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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-05-05 · Heft 19 (5.5.1874) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 19 (5.5.1874)
Date
1874-05-05
Page
Seite 312 (sequence 2)
Language
German
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allein scharf, sondern auch vergiftet. Der Gegner wird mit Hohn überschüttet und auf jede Weise verfolgt. Lüge und Verleumdungen sind stets bereit, und' werden maßlos gehandhabt, wenn sie Nutzen versprechen. .Verdienst^vird'-'äticht ftiterfcwwit; das Thalsächliche verdreht. Älles Gegnerische ist verderbt und führt zum Verderben; auf der eigenen Seite ist alles Heil, alle Währheit, alle Größe und Tugend, alle Frömmigkeit und Gottgefälligkeil, auf der entgegengesetzten Seite nur Unheil, Verderben und Verderbtheit, Gottlosigkeit und Frechheit. So stehen sich diese Parteien gegenüber, und so verfahren sie täglich, stündlich. Alles kommt ihnen darauf an, die Masten hinter sich zu haben, sie zu beherrschen, auszubeuten und zum Kampfe zu benutzen, hierzu sie zu verblenden, zu verdummen, zu urtheilsloser Heerde zu gebrauchen. Wahrlich, da ist kein Hiob, der für seine Gegner betet und Opfer darbringt und vie Versöhnung erwirkt (Cap. 42, 8). Daß diese Schilderung nicht übertrieben, brauchen wir dem Leser, nicht nachzuweisen. Ebensowenig, wie entsittlichend dieses Alles auf die Nation wirkt, denn das Beispiel liegt bereits in großen Völkerschaften sichtlich vor. Wir sagen, daß die Gefahr besonders für die Jugend bedrohlich sei, sie führt diese unumgänglich zur Skepsis, und diese ist für die Jugend zerstörend wie nichts Anderes. Wir gebrauchen dieses Fremdwort, weil es nicht blos den Zweifel, nicht blos selbst die scharfe Leugnung bedeutet, sondern jenen Zustand der Seele, wo aller Gaube, daß die Wahrheit, daß eine feste Ueberzeugung für den Menschen bestehe und zu erreichen sei, geschwunden ist, wo alles Äveale sich verflüchtigt hat, und so nichts als greifbar und zuträglich erscheint, als was einen materiellen Nutzen, was Reichthum, Ehre, Macht und Genuß verspricht; wo das Gemüth alle Empfindung für das Zarte und Edle verloren hat, der Verstand nur den einseitigen Scharfblick besitzt, die Schwächen und Schatten der Dinge zu finden, Alles zu vereinzeln, ohne den inneren und höheren Zusammenhang zu fasten; und da der Mensch schließlich dennoch der lautern und innigen Gefühle sich nicht zu erwehren vermag, bemächtigt sich in solchem Zustande seiner ein Geist der Verhöhnung und Ironie, der das Gemüth nach allen seinen Richtungen hin zersetzt. Eine solche Skepsis ist aber unausbleiblich das Loos der Jugend unter der Herrschaft jener Gegensätze, ihrer Kämpfe und Kampfesweise. Fast schon mit dem Erwachen des Bewußtseins stößt das Kind auf die entgegengesetztesten Meinungen, begegnet der. junge Mensch den Schilderungen und Darstellungen in den conträrsten Absichten und Farben; die eine leugnet, was die andere behauptet, die eine beschimpft, was die andere belobt , was die eine zum Himmel erhebt, tritt die andere in den. Staub. „Was ist denn nun wahr?" frägt er; „wer hat Recht? wem soll ich glauben'?" Und dies geschieht nicht bloß mit den höheren, übersinnlichen Wahrheiten, sondern mit dem, was vor unseren Augen vorgeht-- nicht bloß mit der Geschichte der Vergangenheit, sondern auch mit den Thatsachen der Gegenwart. Was ihm der eine Lehrer miltheilt, verhöhnt der andere oder der folgende; was er in dem einen Buche liest, verwirft das andere als veraltet, als Vorurtheil; insonders was ihm in dem einen Tagesblatte vorgetragen wird, stellt ihm das andere als irrig oder lächerlich, als Schimpf und Schande dar. Und nun erst auf religiösem Gebiete! Hier die positive Religion, dort der Atheismus; hier die Kirche, dort der Unglauben; hier die Orthodoxie, dort der Liberalismus — beide streitend mit den schärfsten Waffen, mit maßloser Erlbitterung, mit den bestimmtesten Zielen der eigenen Herrschaft und der Vernichtung des Gegners! Wie wird da jede zarte Blüthe des religiösen Sinnes geknickt, jedes echte religiöse Bedürfniß gemißbiaucht, entweiht und verlästert, jede wahrhaft religiöse Vorstellung hin und hergeworfen, zerrieben, erdrückt! Es ergiebt sich von selbst: der schwächere Geist wird verdumpft und in den Fanatismus der Partei verstrickt, jede begabtere Natur reitet sich zuletzt in die Apathie, in den Jndifferentismus, reißt sich aus all' dem Staubwirbel heraus, der ihm jeden Blick in die Landschaft, jede Aussicht in die weite, erhabene Ferne verdeckt, und ergiebt sich — der unglückliche Jüngling — der Skepsis .... unglücklich, wenn er sich auch nicht dafür hält, wenn ihm erst später, oder auch gar nicht ein helleres Licht aufgeht! Und wenn dieser Streit, dieser Zwiespalt bis in die Familien gedrungen, wenn Gatte und Gattin, Bruder und Schwester sich den Extremen ergeben haben, und sich gegenseitig verdammen — die unglückliche Jugend!. . . Wir skizziren hier nur, wir führen nicht aus. Aber man frägt uns: wie ist dem abzuhelfen? wie ist dem auszuweichen oder entgegenzuwirken? Es ist einsichtlich, daß der Einzelne nur im Einzelnen zu wirken vermag. Die Zeit in ihrer Ganzheit kann nur durch ihre gesammte Entwickelung zum Bessern gebracht werden. Aber in allen Stürmen der Zeiten und Völker war es immer nur die Familie, welche den sichern Boden für die Einzelnen abgab, wo sie sich zu retten und zu erhalten vermögen. Innerhalb der Familie daher ist es allein möglich, die Zuflucht und die Rettung zu finden. Hierauf müssen die.Einsichtsvollen ihre Aufmerksamkeit, ihre ganze Sorgfalt richten. Es ist wahr, daß die Erziehung, auch die fürsorglichste , vielfach ihre Früchte nicht ernten kann, weil der junge Mensch ihr zu frühzeitig entzogen und mitten in ^das. Leben geworfen wird. Aber es ist dennoch nicht minder wahr, daß die Keime, die im zarteren Alter in die junge Seele gepflanzt werden, bleibende Wurzeln schlagen, die, so oft auch die Schößlinge und Stengel von rauhem Fußtritt zerdrückt werden, dennoch in jedem Frühling wieder aufsprießen' und im Schooße der Erde eines bessern Geschickes harren. Die Eltern, welche ihren Kindern durch Lehre und Beispiel eine feste und edle Ueberzeugung eingepflanzt haben, geben ihnen nicht allein eine größere'Sicherung, eine stärkere Widerstandskraft gegen die Einflüsse von Außen, sondern haben ihnen auch die Saat anvertraut, welche mitten aus den Wirren des Lebens immer wieder hervorspießt und Frucht zu tragen vermag. Nur wo von Beginn an der Boden leer und unbearbeitet geblieben,

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