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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-04-21 · Heft 17 (21.4.1874) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 17 (21.4.1874)
Date
1874-04-21
Page
Seite 286 (sequence 12)
Language
German
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286 wohin sie/-denn wollet -Gie/Mt sie/.so/-rührend, sie ruhig gehen zu lasten, und die Eltern halten in der letzten Zeit so viel Mitleid mit ihrem armen Kinde, gegen das Alles/sich verschworen zu haben -schien, Laß sie Hr endlich nachgäben. . Sie lenkte ihre Schritte; zunächst zu ihrer/ früheren Lehrerin, im Feinsticken, einer Mammsell Muhr, einer feinen alten und sehr angesehenen.Dame,-, welche ihr Lehramt nur aus Vergnügen , - jungen, .wenig bemittelten .Mädchen/zu nützenausgeübt: hatte. . Sie wurde von -ihr/ gut ausgenommen, und hatte bald ihr ganzes Herz vor ihr ausgeschüttet.! Sie erzählte ihr Alles , und theilte ihr mit, was sie zuthun 'beabsichtige. Die/ Dame /schüttelte den Kopf, es. war so /ungewöhnlich, so abenteuerlich; aber sie/ erkannte doch, daß es eigentlichdas Einzige war,, was . noch/ zu thun.erübrigte. Sie versprach! ihren schwachen Beistand, und ging./sofort an's Werk. Sie-stellte dem Mädchen das schönste Zeügniß aus, ertheilte ihrem, sittlichen Charakter das höchste-Lob, und versicherte, daß. dasselbe durch seine Geschicklichkeit in feinen Handarbeiten sehr wohl ihr Brod selbst , verdienen könnte. Dann gab sie ihr Rath und Anweisung, wje> sie sich zu benehmen habe. - . . ... . Etwas sicherer, aber doch hochklopfenden Herzens trat Dora ihren zweiten, den Hauptgang an. Sie schritt, ein heißes Gebets vor. sich,-murmelnd, nach dem Palais des Erbprinzen. Es war ein stattliches, mit Rampe und schönem Portal geschmücktes Gebäude in der Hauptstraße, im feinsten Renaissancestyl errichtet. Aber sie trat nicht'durch das Portal, sondern durch ein Nebenthor ein, und fragte einen Diener nach dem Kammerlakah Die gute Muhr hatte dafür gesorgt; es lag hierin eine Hauptbedingung -des Gelingens. Sie hatte ihrem Schützling -ein Briefchen, sagen'wir es nur, ein mit einem Kassenschein beschwertes Briefchenan den Herrn Kammerlakai des Durchlauchtigsten Erbprinzen mitgegeben, und die Worte der alten Dame machten einen sehr günstigen Eindruck auf den treuen Diener seines Herrn, der diesen möglichst vor allen zudringlichen Bittstellern zu schützen suchte. Hier jedoch war es etwas ganz Anderes: es galt ein so gutes Werk! „Sie sind zur rechten Stunde gekom men, gutes Kind," sagte er zu dem Mädchen, „in einer halben . Stunde geht der allergnädigste Herr zu seinem herzoglichen Herrn Vater und dann auf die Jagd. Jetzt kann ich noch eine Audienz für Sie erbitten., Warten Sie," Er verließ das Zimmer, Dora setzlte sich. und wartete. Wie mußte länge warten, Welche Qual! Wie pochte ihr Herz zum Zerspringen. <5ie,’ athmete schwer; es.schwindelte, ihr. . Die .Angst vor einer Ohnmacht überkam sie, aber gerade diese Angst weckte sie aus ihrer Schwäche. Sie. war eine Heldin, der Muth, kehrte schnell, zurück. Es. siel ihr ein Pfalmvers. ein, den, Bernhard öfters im Munde führte: ,„Der Ewige, ist mit mir^ was kann ein Mensch mir thun?" Der,Kammerlakai kehrte zurück, winkte, ihr, und sprach: „Kommen Sie." Sie folgte ihm/eine Treppe hinan, durch einen. Corridyr, dann stieß er eine Flügelthüre aus, und sprach leise :, „Treten Sie ein." Die Thüre schloß, sich — sie stand vor dem Erbprinzen, ' - I;Es war. einechohe -ritterliche Gestalt, etwas zur Beleibtheit geneigt, ein schönes,,. volles > --Männliches Gesicht, .von braunem Locken/ umrahmt,- welche auch - den ganzen: Kopf bedeckten. Männliche Entschlossenheit -blickte aus -allen Zügen und. seiner straffen. Haltung, die den preußischen General bezeugte.- Aber der Ausdruck aus den großen blauen Augen und um den fein geschult-, tenen. Mund gaben Offenheit und Herzensgute zu erkennen. Als Dora den schönen herrlichen Mann, mit der Hand auf die Tafel in der Mitte-.des-Saales gestützt, vor-sich erblickte, kam eine Art Begeisterung über sie , wie man vor einem höheren Wesen empfindet, zu dem man in Noth. und Bedrängniß sich, rettet und dessen gnädiger Herablassung man sicher ist. Sie warf sich auf die Knieen, hielt ihre Schriftstücke empor und rief aus: „Durchlauchtigster Herr, Gnade und Schutz für arme, bedrückte Menschen!" ' * * Der. Prinz chlicktei-verwundert auf das bewegte- und' doch muthige--Mädchen , dessen Abstammung er leicht, erriech — es/ war-ihm Dies noch nicht vorgekommen. Mit einer , leichtem Handbewegung sprach er: „Steh' auf, Mädchen, ich mag Das, nicht, daß man vor. mir knietr wir sind.-alle Menschen. -Sagemir dreist, was Dich bedrückt und zu . mir führt." ■! Jetzt war das Thyr der Schleuse geöffnet. / Mit einer na^i türlichen - Beredtsamkeit,. wie der Kummer., und die Hoffnung auf Rettung nur einem muthigen Weibe einflößt, das sich in seinem Rechte weiß und welches das Höchste zu erreichen hat, sprach sie vor dem Erbprinzen Alles aus. Die Worte mochten nicht immer mit den Regeln der Grammatik übereinstimmen, die Ausdrücke nicht immer die..correctesten - gewesen sein. Aber mit feinem Tacte vermied sie alle Weitschweifigkeit, hob sie nur die Hauptsachen hervor, bezog sich, da sie ihren Bräutigam rühmte, auf die Zeugnisse des Professors T., des Polizeidirectors und des Hofbuchdrnckers, scheute sich nicht, die Personen zu nennen, die ihnen im Wege gestanden, selbst nicht den Kammerpräsidenten, und mißbrauchte die Aufmerksamkeit, die der hohe Herr ihr schenkte, nicht im geringsten. Da sie den.Eindruck. bemerkte, den ihrege--, künstelten, warmen, aus dem Herzen -fließenden Worte, ausihrc^n erlauchten Zuhörer machten, schloß sie mit dem. Ausrufe,:; „Ach, allergnädigster Herr, verhelfen Sie uns zu unferm Glücke!,. Es - kostet Sie nur ein Wort — und wir tragen doch. /so. viele Worte des Gebetes in unserem treuen. Herzen für , .das . Wohl/ .unseres Herrn und Fürsten!.Dieses eine Wort für. unsrmieder? geschmetterte ..Menschen wirdan dem Siechbette - unseres .allerdurchlauchtigsten Fürsten als ein Engel des Heils und .der Genesung stehen, und unserem leidenden Herrn Ruheu$>( Linderung rufäckeln!"! Den Erbprinzen überraschte diese kühne Wendung,- und da er auf das einfache, , schlichte Judenmädchen blickte,, dem,. solche, Morte..unmittelbar'„aus;,dew^ Herzen stoffen,, ohne Vorbedacht und künstliche Erwägung, gestand er sich, daß hier eine Wahrheit sich ausspreche, hie eine .unbedingte - Befriedigung ihres Rechtes - for-

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