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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-17 · Heft 12 (17.3.1874) · p. Seite 199

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 12 (17.3.1874)
Date
1874-03-17
Page
Seite 199 (sequence 13)
Language
German
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199 und liefert einen weiteren Beleg dazu, daß auch daß Iudenthum seine Jesuiten hat, die dem Grundsatz huldigen: „Der Zweck heiligt die Mittel", nur daß die unsrigen plumper sind, als ihre ehrenwerthen Collegen in Rom. Ich erzähle sie mit den eigenen Worten meines Freundes: „Als ich den kabbalistischen Mysticismus überwunden und durch das Studium der Philosophie zu einer lichtvolleren Religionsanschauung mich emporgearbeitet hatte, entschloß ich mich nach Stuttgart überzusiedeln, um mir dort die nöthigen Kenntnisse zur Maturitätsprüfung anzueignen und sodann die Universität zu beziehen und die regelrechte theologische Laufbahn zu betreten. Ich reiste also nach Stuttgart — es war im Jahre 1863 — und ging zunächst zum Herrn Kirchenrath, um mir von ihm in Betreff meiner Studien Rath ertheilen zu lassen. Von meinem ehemaligen Chassidismus , sowie von meinem nunmehrigen Gesinnungswechsel schon vorher unterrichtet, empfing mich derselbe mit der größten Leutseligkeit, unterhielt sich mit mir fast drei Stunden und begleitete mich beim Weggehen bis an die Treppe, eine seltene Ehrenbezeugung von einem solchen Manne , einem Jüngling wie mir gegenüber, und lud mich auf's Freundlichste ein, ihn, sobald ich mich in Stuttgart angesiedelt haben werde, oft zu besuchen. Wie frappirte es mich daher, als ich vier Wochen.später ihn wiederum besuchte und derselbe mich auf's Frostigste empfing, sich zurückhaltend, ja mürrisch und verdrossen mit mir unterhielt, und als ich ausstand, um mich zu verabschieden, wie erschreckt znrückwich bis an's entgegengesetzte Ende seines Wohnzimmers; denn in diesem, wo seine Hausleute anwesend waren, empfing er mich, nicht in seinem Studirzimmer, wie das vorige Mal. Ich sprach mein Befremden hierüber gegen mehrere Bekannte aus, und erst nach drei Wochen wagte ich es wieder, ihn zu besuchen. Da war er wieder aufgethaut und freundlich, und als ich mich empfehlen wollte, sagte er: „Warten Sie ein wenig, ich will Ihnen etwas zeigen." Er ging und Holte einen vier große Seiten starken Brief und gab ihn mir zu lesen. Da wurde mir auf einmal Alles klar. Der Schreiber, der sich „Anonymus" unterzeichnet hatte, schilderte ihm mein früheres asketisches Leben und meine neuerdings erfolgte Metamorphose und suchte ihm zu beweisen, daß diese meine Umwandlung bloß eine scheinbare und ich noch der ehemalige fanatische Ehassid sei. Die simulirte Umwandlung habe keinen andern Zweck, als, mich bei ihm, Dr/SW., einzuschmeicheln, um ihn, den ich früher oft als b-nir ->2is und als die Hauptursache des religiösen Abfalls unter den Israeliten Württembergs bezeichnet habe — hnrribile tlirin — durch ein Attentat für die Zukunft unschädlich zu machen. Durch diese That wolle ich wo: ->dtd sein für die Orthodoxie. Schreiber räch ihm daher, mich sogleich; wenn ich zu ihm käme, durch einen Polizeimann einstecken zu lassen, dä ich ohne Zweifel mit geladenen Pistolen komme. — — Obgleich ich den Schreiber selbst nicht ermitteln konnte, so wußte ich doch ganz gut, aus welchem Lager er kam. Es waren dieselben, die mich ehemals wie einen Heiligen verehrten, und die,- als sie von Meiner Gesinnüngsänderung hörten , alle möglichen Mittel aufboten, um mich der Orthodoxie zu erhallen, und nun, da sie alle Versuche scheitern sahen, meiner neuen Laufbahn einen Stein in den Weg zu legen suchten, weil sie wohl wußten, daß' die Orthodoxie, wenigstens die Mainz-Franksurt-Würzburgische, einst keinen eifrigen Förderer an mir haben werde." Correspondenzen. Buk, 16. Februar. Das widerliche Treiben in Grätz ist noch immer im Wachsen^ begriffen. Als Beweis hierfür theile ich Ihnen einen Artikel des „Wochenblattes für die Städte des Buker Kreises" mit: „Die Wallfahrten zu dem hiesigen Rabbiner, Herrn G u t tmacher, die auch schon eine kleine Polemik in der Posener Zeitung herbeigeführt, haben zunächst für Grätz das günstige Resultat ergeben,' daß der schon längst gewüiische Anschluß an die Berliner Züge in Opalenica durch eine Omnibusverbindung seit dieser Woche geschaffen worden ist. Es. mag auch hier Erwähnung finden, daß eine Menge jüdischer Familien durch den Zuzug so vieler Fremder, die rituell speisen wollen, eine ihnen ganz willkommene Einnahmequelle finden, auf die sie indessen für die Dauer nicht rechnen mögen, da der durch die enorme Zähl von Besuchen überangestrengte Greis trotz seiner anerkannten Bereitwilligkeit, seinen Mitmenschen in uneigennützigster und humanster Weife zu rathen und zu helfen, sich gezwungen gesehen hat, in den Organen der betheiligten jüdischen Kreise dringend zu bittenihn im Interesse seiner Gesundheit mit derartigen Besuchen zu verschonen." Bemerken muß ich zu dieser Auslassung des obseuren Blättchens, daß der Nedacteur desselben ein Grätzer Jude ist, der auch an der Wunderkraft des „Rebbeu" wohl nicht zweifelt. Er würde sonst dem Greise rathen, einfach zu erklären: Ich bin ein Mensch wie andere auch, und kann weder segnen noch heilen! Statt dessen wird aber, wie der „Grätzer Redacteur" sagt-, nur gebeten, ihn wegen seiner Gesundheit zu schonen. Bei den „Gläubigen" wirkt eine solche Bitte natürlich nur als Zugmittel, umsomehr, als der „humane Greis" wirklich jedem Hilfesuchenden diese gewährt, und reichen Leuten sogar gestattet, sich in seiner Nähe wochenlang aufzuhalten, um sie zu heilen. Daß ärmere oft ihre entbehrlichsten Kleider verkaufen müssen, um die Kosten der Rückreise zu bestreiten, will der Lobhudler im „Grätzer Wochenblatte" nicht wissen, und daß die polnischen Pilger den „Nebben", wie nur immer Katholiken ihre Reliquien, verehren, das scheint ihm ganz selbstverständlich/ Es ist aber empörend, anzusehen, wie sie sich drängen, wenigstens seinen Rock berühren zu können. Um einen Tropfen seines „Habdalah-Weines" sollen sie sich förmlich schlagen. Es werden natürlich zahllose Wunder-

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