Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1874)
- Date
- 1874-04-21
- Page
- Seite 281 (sequence 7)
- Language
- German
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281 in der Restauration Blei (Salzgrieskaserne) v und Weiß (Kaiserkrone) bewirthet. Zwei Religionslehrer leiteten das Mahl mit der üblichen Vorlesung der „Hagada" (Erzählung von der Befreiung und dem Auszuge der Juden aus der ägyptischen Sklaverei) ein. — .In diesen Tagen machte in Wien ein Raubmord wegen der ihn begleitenden Umstände ein außerordentliches Aufsehen und einen allgemeinen Schrecken. Er betraf eine sechsundzwanzigjährige Judenfrau, Rosalie Bondi, Mutter von fünf Kindern, deren ältestes fünf Jahre, deren beiden jüngsten, Zwillinge, zehn Tage alt waren, und deren Mann ärmlich aber ehrlich seine Familie durch Fertigung und Verkauf von Preßhefe.ernährte. Gerade am Eres Peßach um Mittag, wurde sie von ihrem 22jährigen Dienstmädchen, welches vor einigen Tagen erst bei ihr angezogen war, mit einem Beile erschlagen. So fand der Mann die Unglückliche als Leiche in ihrem Blute. Die Mörderin hatte Kleider und Wäsche ihrer Herrin zusammengerafft und war verschwunden. Eine Woche lang schien jede Spur verloren, bis man das Bündel geraubter Sachen bei einem Trödler fand, der es zur Anzeige gebracht hatte und die Verbrecherin in Lundenburg arretirte. Das Gefühl der Unsicherheit den Dienstboten gegenüber, welche mitten in das Haus und die Familie ausgenommen werden, und denen man so viel Vertrauen schenken muß, bemächtigte sich der ganzen Stadt und erregte die höchste Entrüstung. Man'verlangte, daß die Mörderin auf's Strengste und zwar mit dem Tode bestraft werde. . Es machte sich Dies so'laut, daß die N. Fr. Pr. sich gemüßigt sah, einen, wenn auch nicht sehr glücklichen Leitartikel gegen die Anwendung der Todesstrafe zu erlassen. Angesichts eines solchen Frevels, eine Mutter in der Mitte ihrer jammernden Kinder wegen so unbedeutender Gegenstände zu erschlagen, und unter Umständen, welche auf Vorbedacht schließen lassen, das empörte Gefühl des Publikums und dessen Forderung als „zur Rohheit und Barbarei neigend" zu bezeichnen, ist nicht glücklich. Wenn es thöricht ist, von der Todesstrafe oder von der Härte der Strafen überhaupt eine Abschreckung von allen Verbrechen zu erwarten oder zu fordern: so ist es nicht minder thöricht jede Abschreckung zu leugnen und dem leichten Entschluß zu Verbrechen nicht von der Milde der Strafen herzuleiten. In Deutschland ist diese Thatsache bereits anerkannt. Ist der Gedanke an einen Justizmord schrecklich, so ist doch auch der Gedanke schrecklich, daß Verbrechen verhütet werden konnten durch die Angemessenheit der Strafe, und so Schuldlose durch-die Hand der Frevler fallen! Bon der Donau, IO. April. - (Privatm.) Der letzte der Gründer des Schomre-Hadath-Vereins wurde den. 6. d. M. zu Grabe getragen: es ist dies der Rabbiner von S.-A.-Ujhely, Herr Jeremia-s Löw. Er war einer der festesten Stützen der Schomre-Hadath und ist seinen Gesinnungsgenossen denPreßburger und Unghvarer Rabbinernrasch gefolgt. Seinem Sarge wurden nicht weniger als 40 von. ihm im Manuscript hjnterlafsene Werke halachischen und agadischen Inhalts vorangetragen und ist somit eine Bereicherung der rabbinischen Literatur zu erwarten. Das von Hildesheimer und Consorten nach dem Tode des Preßburger Rabbiners angewandte Mittelchen hat auch in S.-A.-Ujhely gut angeschlagen; sofort nach dem Tode des Rabbiners wurde besten Sohn, ein früherer Geschäftsmann, zum Nachfolger ernannt. Eine Spaltung in der Gemeinde, wie in Preßburg hat man hier nicht zu befürchten. Auch Herr Sigmund Kraus, einer der eifrigsten Vertreter der Schomre-Hadath, der seiner Partei auch zuweilen mit der Feder diente —- es sind mehrere übrigens ganz werthlose und längst verschollene Schriften von ihm erschienen — ist vom Schauplatze abgetreten und in ein besteres Jenseits eingegangen. In Nagy-Zsombor starb vor Kurzem ein Mann Namens Abraham Rappaport im Alter von vollen 100 Jahren. Derselbe war bis an seinen Tod rüstig und im Besitze seiner Geisteskräfte. Krakau, 29. März. (Privatmitth.) Wenn in einem Artikel jüngst in diesem Blatte geklagt worden, daß der Abgeordnete Dr. Laster im preuß. Abgeordnetenhaus sich der Rolle eines Vertreters seiner Glaubensgenossenschaft aneignet und Erklärungen in deren Namen abgiebt, ohne ein Mandat dazu erhalten zu haben: so haben wir im österr. Reichstage ein Seitenstück dazu, im Abgeordneten der hiesigen Handelskammer Mendelsburg. In der Berathung über die Unterrichtssprache in den galizischen Schulen hielt der Mann eine Rede, was natürlich in seinem Rechte lag, sprach aber so, als ob er die Ansicht und Wünsche der ganzen galizischen Judenschaft zum Ausdruck bringe, wozu er kein Recht hatte, und zwar um so weniger, als er vor seiner Wahl die entgegengesetzte Meinung mit Leib und Seele verfocht. Am besten spricht sich hierüber ein Correspondent der N. Fr. Pr. aus, und wir acceptiren seine Entgegnung Wort für Wort: Herr Mendelsburg hatte den Muth, zu behaupten, daß in Galizien nie Intoleranz geherrscht habe. Wir wollen, um einen Beweis vom Gegentheile zu liefern, den Herrn Mendelsburg an jene Zeit erinnern, in der er ein Knabe und allerdings noch nicht als „jüdischer Pole", aber dafür als ein sehr ausgeprägter „polnischer Jude" im langen Kaftan war und mit seinen Eltern , im hiesigen früheren Ghetto am sogenannten Kazimierz wohnte. Herr Mendelsburg wolle sich nur in's Gedächniß rufen, wie damals ebensowenig er selbst als alle übrigen „polnischen Juden" in Krakau am Sonntag nach der inneren sogenannten „christlichen" Stadt gehen durften, bei Strafe, geprügelt und eingesperrt zu werden; allerdings würde man schon damals bei Herrn Mendelsburg eine Ausnahme gemacht haben, wenn unsere Nationalen zu jener Zeit geahnt hätten, daß aus dem Knaben Mendelsburg, diesem kleinen „polnischen Juden", einst ein so feuriger „jüdischer Pole" sich entwickeln würde. Doch wozu so weit in die Geschichte zurückgreifen! Noch jetzt, so oft es sich um die bürgerlichen Rechte der Juden in dem