Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1874)
- Date
- 1874-03-31
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Freiheit war nicht - mehr-udie Rede^ . Von oben herrschte der schranken lose.Despotismus? des allmächtigen Kaiserthums/ gemildert nur durch den fast regelmäßigen Meuchelmord, dem nach längerer oder kürzerer Zeit der/ Gewalthaber zum Opfer, fiel , um einem neuen, mordgierigen Wüstling Platz zu machen. . Zu den Füßen; desselben krochen im Senate die traurigen Nachkömmlinge der Scipioner und Meteller, Fabier und Marceller. . Das Volk aber, welches einst die Welt sich unterworfen hatte , war zufrieden, wenn ihm Brod und Spiele?-bewilligt wurden, wenn es seinen. Hunger stillen und sein blasirtes Gefühl durch den Anblick mörderischer Kämpfe kitzeln, konnte. Durch alle Mittel der List und unbedenklicher Schlechtigkeit kämpften? bte Günstlinge des Kaisers um Ehren und Reichthümer. Ein wahnsinniger Luxus wurde entfaltet, zumal in Bezug auf Tafelfreuden. Ein einziges Gastmahl kam auf vier, auf sechs Millionen- Sesterzen zu stehen. Ein einziger Fisch wurde mit 5000 Sesterzen bezahlt. Die ganze Entartung aber einer geistig und sittlich heruntergekommenen Zeit zeigte sich in jenem widersinnigen Luxus - der nicht im Genuß, sondern in muthwilliger und unnützer Zerstörung des Kostbaren und Werthvollen seine Befriedigung fand. Theure Singvögel, zum Sprechen abgerichtete Vögel zu verspeisen, galt als ein besonderer Leckerbissen. Man schlürfte im Weine kostbare Perlen herunter, um auf einmal eine Million zu verschlucken.; Nur solche rohen Heldenthaten vermochten noch den abgestumpften Sinn zu reizen! Ebenso zeigte sich die Verschwendung in der albernsten Form im Haushalte. Ein einziger Tisch aus einer seltenen aber modischen Holzart,? wurde mit 100,000 Thalern bezahlt; und solcher, wenn? auch, minder kostbarer Tische,? .soll Seneca, der Philosoph, fünfhundert-.besessen haben, Zu. so? wahnsinniger Höhe steigerte sich die Modeleidenschaft,? für solche Dinge, begeisterten sich die, durch Skepsis und Materialismus jedes-edlern Enthusiasmus beraubten, Römer. Nur Hinweisen wollen wir auf den Luxus, der mit den Sklaven getrieben wurde, welchen die römischen Weichlinge, so sehr alle Arbeit überließen, daß sie sich von ihnen erinnern ließen, um welche Zeit sie in's Bad, wann, zur Tafel gehen sollten! Daß sie Sklaven hatten, die statt ihrer ihre Freunde anreden mußten! Und wenn dann ein solcher ungläubiger Wollüstlig alle Genüsse erschöpft, wenn er^genug „gegessen, getrunken und geliebt" hatte, oder wenn ein Unglück ihn betraf, dann wußte er nichts besseres, als durch Selbstmord in den ewigen Schlaf zu gehen — wie jener Agicius, der sich den Tod gab, weil durch? eigene Schwelgereien sein Vermögen auf nur zehn Millionen.Sesterzen gesunken war! , :? Und unausbleiblich war es, daß unter solchen Umständen das Feuerndes Genius erlosch. Selbst der militärische Muth verlor sich unter den Römern, die ihre Schlachten nur noch mit barbarischen Söldnern zu ^kämpfen pflegten. Die Neigung zu, und die Beschäftigung mit der Literatux waren weit verbreitet; sie gehörtenunabweisbar zum guten Tone. Die Schriftsteller in Mode wurden mit ungehruren Summen bezahlt. Ein Sophist Polemo erhielt für drei Reden 35,000 Thaler. Die Kaiser saßen selbst der Krönung'der/Dichter vor, die in den Wettgesängen den Preis erhalten halten. Der poetische. Dilettantismus hatte in der feinen Welt'solche Dimensionen angenommen , daß manche echtere? Dichter darüber in Verzweiflung geriethen. Aber trotz dieser äußern Hochstellung und Begünstigung der Literatur, trotz der enormen Ueberproduction auf diesem Gebiete, erschien sonst .kein einziger Schriftsteller von originalem Geiste — nachdem die letzten Nachwirkungen der bessern augustinischen Zeit sich verloren hatten. Das Epigonenthum herrschte unbeschränkt. In . den Philosophenschulen folgte man blindlings den Lehren Plato's und Aristoteles', Zeno's und Epikur's, ohne die Spur eines selbstständigen Gedankens. Die Schönheit der griechischen und altrömischen Redner und? Dichter dienten nur zur Erweckung kalter und knechtischer Nachahmungen- und wenn jemand einen eigenen Weg'versuchte, so führte derselbe zu.Schwulst und Verkehrtheit.' Originell erschien nur die Satyre als passendste Ausgeburt einer alternden und sich selbst überlebenden Welt. Aber die Satyrkker buhlten nicht minder als die übrigen Dichter und die Philosophen würdelos um die Gunst der Reichen , ja ihrer Sklaven, denn nicht Ruhm suchten sie zu erlangen oder die Wahrheit zu erforschen, sondern Reichthümer. zu erwerben! Von um so kleinlicherm Neide waren diese Dichterlinge und Sophisten gegeneinander? erfüllt.*) ..?;?;??:; . - ,Nur hinzuweisen brauchen wir auf die entsprechenden Vorgänge. in Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts, die ja allgemein bekannt sind. Auch hier finden wir den schneidenden Contrast zwischen der unwissendenabergläubischen,. allen Vorurtheilen des politischen und religiösen-Despotismus ergebenen Menge und den gebildeten Kreisen, die mit dem Glauben eine jede Schranke der Sittlichkeit in Phantasie und Handeln abgestreift hatten; auch hier eine an sich ungläubige Staatsgewalt, welche aber die von ihr verachtete Religion zum Rade in einer absolutistischen Staatsmaschinerie macht, Glaubensfragen mit Gerichtsdecreten und Haftbefehlen, entscheidet. Der Begründer des systematischen französi- Materialismus war Diderot mit einer, 1749 herausgegebenen Schrift. Nun war er selbst zwar ein Mann von ehrenwerthen Sitten; aber in seinen Romanen zeigt er, wie selbst bei Bessern -der Mangel des Ideals in ver Poeifie zu bloßer Gemeinheit, Ungezogenheit und Schmutzigkeit führt, wie der angebliche Stoizismus Diderots ihn nicht vor niedrigster Einbildungskraft bewahrte. Und ebenso hat Diderotsofort die ganze Intoleranz, ja den Fanatismus des Unglaubens entfaltet, nicht nur in seinen wissenschaftlichen Schriften, sondern indem er in der schrecklichen Dithyrambe der Eleutheromanen das Volk zu allen den Greueln aufrief, die nachher in der Revolution in nur zu weitem Umfange .verwirklicht wurden. Und an Diderot heftete sich ein Kreis Die Einzelheiten über die hier kurz angedeuteten römischen Zustände findet man in den bekannten Werken von Gibbon, Marquardt, Friedlander. ' ' "