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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-24 · Heft 13 (24.3.1874) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 13 (24.3.1874)
Date
1874-03-24
Page
Seite 209 (sequence 3)
Language
German
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209 . -,Dies. und nichts Anderes haben auch die bekannten -Beschlüsse des Abgeordnetenhauses vom 18. März 1870 ,. - und vom 31. März 1871 bezweckt,: indem sie den Bekennern des mosaischen Glaubens die freie Bewegung auf dem Gebiete ihres religiösen Gemeindelebens gewährten und sicherten." „Wenn daher, demgemäß als Grundsatz feststeht, daß, . wie bisher, auch künftighin jede jüd. Cultusgemeinde ungeschmälert das Recht behält, sich ihren Rabbiner und die Lehrer für die Talmud-Thora-Schulen frei zu wählen, ohne an Candidaten aus dem Rabbinerinstitute gebunden zu sein, darf andererseits aus demselben Grunde der volley Gewissens- und Religionsfreiheit auch den zahlreichen, nach Fortschritt in der Cultur strebenden . Gemeinden die sehnlich st begehrte Wohlthat einer gut eingerichteten, auf dem Boden der allen Israeliten gemeinsamen,, mosaisch-rabbinischen Lehre, zugleich aber auch auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung stehenden Bildunganstalt für ihre Rabbiner und Religionslehrer blos darum, weil eine Gegenpartei widerstrebt, nicht länger versagt bleiben." „Dies waren die leitenden Gesichtspunkte, welche den gegenwärtigen Minister füv Cultus und Unterricht bestimmt haben, endlich den letzten Schritt in der schon so lange verhandelten Angelegenheit der Errichtung einer ungarischen- Rabbinerbildungsanstalt zu thun, wozu Se. Majestät mit a. h. Entschließung vom 6. Mai .1873 auch die Genehmigung endgiltig zu ertheilen geruhte." Der weiteren Entwickelung dieses Conflictes wird jeder Theilnehmende gewiß eine gespannte Aufmerksamkeit widmen. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 24. Febr. Die rationelle Kirche Pater Pruteks nebst, einer Autobiographie des Verfassers. lWien und Teschen, Prachaska, 1874.) Diese Schrift ist eine eigenthümliche Erscheinung, die nicht zu übersehen ist und die, wie man uns schreibt, in Oesterreich, selbst in Ungarn Aufsehen erregt hat. Der katholische Pater Prutek fgeb. d. 17. April 1807 zu Teschen in Oesterreichisch-Schlesien), hat sein Leben hindurch als Katechet, aber auch als Lehrer in profanen Lehrfächern, besonders Sprachen eifrigst gewirkt und. zwar unentgeltlich ebenso wie gegen Honorar. Aus seinen Ersparnissen machte er wiederholt wohlthätige Stiftungen zu den edelsten Zwecken. Im Jahre 1864 in den Oesterreichisch-Schlesischen Landtag gewählt, sprach er sich in einer Rede über die Hebung der Landwirthschaft darüber aus, daß die Priester ihren Einfluß auf das Volk mehr darauf verwenden sollten, es fleißig, sparsam und vernünftig zu machen, statt es zu Wallfahrten, Processionen und beständigem Beten anzuhalten. In Folge dessen erhielt er vom Fürstbischof zu Breslau, zu dessen Sprengel Oesterreichisch-Schlesien gehört, den Befehl sein Mandat niederzulegen. Er gehorchte, wurde aber dennoch von allen geistlichen Functionen entfernt und seiner Stelle als Katechet enthoben. Demungeachtet scheint sich Pater Prutek ganz ruhig verhalten zu haben, denn die vorliegende Schrift enthält außer jener Rede und einem Aufsatze aus dem Jahre 1864 nur Abhandlungen von 1870 bis 1873. Auch ihm scheint daher erst die neueste kirchliche Bewegung die Feder in die Hand gegeben zu haben. Oeffnen wir nun die Schrift, so fällt uns sofort als ein Eharakteristicum derselben die folgende Widmung auf: „Dem Hochwürden Herrn Simon Friedmann, Kreisrabbiner von Teschen, aus Hochachtung gewidmet vom Verfasser." Prutek nämlich steht gänzlich auf dem Standpunkte der praktischen Religion. Um Dogmen kümmert er sich gar nicht; jeden Streit über sie hält er für überflüssig und gemeinschädlich; die kirchlichen Ceremonien achtet er, aber nur als „Poesie der Kirche." Er will nichts als Menschenliebe, Wohlthätigkeit, Aufklärung des Volkes zu friedlicher Arbeit, Sparsamkeit und gegenseitiger Hülfe, Beförderung der Wissenschaft und Gehorsam gegen die Gesetze des konstitutionellen Staates. Dies zu lehren und zu befördern, sei die einzige Aufgabe des Priesters. Verfolgt dieser andere Bahnen, so soll er entfernt werden und seine Aufgabe geht auf die Lehrer über. Man sieht hieraus, was diesem Pater die ganze Hierarchie gilt. Prutek geht über den Altkatholicismus und auch über Luther weit hinaus. Er hängt mit kindlicher Gläubigkeit an Gott und mit warmen Herzen am Menschen. Die Confessionen sind ihm gleich geachtet. Prutek ist kein Gelehrter und sein Gedankenkreis ist weder weit noch tiefsinnig. Aber diesen seinen Kreis des Gottglaubens und der Humanität füllt er vollständig aus ohne Rückhalt und Hinterpforten, ohne Bedingung und Beschränkung. In dieser Hinsicht steht er wohl unter seinen Standesgenossen, wenigstens in der Oeffentlichkeit einzig da. Aber seine Ansicht ist so idealistisch und eie Zeitverhältnisse sowenig fürsie angethan, daß seine Schrift wohl ohne große Wirkung bleiben wird, obwohl man von ihm rühmen darf, daß sein Leben seinen Ansichten entsprochen hat und daß er nach ihnen fast ein halbes Jahrhundert handelte, bevor er sie öffentlich aussprach. Hören wir noch des Pater Prutek Meinung über die Juden. Er sagt in seinem „Vermächtniß für die Lehrer" vom 16. Februar 1872 (Seite 47): „Allein, sollte ich mich auch in den Lehrern täuschen; sollte auch diesen der unbedingte Genuß lieber sein, als vernünftige Pflichterfüllung; sollten sie durch Unsittlichkeit, Materialismus und Atheismus an der Geistlichkeit dafür Rache üben wollen, daß sie früher unter ihrer Aufsicht standen und dem Staate die ehrenvolle Stellung, den anständigen Lebensunterhalt dadurch lohnen, daß sie die Wohlfahrt seiner Bürger 13*

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