Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1874)
- Date
- 1874-03-31
- Page
- Seite 238 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Daher 'der große Reichthum lan Formen: in den indogermanischen, der^ Reichthumau Wurzeln in den. semitischen Sprachen.*) In diesem Sinne schreibt der Verst jenen den Charakter des Formalismus, diesen , den des Materialismus bei. Soweit ist es gut, wenn er aber nun diese Erscheinung erklären will, wenn er ferner Aufschluß sucht, wie dennoch beide Sprachengruppen einen gemeinsamen /Ursprung hätten haben können, wenn er aus dieser Verschiedenheit des Wurzelcharakters alle geschichtlichen. Erscheinungen der beiden Völkerfamilien zu deuten sich bemüht: so geräth er. in die kühnsten. Hypothesen ., in die ärgsten Widersprüche und Behauptungen, dip geradezu geschichtlich unwahr sind. Schließlich ' kommt es wieder darauf hinaus, die Jndögermanen vorzugsweise zu verherrlichen. Die Stelle unseres Blattes, in welchem wir diese Bemerkungen, gebracht, zeigt schon, daß wir uns auf eine Bestreitung dieser Sätze nicht abermals einlassen wollen. Der Strom der Zeit führt sie doch wieder dahin. Nur eine Bemerkung. Die Herren vergessen stets, daß im Laufe der Weltgeschichte, immer andere Völkerschaften waren, welche den Vordergrund in der Civilisation einnahmey, und daß man deshalb in der Beurtheilung der Höhe, welche die verschiedenen Völkerschaften eingenommen, nicht vergessen darf , die frühere oder spätere Periode ihrer Blüthe in Rechnung zu bringen. Wenn z. B. der Vers, meint, Anstand und Sitte seien bei den Jndögermanen zu größerer und feinerer Ausbildung gekommen, während die Semiten wenig darauf achteten, so würde ihm schon ein vergleichender . Blick auf die Kreuzfahrer und die damaligen Araber von der Unrichtigkeit seiner Behauptung überzeugt haben, wenn es nicht überhaupt sehr fraglich wäre, ob Anstand, Sitte, Ceremoniell, Etikette noch jetzt in der mohamedanischen Welt minder entwickelt seien, als in der europäischen. Die erfahrensten Reisenden behaupten, daß das Uebergewicht in der ersteren sei. Ein eigenthumlicher Blick, wie ^die Geschlechter nacheinander vergehen und ein Geschlecht nach dem andern aus der Reihe der Lebenden verschwindet, drängte sich uns in diesen Tagen auf, als wir den 82. Jahresbericht der bekannten „Gesellschaft der Freunde", (zu gegenseitiger Hülfe) in Berlin erhielten. Die Gesellschaft ist 1792 . gegründet, hat bis jetzt 1243 Mitglieder gehabt und im gegenwärtigen Augenblicke 451. Von' den jetzt lebenden Mitgliedern sind nur noch einer, der im Jahre 1814, also vor 60 Jahren in die Gesellschaft eingetreten, einer aus. dem Jahre 1815 und einer aus 1819. Aus den in den zwanziger Jahren Eingetretenen leben noch neun, und zwar 2 aus dem Jahre 1820, und unter diesen Dr. L. Zunz (am *) Grill führt als eimBeispiel an. daß für „Zurückkehren" die eigene Wurzel svb besteht; es können hierfür noch viele andere angeführt werden, z. B. für „Hinaufsteigen" und „Hinabsteigen" nb? und tt\ Redaction. 17. Januar 1820). Aus den dreißiger Jahren leben noch 33; der zuletzt unter 'diesen Eingetretene ist der Redacteur dieser, Zeitung, der bereits 35 Jahre Mitglied der Gesellschaft ist. Eine andere, allerdings nicht so ernste Bemerkung konnten wir aus dem Verzeichniß der Mitglieder dieser Gesellschaft entnehmen , wie weitverbreitet nämlich jetzt unter den - Juden, Namentlich den berliner, die Orden sind. Von den 451 gegenwärtigen Mitgliedern sind 51 im Besitz von Orden, darunter .6 eines ausländischen Ordens und 14 mehrerer hoher Orden, unter welchen selbstverständlich auch ausländische Orden sind. Dabei ist zu beachten, daß gewiß viele decorirte Juden in Berlin nicht zu dieser Gesellschaft gehören. Jndeß wollen wir nicht unterlassen hinzuzufügen, daß zu diesen mit Orden geschmückten Mitgliedern der Gesellschaft, weder Nr. Zunz, noch der Redacteur dieses Blattes, noch die beiden Rabbiner Aub und Ungerleider, noch die Professoren Rieß (Mitglied der Akademie der Wissenschaften), Lazarus, Stern gehören, und selbst Profesior Traube nur den russischen Annenorden besitzt. Die Wissenschaft und die' Theologie sind also dabei nicht vertreten. In Deutschland wurde seit langer Zeit und nicht mit Unrecht, den französitchen Schriftstellern und Journalisten die Unkenntniß in vielen Dingen, wo man ein richtiges Wissen fordern könnte, oder auch die Nachlässigkeit vorgeworfen, mit welcher sie es unterließen, die Richtigkeit ihrer Angaben und Behauptungen zu erkundend Heutzutage kann man die deutsche Journalistik von demselben. Fehler nicht freisprechen und es ist traurig zu sehen, mit welcher Anmaßung und Sicherhiit oft die gröbsten Jrrthümer vorgetragen werden. Auch ein Publicist kann nicht Alles wissen; aber er muß das wissen, was er sagt,, und nicht Dinge behaupten, die geradezu falsch sind. So sagte jüngst ein „Gelehrter" der „Neuen freien Presse", der für das Verbrennen der Leichen schwärmt, es sei ja bekannt, daß die Griechen, Kleinasiaten, die Orientalen überhaupt, die Römer und Juden die Leichen verbrannten. Dem Manne ist eben bekannt, wovon Anderen das gerade Gegenthcil bekannt ist. Nicht einmal bei den Griechen und Römern war das Verbrennen der Leichen gnnz allgemeine Sitte; bei den Orientalen und besonders bei den Juden war das Verbrennen der Leichen völlig ungebräuchlich, und die Assyrer, Babylonier und Perser-begruben ihre Todten, sowie, es auch ,die Aegypter thaten. Die Juden begruben sogar die Leichen ihrer erschlagenen Feinde, und in der Weissagung Jecheskel's über Gog wird dem Volke befohlen, sich ays dem ganzen Lande zu versammeln, um die Leichen der getödteten Feinde in einem Thale zu begraben; sieben Monate wird Dies erfordern, und dann soll man noch das Land durchziehen und etwa liegen gebliebene einzelne Lachen begraben. (39,11—16.)