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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-31 · Heft 14 (31.3.1874) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 14 (31.3.1874)
Date
1874-03-31
Page
Seite 235 (sequence 11)
Language
German
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235 nach alter Weife zu sein, und viel zusammengestoppeltes profanes Wissen, aber ohne.Gründlichkeit und Methode. Was Wunder, daß er da mit dem Talmud vorrückte, wo er einen profanen Gelehrten, und mit seinem profanen Wissen, wo er einen Talmudisten vor sich hatte. Er schrieb ein gewandtes Hebräisch und ein richtiges und doch schlechtes Deutsch. Stark war er wirklich im Rechnen und hatte einige arithmetische Abhandlungen in hebräischer Sprache drucken lassen — auf eigene Kosten — die Jedermann rühmte, doch Niemand gelesen hatte. So wurde er in der That von dem großen Haufen für einen außerordentlichen Gelehrten gehalten, während die Zunft selbst ihn von keiner Seite anerkannte. Dies hatte ihn verbittert, ja grimmig gemacht, und da ihm ein beißender Sarkasmus zu Gebote stand, war er gefürchtet. Wer gefürchtet wird, steht nahe daran, gehaßt zu werden. Er hatte den Ruf strenger Frömmigkeit um sich gebreitet, ohne nicht dann und wann zu erkennen zu geben, daß er auch der Bildung und Aufklärung zugeneigt sei, wenn sich diese mit jener verständigen wollten. In der letzten Zeit war er mehr auf die Seite der ersteren getreten, und das war so gekommen. Als jene jüngeren Männer den Plan gefaßt eine Freischule zu gründen, hatte sich Reb Meyer bereit erklärt sich ihnen anzuschließen — zu ihrem großen Schrecken; abweisen durften sie ihn nicht, weil sie ihn bei seinem großen Ansehen nicht von vornherein zu ihrem Gegner machen durften. Da er auch vorkommenden Falles — und zwar gratis — als Dajan fungirte, hätte es alsbald , wenn sie ihn ausgeschlossen, geheißen , sie wollten mit ihrer Schule die Religion gänzlich untergraben. ' Und doch hatten sie nicht bloß das Geld der Neichen, sondern auch die Kinder der Armen nöthig, um ihren Plan auszuführen. Sie nahmen ihn scheinbar mit großer Freude in ihr Comiw auf, und es war ihnen Dies auch von Nutzen. Aber was kommen mußte, kam. Sofort wollte Herr Katzenellenbogen das ganze Unternehmen beherrschen; er wollte Vorsitzender sein, er die ganze Anstalt einrichten und leiten. Und dochAwaren seine Ansichten so confus, so unmethodisch und ohne Zusammenhang; er wollte schließlich, damit Niemand draußen an seiner Rechtgläubigst zweifle,- doch wieder das Cheder vorherrschend und die Schule so nebensächlich'machen, daß die jungen Männer mit ihm in den heftigsten Streit gerathen und ihn zuletzt doch vor die Thüre setzen mußten. Von da ab war er der grimmigste Feind der Schule, der bitterste Gegner der Lehrer, und trat mit allen möglichen Schikanen gegen sie auf, immer natürlich unter dem Vorwände die Religion zu vertheidigen, das Iuventhum sei in Gefahr, die Gemeinde werde versündigt und' der Zorn Gottes sei jeden Augenblick zu erwarten , der über Schuldige und Unschuldige losbrechen werde! .. . Fügen wir nur noch hinzu, daß er ein unabhängiger Mann war; sein ererbtes Vermögen hatte er zwar aufgezehrt; aber seine Stiefsöhne — er selbst war kinderlos — waren reiche und angesehene Männer' in der preußischen Hauptstadt geworden, und ließen es ihm' alt Mitteln nicht fehlen. Bei Gelegenheit zeigte er sich auch durchaus nicht karg, sowohl bei Gelegenheiten , als gegen die, welche sich nachgiebig oder gar kriechend gegen ihn benahmen. Schwer hatte es ihn daher getroffen, als die Prüfung der Schule so glänzend ausgefallen war. Er hatte ihr selbst angewohnt, in der heimlichen 'Absicht, recht viele Veranlassungen zu sammeln, Tadel und Spott über die Schule, die Lehrer und das Comito auszugicßen. Aber die allgemeine Befriedigung und besonders das Lob der christlichen Zuhörer — auf solches pflegen unsere Glaubensgenossen stets das größte Gewicht zu legen — schlossen ihm den Mund. Nun aber der Plan zum Vorschein gekommen, eine Gemeindeschule daraus zu machen, kannte sein Zorn keine Grenzen. Ja, als nun gar an den Vorstand der Gemeinde das Verlangen gestellt ward, das Predigen einzuführeu, rüstete er sich zum Kampfe. Er hätte vielleicht gegen das Letztere nichts gehabt; auch war ihm der Hirsch Schreiber-nicht allzusehr zuwider, denn dieser Mann in seiner Charakterschwäche zeigte sich ihm stets bescheiden und womöglich willfährig. Aber es sollte hiermit wieder etwas eingerichtet werden, woran er keinen Theil hatte, wobei er nicht hervortral und glänzte, sondern ein Anderer. Träte er doch auch hierdurch, meinte er, immer mehr in den Hintergrund. Anders verhielt es sich mit dem Lehrer Bernhard; gegen diesen war er geradezu feindlich gesinnt. Abgesehen davon, daß Bernhard ihn, den Reb Meyer Katzenellenbogen, in Allem weit überragte, im talmudischen, wie;im profanen Wissen ,' im hebräischen, wie im deutschen Style, was bereits bei mehreren Gelegenheiten auch dem Publicum bewußt geworden, hatte ein kleiner Vorfall den Reb Meyer in volle Entrüstung versetzt, da er ihm zeigte, daß selbst im Sarkasmus Bernhard ihm die Spitze bot und die Lacher auf seine seine Seite gebracht hatte. Bernhard hatte eine kleine gediegene Schrift veröffentlicht. Voran stand, wie das damals gewöhnlich, ein Verzeichniß der Pxänumeranten. Bernhard hatte, um dem Herrn Kätzenellenbogen seine Achtung zu bezeugen, dessen Namen ebenfalls unter den Abonnenten aufgeführt und ihm ein Exemplar zugesandt. Reb Meyer, der an der Schrift viel zu wenig auszusetzen fand, ließ dem Bernhard das Exemplar zurückstellen und sagen: wie er sich unterstehen könne, .ihn, ohne ihn zu fragen, unter den Abonnenten aufzuführen. Bernhard ließ ihm die Antwort zukommen: Reb Meyer solle sich zufriedengeben, er werde ihn unter den Druckfehlern anführen. Das machte den Grimm des Herrn vollständig. Die witzige Erwiderung war in der ganzen'Stadt bekannt geworden. Im Vorstande hatte die Forderung, die Predigt wenigstens für die Festtage einzuführen, weder durchgreifenden Anklang nockentschiedenen Widerstand gefunden, man war getheilt und schwankend darüber^ Sofort hatte sich Reb Meyer aufgemacht, bei dem Vorstande zu interveniren. Er hatte das Recht dazu, denn er war der Obmann der achtzehnVertrauensmänner, die dem Vorstande zur Berathung und Controle zur Seite stehen sollten. Sollten, 14*

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