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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-24 · Heft 13 (24.3.1874) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 13 (24.3.1874)
Date
1874-03-24
Page
Seite 210 (sequence 4)
Language
German
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210 durch gottlosen Unterricht und ärgerliche Beispiele untergraben, so steht der göttlichen Vorsehung noch ein- Menschenstamm zu Gebote, um. die gefallene Menschheit aufzurichten. Vor 1800 Jahren haben Juden, Christus und seine Apostel, die heidnische Welt aus der thierischen Sittenlosigkeit zur Humanität gehoben; von den Juden kann man auch eine Erlösung der gefallenen Christenheit erwarten, wenn die christliche Kirche durch Aberglauben, die Schule durch Unglauben die Vernunft unterdrücken und. die Thierheit im Menschen herrschend machen. - „In moralischer Hinsicht, sind die Juden den Christen überlegen, übertreffen sie vorzüglich an Besonnenheit, Mäßigkeit, Intelligenz, Wohlthätigkeit, Patriotismus, sie sind keine politischen Wühler, wie. die Ultramontanen und Mucker. Im Jahre 1872 fiel im ehemaligen Teschner Kreise ein gerichtlich Verurtheilter aus 555 Evangelische, auf 574 Katholische, bei den Juden aber auf 833. Der Hauptgrund ihrer höheren Sittlichkeit ist das vernünftige Benehmen ihrer Rabbiner, welche die Wissenschaftnicht anfeinden, sondern nebst der heiligen Schrift auch von ihr in ihren Vorträgen einen zweckmäsigen Gebrauch machen; welche zuaihrer Religion keine Zusätze machen, während der katholische Klerus durch neue Dogmen sein Religionsgebäude zerdrückt. Die Rabbiner schwächen. ihr Religionsgebäude auch nicht durch Wegnahme alter Glaubenslehren, wie manche evangelische Geistliche, welche Moses, Christus, die Bibel vor dem Volke verdächtigen, aus-dem evangelischen Religionsgebäude einen Satz nach dem andern, einen Stein nach dem andern auf der Kirchenkanzel verwerfen, und so die eigene-Kirche zum Falle bringen werden. Der Rabbiner benutzt, aus den heiligen Büchern die Goldkörner, über die Schlacken schweigt er, und weil er nichts Neues zusetzt, nichts Altes verwirft, so bleibt sein Religionsgebäude fest und erscheint als ehr- und glaubwürdig; er achtet seine Gemeinde und die Gemeinde achtet ihn; wechselseitig wollen sie einander durch Unsittlichkeit keinen. Verdruß, keine Schande machen und erscheinen denen nachahmungswürdig, die nicht wollen, daß die Menschheit durch Uehermaß des Genusses, Gewissen und Vernunft ersticke und zur Rohheit und Grausamkeit der Thiere hinabsinke." — Wir. überlassen es unseren Lesern zu beurtheilen, inwieweit dieses Bild geschmeichelt sei oder nicht. Jedenfalls erweist es die vorurtheilslose Meinung des Pater Prutek und daß die Gemeinden, mit denen er bekannt geworden, und deren Rabbiner so beschaffen sein muffen, daß sie in ihm ein so günstiges Urtheil Hervorbringen konnten. . Bonn, 25. Februar. Wir machen hier auf einen interessanten Aufsatz im dritten Heft des 27, Bandes der „Zeitschrift der. Deutschen Morgenländischen Gesellschaft" (1873) über „die Abstammung der Chaldäer- und die Ursitze der Semiten. Von Eberhard Schräder," aufmerksam, ohne in dessen Detail eingehen zu können. Der Verfasser des ausgezeichneten Werkes über die Keilinschriften, über welches wir im vor: Jahrgang berichteten, will zwar der Frage über einen gemeinsamen Ursitz der indogermanischen und semitischen Völkerschaften nicht vorgreifen, nimmt aber einen Ursitz der letzteren an, von welchem aus der semitische Völkerstrom nach verschiedenen Weltgegenden .ausging. Geleugnet den oft behaupteten Ursprung der Semiten in Armenien, sowie überhaupt, daß Chaldäer in Armenien seßhaft gewesen. Die letztere Meinung stützt sich nur auf Xenophon und Strabo, welche aber die Chaldäer mit den Chalybern verwechselten. Nach Schräder ist der Ursitz der. Semiten in Arabien zu suchen, von wo -in einem Schube die Babylonier; Affyrer, Aramäer, Kanaaniter und Hebräer nach Norden in Nabylonien einzogen und . nachdem sie hier länger zusammengesessen, nach Osten und Westen nacheinander auszogen. In die leergewordenen Stätten zogen sich die Nordaraber, während die Himgaren u. A. nach Afrika wanderten und sich in Abyfsinien niederließen. Diese Ansicht schließt Schräder theils aus den Andeutungen der Tradition im 1. Buche Moses, theils aus Aehnlichkeiten der Götternamen, theils und vorzüglich aus den verschiedenen Differenzen und Übereinstimmungen der einzelnen semitischen Sprachen. Im letzteren Momente aber liegt noch das Hypothetische-der ganzen Ansicht. Blickt man auf das ganze Bild der Harmonien-und Differenzen dieser Sprachen, in grammatikalischer und lexikalischer Hinsicht,, so finden sich eben die vielfachsten Züge von Gleichheit und Verschiedenheit in den einzelnen Sprachen, in welchen bald diese mit jener, bald wieder mit einer ganz andern verwandt oder fremd ist, so daß oft die geographisch entferntesten Aehnlichkeiten die nächstgelegenen, charakteristische Verschiedenheiten besitzen. Jn der Beurtheilung aller dieser einzelnen Züge spielt nun die subjective Meinung die Hauptrolle, welche von'ihnerk als dem früheren Zustande angehörig und welche einer späteren Entwickelung entsprossen' seien.. So viele Umsicht und so vielen Scharfblick Schräder hier auch bewährt, so kann doch über die wichtigsten Punkte noch gestritten werden. Als ein einzelnes Beispiel, Vas Schräder innerhalb seiner Hypothese nicht genügend zu erklären vermag, führen wir an den Artikel im Hebräischen und Arabischen, der den übrigen Semiten 'fehlt, und von dem es nicht deutlich ist, wie er. sich gerade bei den Hebräern erhalten haben soll, da sie sich doch am spätesten von den Nordsemiten in Babylonien losgelöst hätten. Ebensowenig stimmen alle Traditionen mit Schräders Ansicht überein. Jedenfalls ist besten .Abhandlung sehr anregend und zu weiteren Debatten führend.

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