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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-04-21 · Heft 17 (21.4.1874) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 17 (21.4.1874)
Date
1874-04-21
Page
Seite 276 (sequence 2)
Language
German
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276 was ihr ««gehört und sie zu stützen sucht, wird verworfen: es ist nicht wissenschaftlich,- keine kritische Studie. Denn was ist diesen Herren wissenschaftlich und kritisch, wenn - es nicht darauf hinausläuft, das Religiöse zu vernichten, 'und besonders die Bibel zu zersetzen^ wenn nicht anzuklagen? Tritt ihnen nun eine solche Betrachtung und Untersuchung in ruhiger, vernunftgemäßer Methode entgegen, so sind sie zwar, schon aus der Opposition gegen die Kirche heraus genöthigt, es einigermaßen anzuerkennen, es zu dulden, aber demungeachtet möglichst sich und ihrem Publikum sernzuhalten. Was hatte dieser Vortrag im Lerele mit dem Stande des Redners zu schaffen? Trat er doch nicht als Geistlicher, sondern eben nur als Redner auf, und mußte der Kritiker selbst eingestehen, daß in Ton und Darstellung nichts daran erinnerte. Aber es wurde nachgewiesen, daß in der mosaischen Lehre und Institution Großes, Lauteres und Freisinniges lag, das selbst noch von der heutigen Menschheit mit Mühe zu erringen ist. — Da konnte man sich dem nicht anders entziehen, als daß man doch an den „Priester" erinnerte, und Wissenschaft und Kritik nicht betheiligt finden wollte. Als wenn es nicht das Geschäft der wahren Wissenschaft wäre, das Wesen einer Sache aus all' den Formen und Schalen, welche es umhüllen, zu lösen und zur Erkenntniß zu bringen! Als wenn durchaus das Kritik wäre, was verwirft, abspricht, leugnet! Aber der vernunftgemäße Glaube, der sich ebenso auf die Geschichte, auf die Geistesarbeit der vergangenen Jahrtausende, wie auf die- Forderungen und Folgerungen des Verstandes stützt, und beide in Einklang bringt, dieser ist es, den die libre penseurs ,■ me$r fürchten, als die Orthodoxie, und den sie nur dulden, weil er diese im Augenblicke zu schwächen vermag. Aus diesem Grunde legen wir den offenmüthigen Bestrebungen des Herrn Astruck in Brüssel Werth bei. Denn wir sind überzeugt, daß es auch in Belgien eine große Zahl von Personen giebt, welche ebenso sehr der Orthodoxie, wie dem Unglauben und dem Materialismus der libre penseurs fremd sind, und denen es nur an einem Mittelpunkt,' an einem Organe fehlt, um sich daran zu festigen und sich allmälig zu concentriren. Wir meinen Dies auch auf uuserm specifischen Gebiete. Äst es ja nicht zu verkennen, daß die Juden von der polnischen Grenze ab an den Geistesströnmngen der Culturvölker den unmittelbarsten Antheil nehmen und nicht wenig von ihnen ergriffen werden. Sie werden ebenso von der Orthodoxie, wo sie vorherrscht, wie vom Radikalismus, wo dieser, ein freies Feld gewonnen, influirt. Jndeß ist es offenbar, daß gerade die Juden, vermöge ihrer Religion und der aus dieser fließenden Geistesbeschaffenheit in ihrer großen Mehrzahl den Boden zwischen diesen beiden Extremen einnehmen, und danach streben, den vernunftgemäßen Glauben, wie er von ihren Vätern überliefert und von der modernen Geistescultur entwickelt worden, festzuhalten; hierin finden sie ihre geistige Befriedigung. Gerade für sie sind daher Bestrebungen oben bezeichneter Art von Bedeutung. In Frankreich ist das Verhältniß ungefähr dasselbe wie in Belgien, nur daß gegenwärtig die orthodoxe Strömung alles Andere überfluthet, - sowie im vorigen JahrhrHderi die radicale, welche in. der Revolutionszeit selbst eine Harle Verfolgung der Kirche, und der Geistlichkeit hervorbrachte. Die Extreme berühren sich da, wenigstens im Wechsel der Zeit. —' Wir sind der eigentlichen Stimmung in Italien aus diesem Gesichtspunkte nicht ganz sicher. Denn obschon der päpstliche Thron, nachdem Frankreich seine schützende Hand von ihm abziehen mußte, fast ohne Hammerschlag zusammenbrach, und soweit die Kirche der nationalen Einheit entgegentritt, sie keine Stütze im Volke findet: so läßt sich doch abseitens dessen die Gesinnung des Volkes nicht genügend beurtheilen. Man hat auf diesem Gebiete in Italien schon manchen Umschwung erlebt, wie z. B. die Zeit der Humanisten in die der blinden Contrereformation überging. Glücklicher sind wir in dieser Beziehung in Deutschlands Consequent in seiner Volksstimmung und seiner Entwickelung hat Deutschland zu aller Zeit einen fruchtbaren Boden für den vernunftgemäßen Glauben besessen, eine breite Schicht, auf welcher die Extreme nicht gediehen. Wir wollen nicht behaupten, daß Unglaube und Atheismus nicht auch in Deutschland zahlreiche Anhänger haben; aber es zeigte sich z. B. nach der Veröffentlichung des letzten Werkes von Strauß, daß mit wenigen Ausnahmen die ganze liberale Presse sich gegen diese Schrift und die in ihr enthaltenen Ansichten erklärte, und daß der Tod dieses berühmten Schriftstellers eine weit geringere nationale Sympathie erweckte, als es geschehen wäre, wenn jenes Werk nicht an's Licht getreten wäre. Wenn gegenwärtig die katholische Kirche die große Mehrzahl ihrer deutschen Bekenner auf ihrer -Seite findet, und nur ein geringer Bruchtheil der altkatholischen Bewegung sich angeschloffen hat, so tragen hiervon die kirchenpolitischen Maßregeln des Staates einen großen Theil der Schuld. Denn, ohne diese hier im Geringsten beurtheilen zu wollen, muß man doch eingestehen, daß sie dem widersprechen, was bisher im Staate der Kirche eingeräumt gewesen, so daß sie dem Katholiken als eine Beeinträchtigung seiner Kirche erscheinen mußten. Er sieht daher es als einen Abfall, eine Untreue an, die Kirche in diesem Augenblicke selbst nur mit seinen Wünschen oder Voten zu verlassen. Ein große Zahl gebildeter Katholiken, welche an sich den Bestrebungen der Hierarchie durchaus nicht günstig gesinnt, und die im Grunde einer vernunftgemäßen Auffassung der Religion geneigt sind, gesellt sich so der katholischen Orthodoxie zu, ohne ihr im Geiste anzugehören. In der protestantischen, wie in der jüdischen Welt in Deutschland aber hat die Orthodoxie nur geringen Einfluß, und wo sie ihn noch besitzt, ist es mehr die Wucht der alten Gewohnheit, welche ihr förderlich ist, als eine festgegründete Ueberzeugung, ein klares, volles Bewußtsein. Wir wissen daher wohl, woran man sich in Deutschland zu richten und zu halten habe. Glänzende Erscheinungen, mit dem Reize der Neuheit, wenigstens für das große ,Publikum ausgerüstet,

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