Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1874)
- Date
- 1874-03-17
- Page
- Seite 201 (sequence 15)
- Language
- German
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201 desseruberäubt, in btt findet weder der jüdische Nationalgeist seine gehörige Pflege, noch die Wissenschaft Schutz und Aufnahme. Niemand ist da, der deine schlummernden Kräfte wecken, Niemand , der dich zum wirklichen und geistigen Leben ermuntern möchte! .l. Machof. ' Aus Bayern, im März. Zu einem Antrag des l)r. Diendorfer in der bayrischen Kammer über das Verbot der holländischen 2*/2 Guldenstücke rc. brachte vi. Volk als ein eclatantes Hisum icncalis einen Zusatz ein, es möge dem Finanzminister hierzu ein 10 Millionencredit bewilligt werden, und der Finanzminster selbst, in Bekämpfung des Diendorfer'fchen Antrags, verlangte sogar 46 Millionen. Da trat nun bei der Debatte Pfarrer Nußwurm als Partisane des Dr. Diendorfer gegen Völk auf, und kam zur Exclamation: „Sie sehen also, meine Herren, wie das Volk durch den abscheulichen Wucher der Banquiers und Juden um's Geld gebracht wird." Später fügte er (eigentlich ein Spott auf das eigene Weihwasier) auch getaufte Juden hinzu, als im Bunde die dritten. Herr Rußwurm gesteht denn doch zu, daß auch christliche und getaufte Banquiers so tolerant sind, das Landvolk zu bewuchern. Er wird es es wohl auch gefunden haben, daß auf dem Gebiete des Gewinnes jede Fraktion und Confession ihr Wuchercontingent stellt, das auch einer Revanche stets gewärtig ist. Hat doch Fräulein Spitzeder dies mit dem goldenen Kreuz auf dem Herzen und dem frommsten Papismus am klarsten bewiesen. Wozu aber den Juden gerade hervorheben? Wenn ein Jude im Genre der Spitzeder manövrirte — es that es aber keiner — aus seiner Religion hat er das nicht; das hat er anderswo gelernt« Das muß Herr Rußwurm als Pfarrer besser wissen, wie jeder Laie. Von einem Geistlichen, der im Beichtstuhl von so vielen Schwächen des Herzens und Versündigungen an Gott- und Menschenrechten im eigenen Glaubensbereiche Kunde erhält, wäre zu erwarten, daß er das Bekenntniß für das Werk eines Missethäters nicht verantwortlich mache, besonders jenes Bekenntniß nicht, bei welchem sein eigenes Evangelium in die Schule ging, und das die wichtige Lehre enthält, „vor dem Blinden keinen Anstoß hinzulegen", i. c. den Unkundigen nicht zu hintergehen. Von einem Priester, der, in Repräsentanz seines Heilands, als verkörperte Liebe auf der Kanzel erscheint, wäre ferner zu erwarten, daß sein Leben harmonisch mit seiner Unterweisung gehe. Und doch sind die Herren mit deut Brevier in der Hand gerade hrevi manu mit Verketzerungen fertig. Im Leben schaut es gar nicht so schlimm aus. Schreiber dieses wohnt neben einem sehr frommen katholischen Städtchen, wo man seit 25 Jahren unter den freundlichsten > Versprechungen Juden zur Ansässigmachung einladet. Es ist auch noch gar nicht lange her, da saßen drei ehrsame Bürger dreier Städtchen aus dem Wahlkreis des Herrn Rußwurm in einem Gasthof, und ich hörte (von ferne) die Worte sie sagen: Wenn wir auch Juden hätten, wie Ihr Anderen, da stünde es bei uns besser." Also stört nur Ihr den Frieden nicht, meine Herren, die Bürger werden schon draus kommen. Will aber Herr Rußwurm dem Landvolk wirksam helfen, so sorge er 1) für einen gediegenen Schulunterricht auf dem Lande; 2) beliebe er, als Reichstagsmitglied, zu dem jetzt vorliegenden Militärgesetz den Antrag auf „Grüdung von Militärschulen" einzubringen, damit der dreijährige Wehrdienst für die noch primitive ländliche Jugend nicht bloß eine Schule des Gehorsams, aber auch gemüthlicher Muße werde, woraus der urwüchsige Rekrut oft mit halbverwitterter Manneskraft heimkehrt von den physiognomischen Studien des Unterrocks; sondern _ ein Stück städtischer Bildung in die Heimath mitbringe, und wisse, was an der Zeit sei. Endlich 3) mache man das Landvolk empfänglicher für Nüchternheit. Herr Rußwurm gehe in seine Wahlresidenz, und beobachte an einen Schrannentag, was mancher Oekonom nach einem guten Verkauf sich zuerst holt. Meistens einen tüchtigen — Trunk, i. e. Rausch. Durch diesen Kamerad geräth das Landvolk in größeren Verlust, als durch den Wucher der Juden. Meinen Sie nicht auch Herr Nachbar? Unze Zum 1. Mai d. I. oder auch zum sofortigen Antritt suchen wir für unsere dreiklassige Schule einen seminaristisch gebildeten Lehrer. Gehalt 30 0 Thlr. Der Synagogen-Vorstand _ z« Briefen W-Pr. Die hiesige Lehreru. Cantorstelle, verbunden mit einem Gehalt von 400 Thlrn., freier Wohnung, Heizung u. Licht, soll am 1. Mai d. I. anderweitig besetzt werden. Qualificirte Bewerber wollen sich an den Unterzeichneten wenden. . Dintzlaken, den 6. März 1874. D er Bo r steh er Carl Jacob. i g e n. Inserat. Znm sofortigen Antritt wird ein Schächter n. Vorbeter bei einem jährlichen Einkommen von 300 Thalern gesucht, tteflcctanten wollen sich melden beim Vorstand der Synagogen-Gemeinde __ in Norenherg i/Pomm. In Flies, iGemeinde ist die Relig ionslehrer¬ und Cantorsteile mit einem Jahr f. Salair von 240 Thlrn,. inet. Schullocal zu besetzen. Bewerber wollen sich unter Einsendung ihrer Zeugnisse hei Unterzeichnetem melden. Wert her in Westphalen. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde.