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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-24 · Heft 13 (24.3.1874) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 13 (24.3.1874)
Date
1874-03-24
Page
Seite 208 (sequence 2)
Language
German
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208 n **. '■ ' <* -T l 4 sf politischen, merkwürdig genug. Wie lange hat man von chnstlichliberaler Seite den Juden vorgeworfen, daß sie sich den Culturmomenten entziehen, daß sitz zwar die bürgerliche Gleichstellung besitzen und zu ihrem Vortheile benutzen wollen,' ihre Ab- und Ausschließung aber behaupten, ihr nationales und exclusives, religiöses und Sittenleben Nicht aufgeben. Und jetzt tritt im ungarischen Reichstage gerade die Linke gegen die Errichtung eines wissenschaftlichen Lehrerbildungsinstitutes für die Juden mit aller Kraft auf und sucht-die orthodoxe Partei zu stützen und zu stärken, Daß hierbei die Linke die Gewissensfreiheit nur in trügerischer Weise zum Borwand nehmen kann, ist offenbar, denn das gedachte Institut trägt irgend welchen Zwang nicht in sich, noch kann es einen solchen zur Folge haben. Es handelt sich um ein , die Obergymnasialfächer einschließendes, die talmudischrabbinischen Disciplinen wissenschaftlich behandelndes Institut — Niemand ist gezwungen es zu.besuchen, keine Gemeinde genöthigt, aus dessen Schülern ihre Rabbiner und Lehrer zu nehmen. Jndeß wir brauchen die Motive der ungarischen Linken hierbei nicht noch einmal zu erörtern, wir haben sie in diesem Blatte schon wiederholt angedeutet. Es kommt aber bei diesem Rabbiner- Institute noch ein rein politischer Grund hinzu. In der Freitagsconferenz des linken Centrums beschloß dasselbe, nicht in die Theilung des israel. Schulfonds zu willigen, aber auch..gegen die Errichtung des ged. Seminars zu stimmen. Warum? Die Errichtung desselben hat bekanntlich die Königliche Sanction erhalten und dies ist schon ein schwerwiegendes Motiv für die Linke, dagegen zu agiren. Dies ist charakteristisch. Demungeachtet, schreibt man uns aus Ungarn, ist an der' Herstellung des Rabbinerseminars nicht zu zweifeln, selbst nicht wenn der gegenwärtige' Cultusminister, Herr von Trefort, seine Demission erhalten haben wird. Dazu trage die Ministerial- Denkschrift des Herrn Rannicher Vieles bei, die einen sehr guten Eindruck gemacht habe. Die Denkschrift ist völlig objectiv gehalten; sie schreitet nur äctenmäßig vor und erweist auf Grund! dieser Acten die Rechtmäßigkeit, sowie die Nothwendigkeit der Errichtung des bewußten Institutes aus den Mitteln des israel. Schulfonds. Im ersten Abschnitt giebt sie die Geschichte dieses Fonds, wie derselbe aus einer Strafcontribution in einen Staatsfond für jüd. Schulzwecke verwandelt wurde und zwar unterm 29. März 1856, als ein untheilbarer Fond. Unter den Zwecken wurde in erster Linie durch allerhöchste Anordnung ein Rabbinatsinstitut festgestellt. Dies ist die allein rechtsgültige Grundlage, und auf dieser wurde durch allerhöchste Sanction vom 6. Mai 1873 die Errichtung des Institutes auf Kosten des Schulfonds zum Beschluß erhoben. An eine Vertheilung des Fonds kann also, aus den Stiftungsbedingungen heraus, gar nicht gedacht werden. Der zweite Abschnitt bestreitet die Petitionen der orthodoxen Gemeinden um Vertheilung des Fonds. Wenn das Abgeordnetenhaus am 18. März 1870 beschlossen hat> den orthodoxen Gemeinden den Bestand freizugeben, so sind diese damit nicht "als eigene Confession im staatspolitischen Sinne anerkannt, „da die staatliche Anerkennung einzelner Kirchem oder Religionsgesellschaften nur im Wege eines^förstilichen ^Gesetzes rechtsgültig erfolgen kann^und weil der Staats nicht/Richter in Glaubenssachen ist, eine solche Anerkennung .stets die Thatsache zur Voraussetzung Habens muß, daß die ReligiönsgenosseNsckaft, welche als solche anerkannt werden will, auf Grund des von ihr selbst ausgestellten oder angenommenen.Glaubensbekenntnisses bereits besteht." Noch weniger gelte dies vom Standpunkte des Judenthums selbst. Die Denkschrift wirft hier einige Blicke auf die Geschichte des Judenthums, die, von einer nicht gewöhnlichen Keuntniß der Geschichte und der neueren Literatur zeugen. Unter den obwaltenden Verhältniffen könne daher an eine'Vertheilung des Fonds gar nicht gedacht werden. Jndeß bezweckten die Petitionen auch gar nichts weiter, als durch die Theilung des Fonds die Errichtung einer Rabbinerschule unmöglich zu machen, gerade wie man früher von derselben Seite die Fonds den Invaliden zugewiesen wissen wollte. Im dritten Abschnitt wendet sich deshalb die Denkschrift zur Geschichte der beabsichtigten.! Anstalt. Dieselbe datirt schon aus den Jahren 1806, 183!, 1837, 1844, in welchem letztern Jahre die Ständetafel bereits eine solche Anstalt beschloß. Es wird hierauf berichtet, wie ganz, bestimmt die Etrichtung eines solchen.Seminars aus dem israel. Landesschulfonds von Seiten der Regierung beschlossen wurde und auf welche Weise diese bis jetzt hingehalten worden. Nachdrücklich wird hervorgehoben, wie auch in jüngster Zeit die orthodoxe Partei alle Volksschulbildung mit dem Banne belegt hat, , und.wie von 92 Rabbinern, die gegen die Anstalt petitionirten, nur 7 ihre Namen mit eigener Hand unterschreiben konnten. Die Denkschrift schließt: „Die Gegensätze, welche das Judenthum nicht blos in Ungarn, sondern seit dem epochemachenden Auftreten Moses Mendelssohns und seiner Schule auch in Deutschland trennen, indem ein Theil dem mächtigen Drange der allgemeinen Culturentwickelung folgend, den Ideen des Fortschrittes und des engern Anschlusses an das gesellschaftliche Leben der Völker huldigt, ohne dem Glauben der Väter untreu zu werden , der andere in jeder Neuerung, fei es auch nur an rltererbten Gebräuchen, eine dem Untergang-drohende Gefährdung der Religion erblickt, ohne aber selbst alle Vorschriften des Ritualwesens, weil mit den heutigen Zuständen des; Staats- und Volkslebens unvereinbar, chatten zu können, lassen sich nicht versöhnen, so wenig als Bewegung und Stillstand sich vereinigen läßt. Es ist ein Kampf, der, weil er auf religiösen Anschauungen und Ueberzeugungen beruht, nur mit geistigen .Mitteln geführt, nicht-durch : : den Sieg der. einen und die Unterdrückung■: der; änderen Partei beendigt werden kann. Jedes zwangsweise Ein- - greifen würde das Uebel nur ärger machen." . - --

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