Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1874)
- Date
- 1874-04-21
- Page
- Seite 277 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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277 werden immerhin im Stande sein, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, gewissermaßen Sensation zu machen. Der aber täuscht sich,, der ihnen einen dauernden Einfluß zutraut. Sie werden vom Instinkte des Volkes abgewiesen und wie ein fremder Körper bald wieder ausgeschieden. Die Arbeit dagegen, welche ausdauernd darauf gerichtet ist, den vernunftgemäßen Glauben zu stützen und zu befestigen, ihn mit der Cultur und Wissenschaft immer wieder in Uebereinstimmung zu bringen und die Symmetrie des großen menschengeschlechtlichen Bauwerks wieder herzustellen, wird niemals ihre Wirkung verlieren, auch wenn ihr die dauerhafte Gunst des Augenblickes nicht zu Theil wird. Literarischer Wochenbericht. Berlin, im April. Der rühmlichst bekannte hiesige Gelehrte, Herr F. L eb recht (er unterzeichnet sich F. L—t), hat in der „Voss. Ztg." einen interessanten Artikel unter der Aufschrift „Die ersten Dramen in hebräischer Sprache und die erste Uebersetzung in's Deutsche", der hier wiedergegeben zu werden verdient. Aus der Mitte der Bekenner des Iudenthums sind, als ihre bürgerliche Gleichstellung kaum begonnen und dadurch ihrer Wahrnehmungen die große Gesellschaft zugänglich geworden, war eine überraschend große Zahl von Künstlern und Künstlerinnen der Bühne hervorgegangen, und es erinnert diese überraschende Herzenseroberung auf der hölzernen Bühne an den plötzlichen Hervorbruch der hellenischen Kriegsfürsten aus dem Innern des hölzernen Pferdes der Minerva, nachdem die Trojaner ihm durch Niederreißung ihrer Mauer selbst den Weg geöffnet. Diese aus dem Stegreif erstrebte Theilnahme der Juden an der Auszeichnuug in der theatralischen Kunst ist um so bemerkenswerther, als auf dem Boden des Iudenthums diese Kunst in keinem ihrer verschiedenen Zweigeein Versuchsfeld gehabt und weder in Palästina zur Zeit seiner Selbstständigkeit, noch in den Ländern der Zerstreuung Dichter und Darsteller im Drama einen Namen hinterlassen haben. Ja es hatte ein Theil des Hasses der Juden gegen Herodes seinen Grund in dessen Verpflanzung griechischer Schauspiele nach Jerusalem und andern Städten. Das Alterthum weiß nur von einem einzigen tragischen Dichter (Ezekiel, mit Commentar und Uebersetzung, herausgegeben von L. Philippson. Berlin 1830. 8.) und von einem einzigen Schauspieler (Alityrus in Rom. Iofephus Flavins, Vita. § 3), ersterer schrieb nur griechisch, der zweite sprach wahrscheinlich nur lateinisch oder griechisch. Das Mittelalter, so viele blühende Kränze von jüdischen Dichtern darbietend, namentlich das glorreiche Spanien, -die Muse des Dramas/ist stumm, wie bei den übrigen Völkern semitischen Stammes, wo selbst die Araber, das in allen Gattungen der Dichtkunst so üppig reiche Volk, kein Drama nachwissen. Erst im 17. Jahrhundert begegnen wir einem Drama in hebräischer Sprache, und in unseren Tagen erst ist das Zweithebräische in's Deutsche übersetzt worden. Suchen wir einen Grund für die Entfernung der Juden vom Schauspiel, so finden wir ihn nicht blos in dem der körperlichen Gymnastik abgeneigten Geiste der Juden, sondern in dem alten Gesetze des Talmud, welches Theaterbesuch verbietet, „weil man dort den Götzen opfert." Man wollte Dies nicht blos symbolisch verstanden wissen: weil die heidnischen Götter als handelnde Personen auftraten, nein! die Theater in Rom und anderen Städten waren verschiedenen Göttern heilig, und diese halten ihre Altäre dort, auf welchen man ihnen opferte. Rührend ist folgende, das Verbot einschärfende Legende des hierosolymitanischen Talmud: „Der Prophet Elias (der ewige Hebräer und Jude in der Sage des alten israelitischen Volkes bis in die neueste Reformzeit, Bote Jehova's und wohlwollender Freund aller Frommen) unterhält sich mildem Rabbiner Nehorai über den Grund der Erdbeben und erklärt ihr Entstehen dadurch, daß Gott, wenn er sich erinnert, daß die Heiden ungestört und lustig in ihren Theatern und Circus sitzen, während sein Tempel (in Jerusalem) zerstört ist, im Begriffe ist, die Welt dem Untergange preiszugeben, läßt es aber in seinem Erbarmen beim Erdbeben bewenden." Das römische Theater hat Liesen Horror der Juden dadurch bestraft, daß es deren Gebräuche lächerlich machte. So brachte man im Schaltjahre, wo die jüdischen Felder brach liegen müssen, ein Kameel mit Trauerdecken auf die Bühne, ein Mime frägt, warum trauert Camelus? ein anderer antwortet, weil ihm die Juden seine Gräser wegessen. So im Midrasch zu den Klageliedern, ob dasselbe oder Aehnliches auch bei Classikern vorkommt, wissen wir nicht. Bei solcher Entfremdung von der mimischen Kunst durch Herkommen und Gesetz und in den muhamedanischen Ländern auch durch die Umgebung konnte nicht leicht ein jüdischer Dichter zu einem Drama in der Sprache der Väter aufgemuntert werden. Erst Joseph ben Jsac Penyo, Sohn portugiesisch-jüdischer Eltern in Amsterdam, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, ist der Verfasser eines Dramas in hebräischer Sprache. Das 1673 in 8 vo. erschienene Werkchen ist in 3 Acten, allegorischen ethischen Inhaltes, und der lange Titel mit mehreren Epitheta orrianiia schließt:;,Das Buch werde genannt: „ Asire ha-Ti kwa“ b. h. Verbundene der Hoffnung, oder: Gefesselte durch Hoffnung." Die für die hebräische Sprache immer begeisterten Juden»spanischer. Abkunft hielten dieses Drama (Comoedio) für' einen großen Triumph derselben^ und sie feierten den Dichter mit hebräischen und lateinischen Versen, darunter Eines lautet: „Tandem liebraea gravi proccdit musa colhurno Priinaque felic'i ter pede pandiL iter.“ „Endlich erscheint im hohen Cothurn auch Israels Muse Dreimal mit glücklichem Fuß legt sie das Wegmaß zurück." - 17*