöse Ueberzeugung sich aufbaut und zu der .sie immer wieder zurückkehrt, so durch die Jahrtausende.von immer größerer und ausgedehnterer Wirksamkeit. Schon im Alterthume in die Sprachen Arams, Griechenlands: und Latiums übertragen, ist st.e jetzt in mehr als zweihundert Sprachen übersetzt, und ihre Verbreitung wächst über alle Zonen und Theile der Erde. hin. Dennoch hat die heilige Schrift nicht aufgehört, das besondere Eigenthum des israelitischen Stammes zu sein und zu bleiben. Denn einerseits war sie es, welche diesem Stamme den dauernden Bestand in den vielen Jahrhunderten der Zerstreuung, drückendster,■ Verfolgung wie neuangebrochener. Freiheit, ermöglichte, den Geist des niedergetretenen Volkes immer wieder stärkte, an dem Bekenntniß und der Anbetung des einig-einzigen Gottes festhielt, und sein Herz mit Trost und Verheißung erfüllte; war sie es, welche ihm auch in den beschränkendsten und ausschließendsten Verhältnissen zum immer lebendigen Gegenstände der Geistesthätigkeit, des Forschens und Erkennens, zum Hebel sittlicher Kraft und hingebender Aufopferung nach dem Worte diente: „Du sollst sinnen darin Tag und Nacht", daß er nicht unterging und nicht in den Staub des Sklaventhums versank. Andererseits , war dieses .heilige Kleinod diesem Stamme zu treuer Wacht übergeben, sowohl es in seiner überkommenen Reinheit und Vollständigkeit zu erhalten, „daß nichts davon und nichts dazu gethan werde", als auch das Verständniß derselben durch die lebendige Bewahrung seiner Sprache für die übrigen . Völker zu vermitteln, als endlich auch seine Deutung und Auslegung in frischem Flusse zu erhalten, vor jeder Verdunkelung und Versteinerung zu schützen. 19* '