Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1874)
- Date
- 1874-03-17
- Page
- Seite 196 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226973--32447-3255413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
196 reiches Lob gebühren. Denn -wie hoch-noch vor mehreren Jahren die Wogen inmitten-unserer Neligionsgenossenschaft, hervorgerufen durch die Agitationen unserer hyperorthodoxeü Partei, gestiegen waren, gegenwärtig ist völlige Windstille, Ruhe eingetreten, die freilich weit entfernt ist von jenem messianischen Frieden, den uns die Propheten in Aussicht stellen. Nur einmal noch in jüngster-Zeit hat sich die Partei zu einer Thal äufgerafft: zu einem Proteste gegen die Verbindung der Stelle eines theologischen Mitglieds bei der königl. Oberkirchenbehörde mit dem Rabbinate in Stuttgart, als gegen eine Verbindung, aus der Unzukömmlichkeiten entspringen müssten. Doch der Protest ward, wenngleich er an sich nicht einmal unberechtigt erscheint, ad acta gelegt, sicherlich deshalb, weil die spärlich zu Gebote stehenden Geldmittel eine Trennung beider Aemter nicht gestatten und überdies aus der Verbindung derselben bisher ein nachweisbarer Nachtheil nicht erwachsen sei. Seitdem verhält sich die Partei völlig schweigend und giebt selbst nicht einmal in ihrem Leiborgane ein Lebenszeichen von sich. Will .sie sich vom Schauplatze zurückziehen, oder ist sie in der Auflösung begriffen , oder fehlt es ihr gegenwärtig an einem belebenden, treibenden Mittelpunkle, an einem Führer, den sie bisher an einer nunmehr außer Landes befindlichen Persönlichkeit besessen hat? In der That legt sich der Gedanke an die Auflösung der Partei schon deshalb nahe, da sie ihre Drohung, die Berathung über die Aufhebung der Personalsteuer in der Ständekammer für ihre Zwecke zu verwerten, zu verwirklichen nicht einmal den Versuch gemacht hat. Wie leicht hätte sie bei dieser Gelegenheit einen Abgeordneten zu einer Interpellation über die jüdischen Angelegenheiten im Allgemeinen, deren Umgestaltung die Partei so sehnlichst wünscht, veranlaffen können, um so mehr, da die Motive, mit denen die Regierung den Gesetzentwurf begleitete, den passendsten An- - knüpfungspunkt hierzu dargeboten haben. Aber nichts von allerem. Sollte sich kein Abgeordneter hierzu bereit gefunden haben? Wir können dies nicht glauben und müssen eher annehmen, daß die Partei ihren bisher so hartnäckig geführten Kampf aufgegeben hat. Sicherlich eine bedeutsame Thatsache, die wir zu registriren nicht unterlassen wollten. — Sollen wir nun aber die Partei zu.den Todten zählen , so wollen wir doch auch, eingedenk des ,>o moriuis nihil nisi bene, das Geständniß nicht unterdrücken, daß sie vielfach belebend und anregend gewirkt und die jüdischen Angelegenheiten aus jener Stagnation gerettet, in die sie oft zu versinken drohten. Möchte nur ein Weniges von Ihrem Interesse für die religiösen Angelegenheiten auf die große Masse übergehen! Oestermchischungarische Monarchie. Bonn, 9. März. Wir erhalten soeben die dem „Pester Lloyd" beigelegte „Denkschrift in Angelegenheit des Rabbincrbildungsinstitutes. Im Aufträge des königl. ungar. Ministers für Cultus und Unterricht, verfaßt von I. Ramacher, Sectionsrath." Wir werden in nächster Nummer darüber berichten. Pest, 5. März. (Privatmitch.) Der von den Schomre- Hadath mit allem Eifer betriebene Chillul-Haschem trägt seine Früchte, ehe die Angelegenheit im Reichstage noch gar zur Verhandlung kommt. Als nänllich in der heutigen Sitzung ein Abgeordneter das Gesuch der Varpalotoer israelitischen Gemeinde überreichte, welche bittet, däß aus dem Schulfonds nicht bloß die orthodoxen und neologen, sondern auch die conservativ-auton o m i st i s ch e n Juden einen Theil bekommen mögen, wurde unter allgemeiner Heiterkeit die Frage aufgeworfen: „Wie vielerlei Juden giebt's denn eigentlich?" Schade, daß der jüo. Abgeordnete im ungarischen Reichstage, Herr Moritz Wahrmann, durch Krankheit verhindert ist, gegenwärtig an den Sitzungen Theil zu nehmen, er hätte diese Frage gewiß nicht unbeantwortet gelassen. Vor dem Osterfeste werden sich die Väter des Landes mit dieser Judenfrage kaum noch beschäftigen. Prag, 9. Februar. (Privatmitch.) Bei der am 7. d. M. abgehaltenenen Plenarversammlung des „Unterstützungsvereins fürarme israelitische Universitätshörer" wurde vom Ausschüsse desselben der Rechenschaftsbericht für das Jahr 1872 veröffentlicht. Derselbe weiset ein, mit Rücksichtnahme auf die Verhältnisse, die wenigstens im Jahre 1873 für ein solches Unternehmen nichts weniger als günstig waren, sehr erfreuliches Wirken des genannten Vereines, der erst seit drei Jahren unter dem Protectorate ves Herrn Pfrofessor Dr. Kämpf besteht, nach, wenn auch der Zustand desselben lange noch kein so günstiger ist, wie der des gleichbenannten, jedoch viel ältern Wiener Vereines. Die Zahl der int Laufe des verflossenen Jahres mit Darlehen betheilten Mitglieder betrug 30, an welche 39 Darlehne im Gesammtbetrage von 915 fl. verausgabt wurden, und zwar um 15 Darlehen mehr, als im Jahre 1872, und zwar wurden zu diesem Zwecke um 422 fl. 50 kr. mehr verausgabt, als im Jahre 1872. Der Verein hat den Zweck, in erster Reihe jenen Mitgliedern Unterstützungen zukommen zu lassen, welche dieselben zu den ungewöhnlichen Auslagen, zu Rigrosentaxen und Collegiengeldern benöthigen, so daß durch den Verein schon so manchem strebsamen Studenten die Erreichung seines Zieles wesentlich erleichtert wurde. Es wurden nämlich in den wenigen Jahren seit der Gründung des Vereines an 55 Mitglieder deffelben 85 Darlehen im Gesammtbetrage von 2302 fl. .50 kr. vertheilt, von welchem Betrag noch 2000 fl. 10 kr. außenstehen ldie. Mitglieder des Vereines sind natürlich verpflichtet, die empfangenen Darlehen dem Vereine nach Absolvirung der Studien und nach Erlangung einer selbstständigen Stellung zurückzuerstatten). Diese erfreuliche Thätigkeit, die der Verein entwickelte, wurde bloß durch die wärmsten Sympathien möglich, die man ihm von allen Seiten entgegenträgt.