Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1874)
- Date
- 1874-03-31
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
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von Schülern; die sich um den Baron v. Holbach versammelten, und deren wüster Epikuräismus mit: vem entschiedensten Materialismus eine nicht minder; entschiedene Verhöhnung aller Sittlichkeit verband? In dem aus diesem Kreise - hervorgegangenen Syst&ne de la nature wird die Natur als eine Maschine, die Moral als ein Vorurtheil bezeichnet. Offen wird gepredigt, daß man das Laster, sobald es uns glücklich zu machen verspreche, lieben müsie. In seinem Buche ve l’Esprit verkündigt Helvetius als einzige Norm für den Weisen die Selbstsucht, schildert er als vernünftiges Muster des Lebens die verdorbensten Sitten großer Hauptstädte, erklärt er die Ehe und Familie, für den größten Unsinn. Und: der schmutzigste unter diesen Chnikern, LaMettrin, durfte sich, der Gunst Friedrichs b; Gr. rühmen! , Solche weitläufigen theoretischen Schriften drangen freilich nicht in-'s Volk; aber, es fanden sich bald - eifrige Literaten, die dafür sorgten, daß dieses Gift sich in die weitesten Kreise, verbreitete, theils durch Romane, wie die Marmontel's, - theils durch populäre - Verherrlichungen des. Atheismus, wie die Naigeon's und Marechal's. Und ganz ebenso, wie in den Zeiten der Cäsaren,: wurde dieser theoretische Epikuräismus im großartigsten Maßstabe in der Praxis durchgeführt, nicht allein von seinen Verkündigern, sondern von der gesammten höhern und bald auch niedern Gesellschaft. Der Adel und das Beamtenthum schwelgten in unglaublicher Liederlichkeit!auf: Kosten des von Frohnden, Steuern und Abgaben ^unerträglicher-Weise gedrückten Volkes. Betrügliche! Finanzbeamtendurften colossale Vermögen znsainnienscharren, indem sie die Großen und Minister bestachen . ' Die Vornehmsten des Reiches, wie z. B. der Herzog v. Richelieu und der berühmte Marschall v. Sachsen, entblödeten sich nicht, den Staat um Millionen zu betrügen. Die Armee war unter der allgemeinen Gewissenlosigkeit nicht minder in völliger Auflösung, als die Verwaltung. Die höchsten Beamten wurden nach Gutdünken der königlichen Geliebten ein- und abgesetzt. Wozu noch weiter schildern, wie die vornehmen Damen sich zur Ehre, den königlichen Maitressen anzugehören, wetteifernd drängten? wie die Entsittlichung alle Classen der gebildeten Welt ergriff? wie Justiz und Polizei in den Dienst der brutalsten Leidenschaften der Großen gestellt wurden? Das Alles ist zu bekannt, zu oft beschrieben, um hier weiter ausgeführt zu werden. Es kam uns nur darauf .an, auf den Zusammenhang dieser .entsetzlichen Sittenverwilderung, deren endlichen Folgen die aus demselben Geiste hervorgegangenen Blutszenen der französischen Revolutionen waren, mit dem allgemeines Atheismus und Materialismus 'in den Kreisen der ganz und halb Gebildeten hinzuweisen.' '! ' - Theilweise im Anschluß an den'französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts hat in dem unsrigen diese Anschauung! von neuem eine sehr ausgedehnte Herrschaft gewonnen, vielleicht ausgedehnter als je zuvor, da wir sie von den Höhen der Gesellschaft in die äußersten Tiefen derselben herabsteigen sehen. 'Der Materialismus überwiegt unter dem größten ' Thrill Mr modernen Naturforscher; ^er regiert in weitem Umfange unter den sog. Gebildeten , welche , meinen wiffenschaftlich zu denken und-auf der Höhe moderner Cultur zu stehen, wenn sie sich in recht kühnen Negationen bewegen, recht entschieden mit der Anschauungs- und Gefühlsweise >er vergangenen Jahrtausende brechen. Unter, den Arbeiterclaffen hat die große socialistische Partei ihn-, auf ihre Fahnen geschrieben,, welche der Religion einen nicht minder hartnäckigen Krieg macht, als dem Staate. Dieses Alles ist unleugbar; aber ebenso unleugbar sind die üblen Folgen, die aus diesem Zustande hervorgegangen sind,; Welche ist die natürliche Consequenz des Spottes gewesen, mit dem man alle religiösen, ja alle spiritualistischen Anschauungen, und Jveale reichlich überschüttet hat? Daß das selbstische Interesse, der nackte Egoismus, die ungezügelte Genußsucht an ihre Melle traten. Männer, wie Virchow, Moleschok u. a. m, finden in der Wiffenschafd selbst. genügenden sittlichen Halt, um -der religiösen Leitung entbehren zu können; nicht so die große Masse ihrer unverständigen Nachbeter. Nur das materielle Wohl gilt; nun wohl, warum sollten wir zögern , ihm mit allen Mitteln nachzujagen? welche andere Rücksicht wäre berechtigt, uns abzuhalten, uns zu beschränken auf diesem Wege? Leiblicher Genuß ist das einzige „Ziel in der entgötterten und entgeistigten Welt, und dasjenige, was uns diesen Genuß verschaffen kann — das Geld. Daher dieser wahnsinnige Speculationsgeist, dieses Streben, schnell reich zu werden, sei es auch auf Kosten unzähliger Anderer, durch nichtswürdigsten Betrug. Kein poiiit d’honneur, keine ehrenvolle Familienüberlieferung, kein Glanz hochgeächteter Stellung haben sich diesem Fieber gegenüber stark genug gezeigt, alle Classen der Gesellschaft bis zu den Thronen hinauf sind von ihm ergriffen worden: Und man suchte zu gewinnen, nicht etwa um das-Geld aufzuhäüfen, nein, zum schrankenlosen Genuffe, der nicht minder verbrecherisch und unsittlich war, als die Weise, auf welcher das Geld, nicht verdient, nein, gewonnen worden: Noch ist die Zeit nicht fern, wo es schien, als ob die Wissenschaft selbst, als ob jedes geistige Interesse mißachtet, verschwinden müßte vor diesem kecken Prahlen Mit schändlich erworbenem Mammon, vor dieser ungeahnten Entwickelung gröbster Sinnenlust: Bei dem Taumel dieses Bankettes wollte niemand leer ausgehen; die Arbeiterclaffen förderten und erhielten ihren reichlichen Theil daran.- Aber sie wären nicht zufrieden; grimmiger' Neid und Haß erhob sich unter ihnen gegeu die Reichen, an deren selbstsüchtigen Ausschweifungen sich voll -zu betheiligen sie doch nur durch äußere Nothwendigkeit, nicht etwa 'durch Überzeugung und Grundsätze verhindert wurden! Und auch der natürliche Rückschlag geoM'diesen wilden Taumel verfehlte nicht sich einzustellen. War die Lebenskraft erschöpft, "drohte' ein^ äußerer Unglücksfall, die GenüsseK einzuschränken, zeigte mit öder ohne eigene Schuld die Gesundheit sich geschwächt —' so griff' die gläubens-und' charakterlose Generation zürn Revolver öder zum Chaiikätr.Und als nunallgemein die