Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1874)
- Date
- 1874-03-10
- Page
- Seite 179 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226972--32429-3255394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
179 in englischer Sprache verrichtet , die Predigt in hebräischer gehalten. Der Knabe hatte nicht in die Capelle gehen wollen, dann bitter geweint und nach seinen Kleidern gefragt. Zum Nachmittagsgottesdienste kam er zuletzt, und am Abend gar nicht. Als man aus der Capelle nach Hause kam, war der junge Mensch verschwunden, eine Kiste erbrochen und mehrere Sachen waren daraus gestohlen. Später fand der Vorsteher bei dem Angeklagten zwei Kragen, die er aber als die seinigen erkannte. Nachdem dies gegen den jungen Ausländer vorgebracht war, erhob sich der Bertheidiger, der seine Rede damit einleitete, daß er den mehrerwähnten vi-. Stern der Jury als dasjenige Individuum vorstellte, welches den abessinischen Krieg und dadurch für England eine Ausgabe von 60,000,000 Thalern verschuldet hatte. Dr. Stern war nämlich zur Bekehrung der Juden nach Abessinien gegangen, hatte aber keinen andern Erfolg, als sich mit dem König Theodor über die Königin von Saba zu streiten und eingesperrt zu werden. Nachdem der Bertheidiger noch einige Bemerkungen über den Judenbekehrungsverein und dessen Wirksamkeit gemacht, erklärte er, daß keine genügenden Beweise gegen den Angeklagten vorliegen, daß tausend gleiche und aus derselben Fabrik herstammende Kragen existiren, daß der Knabe vielmehr die Wahrheit gesagt habe, nämlich, daß die Taufceremonien ihn in Angst versetzt haben und er daher davongelaufen sei. Ein Zeuge erschien, der dem Angeklagten ein gutes Zeugniß ausstellte, und als eben ein anderer aufgerufen wurde, erhob, sich der Obmann der Geschworenen mit der Erklärung, daß die Jury nichts weiter hören wolle, und diese sprach, ohne das RefumL des Richters abzuwarten, ihr „Nichtschuldig" aus. I e u i f Intriguen vor siebzig Jahren. Erzählt von L. Schr. V. „Und worauf stützest Du diesmal Deine Hoffnung, lieber Bernhard?" hatte Dora gefragt, indem sie ihrem Bräutigam die gespannteste Aufmerksamkeit zuwandte. - „Nun, Du weißt schon, daß man beabsichtigt, unsere Armenschule in eine größere für die ganze Gemeinde umzuwandeln, und man hegt die Erwartung, daß die herzogliche Regierung dies Unternehmen kräftig unterstützen werde, dies muß aber den Lehrern der Anstalt eine ganz andere und gesicherte Stellung geben, als bei einer schwankenden Privatanstalt. Man wird mir deshalb die Niederlassung nicht wieder verweigern. Auch wirst Du den heutigen Zwischenfall mit dem Professor T. erfahren haben. Ich kenne ihn seit längerer Zeit und habe mich von ihm selbst über seine Methode belehren lassen. Doch war er von den wirklichen Erfolgen derselben so überrascht, daß er mir um den Hals fiel, und mich seiner ewigen Dankbarkeit versicherte. Diese will ich jetzt benutzen, und er wird mir gewiß das nachdrücklichste Zeugniß nicht verweigern, welches ich meinem Gesuche beilegen will. Aber noch ein anderes steht mir zu Gebote. Ich ertheile seit einigen Monaten einem Neffen des Polizeidirectors Unterricht in der hebräischen und chaldäischen Sprache. Der junge Mann will Theologie studiren und macht so gute und schnelle Fortschritte, daß er das Erstaunen seiner Lehrer erweckt hat. Er wohnt im Hause seines Oheims und ich bin diesem bereits mehrere Male begegnet. Auch er will meine Bitte durch einige empfehlende Worte unterstützen. Was sagst Du nun hierzu?" Das Angesicht des Mädchens leuchtete vor Freude; sie klatschte in die Hände und wußte ihren Gefühlen kaum Ausdruck zu geben. Ein Professor und gar ein Polizeidirector waren in i e t o ti. jener Zeit in einer kleinen Residenz so hochstehende Personen und so außerhalb des Gesichtskreises der Juden, daß deren Theilnahme als ein außerordentliches Ereigniß erscheinen mußte, deffen Wirkung zweifellos sicher stand. Die Hoffnung wurde in der Seele des jungen Mädchens vor solchen Thalsachen zur Gewißheit, und goß die Gluth des Glückes durch die Kammern ihres Herzens. „Ja, rief sie aus, dann hast Du recht, so zuversichtlich zu sein!" Ihre Hände fanden sich und ihre Blicke senkten sich liebevoll -ineinander. „Aber theure Dora," hob Bernhard wieder an, „das ist doch noch nicht das Wichtigste, was ich Dir mitzutheilen habe. Höre weiter. Mehr noch als die Kijumin beschäftigt mich die Sorge für unsere Zukunft. Ich will Dir gern ein heiteres Loos bereiten, und muß daher daran denken, einen lohnenden Erwerb mir zu verschaffen. Das Gehalt eines Lehrers und seine kleinen Nebenverdienste reichen doch nicht aus, um einen Hausstand zu sichern. Die paar Hundert Thaler, die Du von Deinen Eltern erhältst, aufzuzehren, habe ich keine Lust, und eigenes Vermögen besitze ich nicht, und war auch mein bisheriger Beruf nicht geeignet ein -solches zu erwerben." „Das wußte ich immer," erwiderte das Mädchen, „und habe auch nie darauf gerechnet. Die Erbschaft, die Dir persönlich Dein Großonkel vermacht hat, hast Du Deiner Schwester abgetreten, um ihre Verheirathung zu ermöglichen. Und ich billige dies auch nachträglich, denn Du hast dadurch ihr Glück für immer gegründet. Aber Du vergißt, daß ich auch da bin, und daß ich durch meine Feinstickerei, die ich, wie Du weißt, wacker verstehe, auch etwas zu verdienen vermag, wie ich dies bis jetzt gethan, und wofür ich keinen kleinen Theil meiner Ausstattung seit Jahren schon angeschafft habe, um meinen Eltern diese Last zu erleichtern. Diese Kunst wird uns gewiß manche Beihülfe gewähren." Bernhard lächelte. „Gewiß, gewiß, Theure; aber Du wirst 11