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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-31 · Heft 14 (31.3.1874) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 14 (31.3.1874)
Date
1874-03-31
Page
Seite 236 (sequence 12)
Language
German
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236 sagen wir. Denn in Wirklichkeit Hatte sich .der. Vorstand Hier wie in fast allen Gemeinden die Allgewalt zugeeignpt und die, Achtzehnmänner fast ganz zur Untätigkeit gebracht. Reh Meyer forderte..nun diesmal in seiner Eigenschaft, als. Dbmann und Dajan, vom Vorstande gehört zu werden. Wohlweislich chatte er sich mit keiner Vollmacht von den Achtzehnmännern dazu versehen; denn er war der Zustimmung dieses Collegiums in dieser Sache gar nicht sicher. Es waren einige.heißblütige junge 2Mnrier darunter, die. großes Ansehen besaßen, selbst, unser Daniel, und Sinifon, welche ihm den Sieg'sehr streitig gemacht hätten. Der Vorstand bewilligte ihm. die Audienz. Reb.Meyer polterte, nun. eine heftige Rede gegen die Predigt heraus, die nicht ohne Eindruck blieb, und den Einen unt> den Andern der fünf Vorstandsmitglieder zu ihm herüber zu ziehen schien. Man hatte schließlich ihn auf den zu fassenden Beschluß vertröstet, aber, dieser Beschluß — war ausgeblieben. Der. hochpreisliche Senat wußte offenbar nicht recht, was er thun solle, da er von beiden Seiten so arg bestürmt ward. Da ist es immer am klügsten, Zeit und Gelegenheit abzuwarten. Aber Reb Meyer wußte, was er zu thun habe: er wußte eine starke.Partei aufzuwühlen, um den. schwankenden Vorstand zur Nachgiebigkeit zu nöthigen, und vielleicht, auch einen Beistand von oben her erwirken. Jetzt kennen. unsere Leser das Terrain. genügend, auf wel-, chem sich, das Weitere abspielen mußte, und wir können den Reb Jekef .auf .seinem Wege zu Herrn Katzenellenbogen begleiten. Es war ein stattliches Haus, auf der Hauptstraße, in welchem der Letztere wohnte. Es war sehr still und feierlich in. diesem Hause. Im untern Stock wie im obern wohnte ein kinderloses, ältliches Ehepaar. Das untere hatte in. einer Ecke des .Gebäudes einen kleinen Laden mit allerhand Kramereien, der wenig frequentirt ward. Die Treppe zum obern Stock war mit Teppichstreifen belegt, und die Klingel am Vorzimmer gab nur einen milden Ton von sich. Die Thüre ward geöffnet, mtd der Melammed ließ sich .melden. .Er ward .eingelassen, und schlich, leise auftretend, durch, das Bor-, zimmer nach der Studierstube seines Beschützers. Es war.,ein langer dreifenstriger Saal, aus drei.Seiten prangte eine reiche Bibliothek aus Regalen, in der Mitte.ein schöner Arbeitstisch von Folianten bedeckt, Reb Meyer in einem Lehnsessel davor, aber nicht allein. Ein untersetzter und doch magerer Mann stand vor ihm - und zog sich beim Eintritt, des Melammed in. eine Fensternische zurück. Da stand,er,.das^etwas ausdruckslose Gesicht zu Reb Meyer, wie ein Planet nach seiner Sonne gewendet, er stand, aber nicht bewegungslos. Der" Mann hatte die Gewohnheit angenommen, ..den-.linken Fuß vor den rechten hinauszuste.llen und nun. den Körper von.einem Fuße auf den andern vorwärts und rückwärts zu bewegen, ohne..den Fleck, auf dem er .stand, zu .verlassen. Er mochte. Dies . früher bloß , heim Beten gelhan .haben,, jetzt that er es. unablässig, und maw ngnntx ihn deshalb Reb Roßen Schaukler. ' Er war ein bigotter, beschränkter Mann, gutmüthig und wohlthätig, wo seine Bigotterie nicht in's. Spiel.kam, ein unbedingter'Verehrer des Reb Meyer und darum, in besten.Hand ein rüstiges Werkzeug. Rebbe Roßen war ein reicher. Mann, , uyd deshalb Viele in der Gemeinde von. ihm .abhängig. Als Vertrauter des.Reb Meyer konnte.er der Unterredung anwohnen. . Reb Meyer,blieb ruhig in seinem bequemen Lehnsessel sitzen, und schaute mit einem etwas verächtlichen Blicke t auf den Melammed, der demüthig neben der Thüre stehen geblieben. Er war in einem kostbaren Hauspelz. gekleidet, von stattlicher, etwas beleibter Gestalt; seine breite runzliche Stirn, die buschigen Augenbrauen, die scharfen stechenden Blicke, die Adlernase und die tiefen Linien um den Mund gaben ihm den Ausdruck der Intelligenz, dem jedoch das spitze Kinn und vor. Allem die flachsgelbe Allongenperrücke, Pie er nur des Nachts von seinem Haupte entfernte, etwas Karrikatur beimischten. Mit seiner etwas heiseren Stimme redete er, den ausrangirten Kinderlehrer an: „Nun, Melammed, was-habt Ihr ausgerichtet?", „Was ich ausgerichtet? Nicht viel, und doch Alles!" „Was soll das bedeuten? Räthsel kann ich nicht leiden; sprecht deutlich!" . „Nu, ich habe dem Rebbe nach und nach Alles beigebracht, aber es hat nicht verfangen wollen.. Zu der Schul' hat er den Kopf geschüttelt, , von der Geschichte .am Eres Peißach hat er nichts , wissen, wollen., weil er sich noch immer über die Tischd. Bof-Geschichte ärgert, daß sie, wie er meint, in den Sand verlaufe. .Das Preidigen hält er für ein Kinderspiel, das die Leute bald überdrüssig würden, aber —" der Mann lächelte dabei in sich hinein. ,. „Nun, aber" rief Reb Meyer ärgerlich. . Als.ich dem Rebbe sagte, daß ihm seine Drosches genommen werden sollen — woran doch kein M.enfch denkt — und die Leut' über sie lachen — was gewiß wahr ist — da ist er fuchswild geworden, und hat mich hinausgewiesen, und ich bin auch, gegangen. Ihr könnt sicher sein , Reb Meyer, daß Ihr ihn jetzt .um die.Finger wickeln..könnt, wenn Ihr ihm seine Drosches versprecht." .. . Reb Me,yer lächelte,. Rebbe Roßen sah erregt drein, denn ihm waren die Droschös., mochten sie beschaffen sein , wie sie wollen,. eine ernste heilige Sache, deren Anhören schon, auch, ohne Verständniß, ein frommes Verdienst sei. Das'wußte Reb Meyer, und legte sein Gesicht schnell wieder in seine, ernsten Falten.. „Nun," sagte er, „die soll und muß er auch behalten; das ist ja auch das Einzige, , was der Rebbe. thut. Ich glaube auch, .daß Niemand daran, denkt, sie ihm zu nehmen; so viel,Äireh (Gottesfurcht) habezi sie doch, noch Me. .Nun Melammed, kommt her,, ich. will .Euch, noch einen Auftrag geben.".. Dieser, wußte wohl, was..dqs,„ko,wmt.hep" zu bedeuten..habe. .Er.trat an,wie Seite des Lehnsessels und hielt seine rechte Hand etwas hin, in welche Reb Meyer einige Groschen fallen ließ, so jedoch, daß

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