Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1874)
- Date
- 1874-03-10
- Page
- Seite 178 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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aber mögen wohl denken: Wir -sind Vertreter des Volkes/ nicht aber unserer Glaubensgenossen/ und schweigen darum lieber auch. Kommt ihnen ein Dorf oder ein Flecken mit einer Beschwerdeso werden sie sich beeilenihmmöglichst gerecht'zu. werden — aber eine Million Juden? das könnte ja wie ein individuelles Interesse auSsehen! Wir sehen - jedoch nicht ein, warum wir auch u n s e rer Empfindung Stillschweigen auferlegen sollten. Pest, 23. Febr. (Privatm.) Die Wühlereien der sog. orthodoxen Gemeinden gegen das Rabbinerseminar werden kräftigst fortgesetzt, und es laufen immer Fiehr Petitionen gegen dasselbe bei dem/Abgeordnetenhause ein. Im Unterrichtministerium wird ein Memorandum zu Gunsten dieses Instituts ausgearbeitet. Aber es sieht sich von den jüdischen Gemeinden, welche für das Seminar gesonnen, nach den Congreßstatuten organistrt sind, oder doch den Charakter der Aufklärung haben wollen, wenig unterstützt. Den massenhaften Petitionen der Gegner sollten doch wohl solche der Freunde entgegengesetzt werden, um bei den Abgeordneten den Gedanken nicht aufkommen zu lassen, als ob die sämmtlichen Juden Ungarns oder nur die Mehrheit derselben durch jene Petitionen repräsentirt würden.: Allein nichts davon geschieht, und hiermit ist nur' ein ungünstiger Erfolg zu erwarten. Ueberraschen kann dies nicht sehr, wenn man die Gleichgültigkeit unserer Glaubensgenossen für Anstalten kennt, welche eine wissenschaftliche Ausbildung der Rabbiner und Lehrer'bezwecken. Sie wollen Rabbiner und Lehrer von großer wissenschaftlicher Bildung anstellen- und scheuensich nicht, selbst die übertriebensten Anforderungen an solche zu stellen, — aber woher diese kommen sollen, bedenken sie niemals. Das überlassen sie dem guten Glücke und Andern, die mehr Sinn und mehr Aufopferungsfähigkeit besitzen. Großbritannien. London, 26. Februar. Die „Engl. Corr." schreibt: Vielleicht die unglücklichste Idee, auf welche die von der christlichen Kirche erfundene Propagandasucht hat verfallen können , ist die, Judenbekehrungsvereine zu gründen. Aber unglücklich wie die Idee ist, fle existirt einmal, und in dem reichen England findet sich schon immer eine Anzahl guter, mit Gold gesegneter Christendie ihr Scherflein diesem Zwecke widmen. Siebentausend Pfund Sterling, wurde vor Kurzem in einem hiesigen Blatte behauptet, kostet jede bekehrte Judenseele, und der nur ein klein wenig rechnende Menschenfreund muß sich -fragen, ob es nicht viel besser wäre , die Tausende von Pfinw Sterling zur Bekehrung der Heiden — nicht in Afrika und Asien oder in den Steppen Amerikas — sondern iw London zu verwenden. Auf dem Continente, namentlich im russischen Polen wimmelt es bekanntlich von Juden, denen man es sofort ansieht, daß sie mit irdischen Glücksgütern nicht gesegnet-sind: Diesen russischpolnischen Juden ist gar wohl bekannt, daß die Engländer sich esetwas ( kosten lassen-, sie für den Himmel -zu annectiren, und wenn -die jüdischen Feiertage, deren rituelle- Befolgung kostspielig ist, herankommenbegiebt sich wohl mancher Familienvater nach London, um die heilige Taufeein oder mehrmal über sich ergehen zu lassen, und einen Theil des verdienten Gelves -an die Frau zu -schickendamit diese die Osterkuchen N. dergl. m. kaufen könne. Freilich finden diese Jndustrieritter ihr Geschäft nicht immer so profitable, wie ihnen vorgespiegelt wurde oder wie sie (sich-eingeredet haben, und dann gehen sie zum Judenthume zurück,, aber nicht ohne mit den Missionaren erst „abzurechnen", d. h. ihnen die Fenster einzuschlagen oder dergleichen. Natürlich kommen dann die Schuldigen vor die Polizei, und das große Publicum hört von der Judenmission. - Aber nicht immer sind es Familienväter, welche mit den Missionaren in Berührung kommen. Da giebt es in Whitechapel eine Anzahl junger polnischer Juden, 'deren Unternehmungsgeist fte; hierher geführt hat, die hier durch Handwerk- oder. Schacher auf die eine oder die andere Weise reich zu werden hofften. ' Das ging aber nicht so, wie sie gehofft und erwartet, und eines-Tages finden sich die jungen Abenteurer—7. brodlos; brodlos in London. Was thun? Sie wandern die Straßen auf und ab, sehen die reichgefüllten Tausende und Zehntausende von Läden und — ihnen knurrt der Magen.' Stehlen wollen sie nicht. Da hören sie von einem Eingeweihtenund deren giebt es in Whitechapel genug — daß für einen Juden nichts leichter sei, als den Magen zu füllen und Kleider zu erhalten. Sie brauchen nur zu Dr. Stern zu gehen, zu erklären, daß sie gern erfahren möchten, wie es denn mit dem Messiah so eigentlich stehe, um in eine Anstalt geschickt zu werden, wo sie ohne Weiteres Essen, Kleidung/Wohnung und ein kleines Taschengeld erhalten. - v So mochte es dem sechzehnjährigen Harno Kevanski aus russisch Polen ergangen sein, der gestern vor den Geschworenen stünd unter der Anklage, 12 Hemden und dergleichen Sachen im Gesammtwerthe von 6 Pfund Sterling aus der „Anstalt zur Bekehrung der Juden zu den Doctrinen des Christenthums" gestohlen zu haben. Der Vorsteher dieser Anstalt sagte aus, daß der Angeklagte, der, wie er wußte/ erst kurze Zeit in England war, und kein Englisch verstand, mit einer Bescheinigung von vr. Stern, daß der Knabe sich bei ihm nach-der Wahrheit in Betreff des Messiah erkundigt hat, zu ihm gekommen sei und natürlich Aufnahme gefunden habe. Nach dem Reglement des Asyls mußteder Aufgenommene zweimal des Tages dem Gottesdienste beiwohnen, bis die Taufe anihm vollzogen wurdet Der Vorsteher sagte, daß , der Knabe mehrmals während des Gottesdienste - geweint habe, Und - namentlich am Sonntage, als er bereits fünf Tage in dem Asyl zugebracht hatte. An diesem Tage wurden zwei -von. den zehn im Asyl befindlichen sämmtlich ausländischen Juden nach den Riten der anglikanischen Kirche in Gegenwart aller Insassen getauft. Die Taufe wurde in sehr feierlicher Weise, vollzogen, der Gottesdienst