Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1874)
- Date
- 1874-04-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Wltgemeine Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. Verlag van Baumgiirtner's Buchhandlung in Leipzig. Diese Zeitung erscheint wöchentlich, , einmal in 2 bis >lf2 Bogen. Preis Vierteljährig l Thlr. Inserate werden mit 2 Ngr. sur die Petitzeile oder deren Räum berechnet. Alle Buchhandlungen, : Postämter und Zeitungs - Expeditionen nehmen Bestellungen atu In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. L. jjhilippson in Bonn; hinsichtlich des Bezugs und der Inserate an Saumgärtner's Snchhmidlung mLeipzig. 3u[erate, welche b:S Douner*- tag eingehen, finden in der carauffolgW-« den Nummer Berücksichtigung. 38. Jahrgang. Leipzig, den 21. April 1874. JW 17. Anhalt. Leitende Artikel: Die religiösen Strömungen. — Literarischer Wochenbericht: Berlin. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Erfurt. Trier. — Oesterreichisch-ungarische Monarchie: Wien, Bon der Donau, Krakau.-Schw er z: Bern. — Rumänien: Bukarest. — Serbien: Belgrad. — Nachtrag: Breslau. — Feuilleton: Jntriguen vor siebzig Jahren. X. — Vermischtes. - £etbwd& €L%hkei. Bonn, den 15. März. ‘ Die religiösen Strömungen. In dem 6oro>e urtistilsuo et littärrlire zu Brüssel, einem Vereine, der über zwölfhundert Mitglieder aus den besten Ständen der belgischen Hauptstadt zählt, werden gegenwärtig 'Vorlesungen gehalten, zu denen namhafte Gelehrte, hiesige und französische, berufen werden. Vor Kurzem hielt der Großrabbiner Herr E. A. Astruc einen Vortrag über politische Gewalt und daS Priesterthum in der mosaischen Gesetzgebung. Es liegt uns ein Bericht der Indäpendanee beige vor, der mit den Worten beginnt: „Der ehrenwerthe Großrabbiner behandelte diesen Gegenstand mit der offenbaren Neigung der Unparteilichkeit, mit einer verhältnißmäßigen Freiheit des Unheils und einer Unabhängigkeit des Geistes, die in der Stellung, welche er einnimmt, sehr bemerkenswerthist. Herr Astruc hat, wie bte lndöpendance bemerkt, den Zweck gehabt, Jrrthümer und Vorurtheile, welche über Moses und sein Werk verbreitet sind, zu beseitigen, und die Gotteslehre in ihrer Reinheit und die priesterliche Organisation als ohne alle politische Macht darzustellen; auch über den oft ventilirten Umstand, daß Moses über die Unsterblichkeit der Seele geschwiegen, suchte er das rechte- Motiv in's Licht zu stellen. Den näheren Inhalt dieses Vortrages, welchem die Klarheit und die Eleganz der Sprache nachgerühmt wjrd, können wir hier aus jenem kurzen Referate nicht wiedergeben, und sind auch die betreffenden Gegenstände in Deutschland, und namentlich in diesem Blatte oft genüg und ausführlich erörtert worden: Für uns ist im Augenblicke mehr die Beurtheilung interessant, die derselbe gefunden. Die' Indßpcndance sagt:; „Der Zweck des Redners war nicht, seine Lehre zu verbreiten, sondern dieselbe zu erklären. Könnte man damit behaupten, daß seine Conferenz den Charakter eines kritischen, durchaus wissenschaftlichen Studiums gehabt hätte? Sicherlich nicht. Herr Astruc hat den Verstand gehabt sein Priestergewand in der Garderobe zu lassen, aber nicht die Schwäche gezeigt, feine Eigenschaft äls Priester zu verleugnen. Er hat weder als ein bekehrungssüchtiger Prophet, noch als rationalistischer Freidenker gesprochen; erhielt die Sprache eines Gläubigen, welcher den Rechten des Verstandes zu huldigen weiß, ohne jedoch seinem Glauben zu entsagen, eines Mannes der Kirche, welcher zu gleicher Zeit ein Mann der Welt ist, dieses letztere im ernstesten Sinne der Gesellschaft und am wenigsten im leichtfertigen Sinne des Wortes." In dieser Beurtheilung scheint uns die Bedeutung für die Bestrebungen des Herrn Astruc, mit welchen er in jüngster Zeit hervorgetreten — wir erinnern z. B. an seinen Aufsatz über den Propheten Jona im zweiten Februarheste der rävuo de 6elgique — zu liegen. In Belgien giebt es bekanntlich nur zwei Parteien: auf der einen Seite die strengste katholische Orthodoxie, auf der anderen die der libre penseurs, des extremsten Radikalismus. Diese beiden allein führen das Wort, eine dritte ist zumeist zum Stillschweigen verurtheilt, oder kann sich nur schüchtern vernehmbar machen. Auch das Urtheil der Indspendaime giebt davon Zeugniß. Alles, was aus der positiven Religion quillt,