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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-04-14 · Heft 16 (14.4.1874) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 16 (14.4.1874)
Date
1874-04-14
Page
Seite 261 (sequence 3)
Language
German
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261; ,, Das hat man nicht Alles darüber gesprochen, entweder: anerkennend oder tadelnd, daß sich die Juden für das „auserwählte BolkGottes" angesehenund ansgegeben haben! Wir wollen in dieses vielbesprochene iThema , nicht eingehen, .. nicht hervorheben,, däß - die Geistesheroen des: israelitischen Volkes, trotz all' den Bedrängnissen und Verfolgyngen durch die -Völker, doch-stets verkündeten, daß diesen Allen-schließlich die Gotteserkenntniß und die Anbetung des - einig einzigen Gottes, diese eigentlichen Besitzthümer Israels, zukommen werden, so daß dieses sich nur , als ein .Werkzeug Gottes betrachtete. Werfen wir vielmehr hier nur einen Blick auf das Verhältniß,; das sich die Juden: zu den Nichtjuden - und die Griechen zu den; Nichtgriechen dachten. ■ Es liegt: Dies ausgesprochen in der:: Bezeichnung der Juden 7,}. und der. Griechen ßdgßagos. Noch Plato (Polilic. p. 262. D.) thejlt das ganze Menschengeschlecht in zwei ungleiche Hälften, in Barbaren und Hellenen. : Das Wort Barbar hatte den gehässigen und verächtlichen Begriff des Unfreien, Knechtischen, Feigen, Unedlen, Rohen. Die Hellenen glaubten,. daß sie zu Sieg und Herrschaft über alle Barbaren berufen seien. Schon zu Homers' Zeit, bezeichnete ßccgßaQos alle^ die Untugenden, welche die Griechen als in: Widerspruch mit ihrer Volksthümlichkeit betrachteten und wandten es an auf tyrannische Gewaltherrschaft und knechtischen Gehorsam, Feigheit, Ueppigkeit,. Rohheit, Mangel an liberaler Ausbildung des Leibes und: - Geistes, auf allseitige Gemeinheit, uMj in diese Eigenschaften glaubten sie alle nichthellenischen Völker versunken. .So häufig bei allen Schriftstellern von. Herodot an. Diese. Schilderung entnehmen wir von Roth und Grotefend um nichts parteilicher Darstellung gezecht zu werden. Ist hiervon nun eine: Spur in dem israelitischen Ausdrucke Gewiß nicht. DieWurzel bedeutet.nichts Anderes als: einkehren,- sich aufhalten, auf> eine lgnge oder kürzere Zeit doch immer als Fremdling sich niederlaffen. - Ebenso, das ndi'p, in welchem die Dauerhaftigkeit des:-sich: Niederlassens.mehr ausgesprochen ist. Erst spät erhielt ^. .die Nebenbedeutung des Proselyten. Wie aber der Ausdruck nichts enthält, als daß der; „Ger" von einem fremden Volke - ab-, stammt, nichts Feindliches und nichts Verächtliches, so lese man Nur.die.gesetzlichen Vorschriften über die Behandlung desselben nach,-wie jeder gegen ihn geübte Druck als ein Frevel an Gott angesehen, Schutz und Unterstützung desselben als ein Verdienst gepriesen.undihm das. gleiche Recht, wie dem Einheimischen: (n*m), B. auch der Anspruch an : die: den einheimischen Armen zugesicherten Wohlthaten, zugestanden wurde. Der klaffende .Gegensatz zwischen der hellenischen und israelitischen Anschauung . geht hier überaus klar hervor; die Gleichheit aller: Menschen uor Gott, die Einheit des Menschengeschlechtes ist hier; nicht - blos principiell, sondern auch, als bestimmte Anschauung des -Volkes charakterisirt, auch wenn die nichtisraelitischen. Völker mit dem .Worte: a-na bezeichnet werden, hat Dies an sich keine Nehenbedeutung, - da Israel selbst .tw genannt wird. -. . .. /?lus - dieser Betrachtung gehen wir leicht zuder Vorstellung: über, welche sich -dieselben -beiden Völker von der Zukunft des Menschengeschlechtes machten. Es ist nun bekannt, daß Griechen und Römer, wie schon Hesiod und nach ihm so viele Dichter schilderten, z. B. Ovid, vier aufeinander folgende Zeitalter sich dachten, ein goldenes, silbernes,, kupfernes und eisernes, in welchen das Menschengeschlecht immer größerer Entartung anheim falle und seinem -völligen Untergange zuschreite. Das gerade Gegentheil bei den Israeliten. Sie nahmen zwar auch einen anfänglichen Zustand völliger Unschuld an; aber die Entwickelung der Sündhaftigkeit griff rasch um sich, und wurde unter dem Einfluß der Abgötterei zu allgemeinem Sittenverderbniß. Aus diesem werden die Völker durch göttliche Strafgerichte zur Läuterung gebracht werden, und dann wird ein allgemeines Reich der Gotteserkenntniß, der Gleichheit, der Gerechtigkeit und des Friedens anheben. Diese Vorstellung wirb bereits im dritten und fünften Buche Moses für das israelitische Volk ausgesprochen: die Propheten dehnen sie aber auf alle Nationen aus, und die später» Juden prägten sie in der Messiasivee,: in der Lehre vom messianischen Reiche, der messianischen Zeit aus. Sie gipfelte bei den Propheten in den Sprüchen: „In, jener Zeit wird, wie der Ewige einzig ist, sein. Name (Anerkennung und Anbetung) einzig sein auf der ganzen Erde," und „In jener Zeit wird kein Krieg sein unter den Völkern, sondern Gott ihr Schiedsrichter und Jeder wirb sicher wohnen unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum." Immer also sieht das israelitische Volk die. Menschheit in einer zukünftigen Verklärung.*) *) Ganz besonders spricht hierfür Cap. 2 des Buches Daniel, wo die Idee der vier Weltalter, welche auch bei den asiatischen Nationen vorhanden war, aus dem fremden Boden auf den israelitischen verpflanzt, hier aber der israelitischen Anschauung gemäß umgestaltet worden. In dem berühmten Traume des Nebuchadnezzar erscheint.eine riesige Gestalt mit goldenem Haupte, silberner Brust, kupfernem Leibe, seine Schenkel von Eisen, seine Füße zum Theil. aus Eisen, und zum Theil von Thon. Es stellt Dies die aufeinanderfolgenden Weltreiche vor, ein Stein stößt auf die Gestalt und zermalmt sie, und der Stein wird zum Berge, und Dies.-ist das Reich, das der Gott des Himmels aufrichtet, das in Ewigkeit' nicht zerstört wird, und in welchem kein Volk einem andern unterworfen ist. In uuserm Commentar zur Stelle weisen wir alle die Versuche, bestimmte historische Reiche hierin angedeutet zu finden, zurück, und sehen nur allgemeine. Ideen darin versinnbildlicht. Wir sagen daselbst: -.Daniel drückt nur den Gedanken .aus, .daß kein menschliches Reich bestehend wäre, daß vielmehr eines auf das andere folgen, und das vorhergehende zertrümmern würde, daß aber die Sittlichkeit in ihnen und durch diese beständigen Vernichtungskämpfe immer mehr sinken würde, bis sie so an sich aus Stärke und Schwäche, aus Bestand-und Gebrechlichkeit gemischt, so in sich verworren (V. 41—43) würden, daß ihr Ende von selbst gegeben und durch unmittelbare Einwirkung Gottes herbcigeführt würde; an ihre Stelle träte dann ein seiner Natur nach unwandelbares (Stein) Reich,'dessen Herrschaft keinen andern (wie die vorhergehenden d. h. keinem einzelnen) Volke überlassen wird" (V. 44), ein allgemeines, ewig bestehendes, von Gott unmittelbar gegründetes Reich der Menschheit. Dies ist die: allgemeine Idee über die Zukunft der Menschheit, welche Daniel aus sehr sinnige Weise versinnbildlicht, und'die ebensowenig erkünstelt auf specielle geschichtliche Fakta gedeutet zu werden braucht, wie die der griechischen Dichter von den vier Zeitaltern. Wir sehen vielmehr den jüdischen Seher hier diese allgemeine antike Anschauung im israel. Geiste umwaudcln durch die endliche Folge eines messianischen Reiches, welches, die Versöhnung der menschlichen Wirklichkeit mit der göttlichen Idee eines vollkommenen Zustandes der Menschheit vollbringt; 16*

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