Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1874)
- Date
- 1874-03-17
- Page
- Seite 200 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Märchen erzählt und weitergetragen, an welchen nichts mehr zu bewundern ist, als der Volkswitz, mit welchem auch die offenbarsten Fehlgriffe des Rabbi zu staunenswerthen Beweisen seiner Wünderkraft umgedreht und gestempelt werden. An pomphaften Lügen fehlt es dabei nicht, und wer will es controliren, wenn die Fremden nach ihrer Abreise zu ihrem Schaden klug werden. Bereits reißt der Wunderglaube auch bei der christlichen Bevölkerung ein. Viele derselben nehmen ihre Zuflucht zu dem Rabbi, und 'es soll uns nicht wundern, wenn nächstens die katholische Geistlichkeit dagegen Maßregeln ergreift. Auch das macht sich schon bemerklich, daß Diejenigen, welche das Judenthum und die Vernunft gegen diesen heillosen Schwindel vertheidigen, gehässigen Angriffen ausgesetzt sind. 8. T. Krakau, 12. Februar. In der jüngsten Zeit ist in politischer Beziehung auch Krakau's und seiner großen jüdischen Gemeinde Erwähnung geschehen, wenn auch der letztern just nicht in einer anszeichnenden Weise. Hingegen hat man lange nichts über die innern Zustände dieser Gemeinde gehört, und doch müssen diese jeden Israeliten, ja jeden Menschenfreund mit großem Schmerze erfüllen, da sie von der traurigsten Art sind und eine Besserung noch gar nicht absehey lassen. Gestatten Sie mir daher, ein kleines und schwaches Bild derselben zu entwerfen. Wer die früheren Jahrhunderte kennt, wird nichts Neues darin finden, denn vor Jahrhunderten war es bei den Juden fast überall so; aber er wird sich außerordentlich wundern, daß es eben noch heute einen Platz giebt, wo dergleichen Zustände noch vorhanden sind, und zwar einen Platz, der nicht etwa in einem entlegenen Winkel Galiziens verborgen und der. Welt abgeschnitten ist, sondern der im Knotenpunkt des Verkehrs und der Eisenbahnen liegt, einen Platz zugleich, dessen jüdische- Bewohner nach Tausenden zählen. In Krakau giebt es keine einzige Religionsschule, wo hebräische Grammatik, wo eine lichtvolle Kenntniß der Bibel, wo Geschichte unseres Volkes den Kindern gelehrt würde, aber anstatt dessen giebt es eine Unzahl Cheders. Wollen wir den Unterricht in diesen Schulen näher beleuchten, schauen wir auf ihre Außenseite, welche Entfaltung der kindlichen Geister können wir durch die Troglodhten dieser Höhlen erwarten? Stelle man sich ein kleines Seitengäßchen, dessen Boden stets Koth bedeckt, stelle man sich darin eine Reihe halbverfallener Häuschen vor, an denen die Fensterscheiben von aufgekleisterten Papieren ersetzt werden, und man hat die hiesigen israelitischen Schulen vor sich. Schon von Weitem vernehmen wir die gellenden Stimmen der heiseren Präceptoren, denen die jugendlichen Chöre ihrer Kinder folgen. Gelangen wir in's Innere, so begrüßen uns sofort vier kahle, vom Rauche der geborstenen Schornsteine dicht geschwärzte Wände, ein hinfälliges Bett, ein hundertjähriger, von gebrochenen Sesseln umgebener Tisch, der unter der Last zerriffener Folianten hinzusinken droht. Oben in einem sangen Kaftan und kurzem Talit sitzt der Lehrer und blickt mit boshaften Argusaugen auf seine demüthigen Sklaven, in deren Gesichtszügen sich die Furcht vor den spanischen Peitschenhieben abbildet. In solchen Lehrstuben erhalten die Knospen Israels ihre Entfaltung. Kaum fangen, die Kinder zu sprechen an, noch sind ihre Organe unfähig die Worte zu ordnen, und schon werden sie von den Boten solcher Elementarlehrer wie die Heerde vom Hirten hergejagt. Sobald die Kinder ihr erstes Lustrum zurückgelegt haben, werden sie aus diesen Elementar - Chedurim entlassen. Trotz der mischnischen Vorschrist gehen sie, ohne die Bibel in die Hand zu bekommen, sofort zum Talmuv über, und allwöchentlich bringt ihnen der Präceptor eine Stelle des Talmuds auf jede mögliche Weise bei, daß sie, ohne jene im geringsten verstanden zu haben, bei der Sabbathprüfung sie herzusagen vermögen, wobei der anwesende Lehrer durch Mimik und geschickte Einlenkung glücklich sie durchbringt. Im siebenten Jahre beginnen die Tosefot-Claffen dann ■»Viznfn und o^po:, der Verstand des Kindes nimmt dann so eine schräge Richtung, daß es außer dem auf jeden Sabbath erlernten Mischmasch nichts in der Welt zu unterscheiden versteht. So wächst der Knabe hier ohne echten moralischen Sinn und wissenschaftliche Bildung bis zu der Periode des Verheirathens von 16—18 Jahren, wo die Eltern ihn für mehr oder weniger einem Schwiegervater übergeben oder vielmehr verkaufen, bei dem er wieder, indem er Kost und Alles, folglich keine Haussorgen hat, talmudische Weisheit betreibt, die er weiterhin aufgeben muß, wenn er sich ohne Nahrungszweig von einer Familie umgeben sieht, für die er doch einmal zu sorgen genöthigt ist, und da fängt er so in die Welt hinein zu handeln an und schwankt von einem Geschäfte zum andern, deren Wendung er ganz dem Schicksale überlassen muß, da ihm völlig Sachkenntnis fehlt. — Neulich hat sich hier ein Leseverein gebildet, dessen Zweck sein sollte, der Seperationssucht, die so mächtig in allen hiesigen jüdischen Classen um sich greift, daß dadurch allem guten- Willen, der etwa erweckt wird, Dämme gesetzt werden, zu steuern und ein Band der Vereinigung zwischen allen hiesigen jüdischen Ständen zu knüpfen; denn wo Einheit fehlt, da schwindet alle Hoffnung zur Belebung eines nationalen Körpers; aber leider sind sie nur Hoffnungen geblieben, denn der Leseverein besteht kaum aus 106 Mitgliedern, wo man nichts Wesentliches zur Beförderung der Bildung beitragen kann. Es herrscht hier so ein indifferenter Kleinmuth, daß . die mindeste ausgesprochene Schmähung auch dem durch sein Vermögen noch so unabhängigen, durch seine Bildung noch so freidenkenden Israeliten ganz den Muth nimmt, sich einer Gesellschaft, deren Aufgabe Bildung zu verbreiten ist, anzuschließen, und manche, die im Geiste der Zeit leben wollen, beschäftigen sich mit literarischen Arbeiten, versteckt und verborgen. O Krakau, in dir lebten einst Israeliten, die den Geist in sich und untereinander bereicherten, Israeliten, die die nationale Phantasie entstammten, jetzt bist du alles